Berliner Bäderbetriebe

Berlins Schwimmvereine fürchten um Trainingszeiten

Bäder-Vorstand Ole Bested Hensing plant, fünf große Kombibäder in Berlin zu errichten. 14 Schwimmbäder sollen dafür schließen. Bei vielen Anwohnern und Vereinen stoßen die Pläne auf Unverständnis.

Foto: Marc Tirl / dpa

Mittwochnachmittag, strahlender Sonnenschein. Die Hitze an diesen Tagen scheint so manchen ins kühle Nass zu locken. Vor dem Leonorenbad in Lankwitz hat noch niemand etwas von den Plänen der Bäderbetriebe erfahren. Karsten Schirp und Vanessa Rinschel (beide 19) haben gerade das Schwimmbad verlassen, die Handtücher hängen ihnen noch um den Hals. Das junge Paar kann das Vorhaben nicht nachvollziehen. Immerhin würden bestehende Bäder aufgegeben und womöglich erhebliche Anfahrtswege entstehen.

Das findet auch Anja Bertschat (23), gibt aber zu, dass sie die Maßnahme im Falle einer Vergünstigung für die Betreiber nachvollziehen kann. „Die Bäder müssen doch dort bleiben, wo die Menschen sind“, stellt dagegen ein Großvater fest, der mit seinen zwei Enkelkindern Badesachen in ein Auto lädt. Sarah Reuss (35) und ihre zwei Freundinnen bezweifeln, dass das Konzept wirklich aufgehen wird. Zumal durch die Umbaumaßnahmen der neuen Zentralbäder doch sicher „erhebliche Neukosten“ entstünden. „Am besten bleibt alles so, wie es ist“, schlägt Karl-Heinz Mielke (81) vor und zieht seines Weges. Das Wegbrechen der kleinen Kiezbäder wäre für ihn ein herber Verlust.

Kombibäder mit Attraktionen

Bäder-Vorstand Ole Bested Hensing hat am Mittwoch angekündigt, dass er in Berlin fünf große, zentrale Standorte mit neuen Kombibäder plane. Sie sollen auf Grundstücken entstehen, wo es bereits ein Sommerbad gibt und wo genügend Platz ist, um noch eine Schwimmhalle zu errichten. Außerdem seien Wellness-Angebote vorgesehen, um möglichst viele Besucher anzuziehen. Besonderheiten seien geplant, wie etwa ein Tauchturm oder eine große Rutschanlage im Wasser. Zwischen 18 und 35 Millionen Euro könne ein neuer Standort kosten. Im Gegenzug will Bested Hensing 14 andere, sanierungsbedürftige Standorte aufgeben.

Damit würden die Sanierungskosten entfallen. Die Grundstücke könnten für Wohnungsbau angeboten werden und so zur Finanzierung des Vorhabens beitragen. Zunächst will der Bäderchef seine Ideen im Aufsichtsrat vorstellen, der am 6. September tagt. Auch das Abgeordnetenhaus und die Senatsverwaltung sollen das Konzept prüfen. Das neue Konzept der Berliner Bäderbetrieb sorgt für Unruhe bei Anwohnern, Sportvereinen und in Schulen. Der Berliner Schwimmverband hofft, in die weiteren Planungen mit eingebunden zu werden: „Wir sind für jedes Gespräch offen“, sagt Vizepräsident Martin Weiland. Bisher sei ja noch nichts beschlossen: „Als neuer Vorstand hat man immer Ideen.“ Der neue Chef der Bäderbetriebe habe lediglich gesagt, was er sich vorstellen könne, darüber müsse nun diskutiert werden. Es sei bekannt, dass die Bäderbetriebe unterfinanziert seien. Aber wenn Hallen geschlossen würden, werde es schwieriger, ausreichend Trainingszeiten für die Vereine anzubieten: „Wir haben jetzt schon bei der Schwimmausbildung Wartelisten ohne Ende.“

Wellness und Unterhaltung

Zu den Plänen, stärker auf Wellness und Unterhaltung zu setzen, sagte Weiland, Bäder mit „unterhaltendem Charakter“ seien in der Vergangenheit in Berlin nicht so erfolgreich gewesen wie erhofft. „Der Berliner verbringt offenbar einen Urlaubstag lieber außerhalb Berlins in einer Therme. In der Stadt will er sich eher sportlich betätigen.“ Gerade das Frühschwimmen sei in Berlin sehr erfolgreich.

Auch der Landessportbund fürchtet um ausreichende Trainingszeiten, wenn tatsächlich Bäder geschlossen würden: „Wir haben in den letzten Jahren um jeden Quadratmeter Wasserfläche gekämpft“, sagt Sprecher Dietmar Bothe. Wichtigste Kriterien sind aus Sicht des Dachverbands des Berliner Sports Wasserfläche und Nutzungszeiten: „Die Anfahrtswege sind nicht so entscheidend“. Es könne durchaus die richtige Entscheidung sein, Hallen mit hohem Sanierungsaufwand zu schließen und neue zu bauen. Die Zahl der Bahnen und die Nutzungszeiten müssten aber erhalten bleiben.

Die Pläne, mehrere Hallen zu schließen, sieht die Berliner GEW-Vorsitzende Sigrid Baumgardt als Katastrophe. „Schwimmen gehört zum normalen Leben dazu“, sagt sie. Deshalb sei es wichtig, dass Kinder in der Schule schwimmen lernten, wie im Berliner Rahmenlehrplan für die dritten Klassen vorgesehen. Die Organisation des Schwimmunterrichts werde komplizierter, wenn es weniger Hallen gebe und diese auch noch weiter entfernt lägen. Außerdem sei das Schwimmbad ein Ort, den Kinder und Jugendliche auch gern mal ohne Eltern besuchten. Wer Schwimmhallen schließe, mache einen Raum kaputt, an dem sie sich allen bewegen könnten. Auch für Elke Wittkowski vom Berliner Sportlehrerverband wäre es „eine Katastrophe, wenn irgendeine Schwimmhalle geschlossen wird, die von Schulen genutzt wird“. Längere Fahrwege würden den Schwimmunterricht für die Drittklässler teurer machen, weil diese mit dem Bus zur Halle gebracht werden.

Sanierungen sind zu teuer

Doch Bäderchef Ole Bested Hensing hält das derzeitige Konzept, viele alte Schwimmhallen aufwendig zu sanieren, für überholt. „Damit erhöhen sich auch die Betriebskosten“, so der Bäderchef. „Die Summe, die wir jährlich brauchen, um alle Hallen zu finanzieren.“ Zu viele kleine Standorte seien zu versorgen. Derzeit seien vier Bäder nicht geöffnet, „und wir schaffen es völlig problemlos, alle Schulen und Vereine sehr gut in anderen Bädern unterzubringen.“ Zu den geschlossenen Hallen gehört auch der Standort Thomas-Mann-Straße in Prenzlauer Berg. Hensing plädiert dafür, diese Schwimmhalle nicht zu sanieren, sondern aufzugeben. Sie wurde bis zur Schließung von Schulen und Vereinen genutzt. In der Nähe, so Bested Hensing, gebe es etwa die gut sanierte Schwimmhalle am Thälmannpark, und die Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpar. Der Standort Thomas-Mannn-Straße habe Nachteile. „Es gibt keine Parkplätze. Das Gebäude geht genau bis an die Grundstücksgrenze. “

Doch der Vorschlag, die Schwimmhalle Thomas-Mann-Straße zu schließen, kollidiere mit bisherigen Absprachen, sagte Staatssekretär Andreas Statzkowski. In der vergangenen Legislaturperiode hatte das Abgeordnetenhaus fraktionsübergreifend beschlossen, das Bad sanieren zu lassen, damit es weiterhin für Vereine und Schulen zur Verfügung steht. „Wir sind deshalb gegenüber der Öffentlichkeit und gegenüber dem Parlament im Wort“, so der Staatssekretär. „Ich halte nichts davon, dass man Zusicherungen von heute auf morgen über Bord wirft.“

Alternativstandorte prüfen

Man müsse mit den Betroffenen reden. Ob das Parlament möglicherweise auch über einen Alternativstandort nachdenken würde. „Es geht nicht um eine Verringerung der Wasserflächen“, so der Staatssekretär. Auch der Landessportbund, der Schwimmverband und das Bezirksamt Pankow müssten gehört werden. „Wir finden es absurd“, sagte der Sprecher des Landessportbundes, Dietmar Bothe. „Dann hätten wir uns jahrelang vergebens um die Sanierung der Halle bemüht.“

Der Bau in Prenzlauer Berg stammt aus den 70er-Jahren und ist vom gleichen Typ wie die Schwimmhalle Fischerinsel in Mitte. Sie konnte für 2,8 Millionen Euro saniert werden und ist seit 2009 wieder in Betrieb. Doch die Arbeiten in Prenzlauer Berg werden deutlich teurer. Ein Budget von 4,4 Millionen Euro stehe zur Verfügung, teilte das beauftragte Büro Veauthier Meyer Archtiekten GmbH mit. Die gesetzlichen Auflagen zum Energieverbrauch von Schwimmhallen seien gestiegen in den vergangenen Jahren. „Deshalb muss die Gebäudetechnik komplett erneuert werden.“ Alte Trinkwasserleitungen dürften wegen einer neuen Verordnung nicht mehr verwendet werden.