Leuchtend grün und gelb sind die Kügelchen, zehn von ihnen stecken in jeweils in einem kleinen Beutel. Harmlos sehen sie aus, wie bunt verpackte Süßigkeiten.

Doch was Kriminaloberrat Thorsten Kleinert am Donnerstagmittag im Berliner Landeskriminalamt der Öffentlichkeit präsentiert hat, ist eine der gefährlichsten Drogen auf dem Markt. Dem Leiter des Rauschgiftdezernats und seinem Team ist ein spektakulärer Erfolg gelungen. Insgesamt 3,38 Kilogramm Heroin konnten die Kriminalbeamten bei einer Razzia am frühen Mittwochmorgen sicherstellen – und die Bande von Drogendealern gleich mit.

1100 der Heroinkugeln, die zum Verkauf an die Abhängigen so abgepackt werden, hat die Polizei in einem Auto am Leopoldplatz in Berlin-Wedding gefunden. Weitere große Packen mit einem halben bis einem Kilogramm unverarbeitetem Heroin wurden bei der anschließenden Razzia in einer Wohnung an der Guineastraße sichergestellt. Marktwert: gut 500.000 Euro.

Vier Männer zwischen 19 und 50 Jahren konnten festgenommen werden. Gegen drei von ihnen wurden Haftbefehle erlassen. Ein 18-Jähriger, der bei der Razzia ebenfalls festgenommen worden war, kam auf freien Fuß. Ein vierter Mann sei bereits im Vorfeld des Einsatzes in Wedding in Haft gekommen, teilte die Polizei mit.

Der Kopf der Bande, ein Mann Jahrgang 1979, ist auf der Flucht. Doch die Polizei kennt jetzt seinen Namen, er ist zur Fahndung ausgeschrieben. „Wir rechnen damit, dass wir ihn in den nächsten Tagen fangen“, sagte Kleinert. 50 Polizeikräfte waren bei der Razzia dabei.

Polizei will bandenmäßigen Rauschgifthandel nachweisen

Kleinert zeigte sich sicher, dass die Beweise, die sein Team in monatelangen Ermittlungen zusammengetragen hat, ausreichen, um den Männern auch die bandenmäßige Organisation des Drogenhandels nachzuweisen. Das ist für die Ermittler besonders schwierig, würde sich aber strafverschärfend auswirken.

Bandenmäßiger Rauschgifthandel im Öffentlichen Nahverkehr und der Umgebung von U- und S-Bahnhöfen ist Thorsten Kleinerts Spezialgebiet. „Der ÖPNV ist das Rückgrat des Rauschgifthandels in Berlin“, sagte Kleinert am Donnerstag. Über den Nahverkehr könnten Dealer und Käufer innerhalb von Minuten zusammen treffen und flexibel ihre Handelsplätze wechseln – etwa, wenn irgendwo die Polizei auftaucht. Die Drogen würden dann meist auch im direkten Umfeld der Bahnhöfe konsumiert, so Kleinert. Auf Grünanlagen, Spielplätzen, in Hauseingängen.

Gefasste Dealer vor allem im Ostteil aktiv

Die Dealer, die das LKA Abteilung 24 am Mittwoch erwischen konnte, bediente vor allem den östlichen Teil Berlins: den Rummelsburger S-Bahnhof etwa, auch den in Grünau, dazu Plänterwald, Ernst-Thälmann-Park, Nordbahnhof und Nöldnerplatz. Am Mittwoch sollte der Treptower Park mit den 1100 fertigen Kügelchen beliefert werden. „Dazu ist es dann nicht mehr gekommen, in dem Park gab es am Mittwoch kein Heroin“, sagte Kleinert sichtlich zufrieden.

Der Erfolg der Fahnder jedoch ist weitreichender als einen Park in Berlin für einen Tag von der Heroinversorgung abzuschneiden. Nach Angaben der Polizei gelingt es zwar ab und zu, größere Mengen des Rauschgifts sicherzustellen. Letztes Jahr wurden insgesamt 12 Kilo gefunden, erst in diesem Frühjahr flog ein Kurier mit vier Kilogramm auf, die aus Holland nach Deutschland gebracht wurden. Doch größere Mengen des verkaufsfertigen Heroins in Kügelchenform, noch dazu mitsamt Dealern und der Wohnung, in der die Drogen für den Verkauf verpackt werden, werden selten gefunden. „In dieser Kombination ist es einer der größten Funde der letzten Jahre“, sagte Kleinert.

So kommen Drogen aus Afghanistan in Berliner Parks

Der Handel von Heroin und Kokain sei in Berlin gut organisiert, erklärte Kleinert. Einzeltäter seien hier nicht aktiv. Die Polizei gehe von 10 bis 15 Banden aus, die den Handel in der Hauptstadt in der Hand haben. Bandenmitglieder seien fast ausnahmslos Libanesen und staatenlose Palästinenser, viele von ihnen lebten im Asyl- oder Duldungsstatus in Deutschland. 90 Prozent des Heroins würden rund um Nahverkehr und anliegende Parks verkauft. Der Görlitzer Park übrigens, der in letzte Zeit besonders oft Schlagzeilen wegen Drogenhandels macht, gehört nicht dazu. „Dort wird kein Heroin, sondern Cannabis gehandelt“, so Kleinert.

Die am Mittwoch beschlagnahmten Drogen stammen aus Afghanistan, wie in den meisten Fällen. In der Regel über die Niederlande oder die Türkei würden die Pakete mit Heroin nach Deutschland gelangen. In den sogenannten „Verpackerwohnungen“ wie jener an der Guineastraße, werden die Kügelchen produziert. Die großen Pakete Heroin haben laut Polizei einen Wirkstoffgehalt von 50 Prozent. Aus einem Kilo davon lassen sich rund 15.000 Kügelchen zum Verkauf herstellen. Dafür wird das Rauschgift gestreckt, oft mit Paracetamol oder Backpulver, es hat dann ungefähr noch einen Wirkstoffgehalt von zehn Prozent. Ein Kügelchen mit etwa 0,2 Gramm Heroin koste 10 Euro, sagte Kleinert. „In Berlin ist Heroin billig, dafür ist die Qualität aber auch schlecht.“ Süchtige brauchen am Tag insgesamt etwa ein Gramm. In Berlin leben nach Schätzungen ungefähr 10.000 Heroinabhängige.

„Bomben“ in „Bunker"

Die Beutel mit den Kügelchen, die Polizei nennt sie „Bomben“, werden in „Bunkern“ in Grünanlagen und Parks versteckt. Die Dealer können sich daraus bedienen. Sie verstecken immer nur eine kleiner Anzahl Kugeln im Mund, die sie verkaufen – oder herunterschlucken, sollte die Polizei kommen. Die Machenschaften der nun hochgeflogenen Dealer hat das Rauschgiftdezernat in den Parks lange beobachtet, dann die Wege zurückverfolgt und schließlich gelang den Beamten der Zugriff am Mittwoch. Die beschlagnahmten Drogen werden nun auf Fingerabdrücke und DNA-Spuren untersucht, um möglichst weitere belastende Beweise für den Prozess gegen die festgenommene Bande zu bekommen.