Benno Stoiber ist im Schwarzwald aufgewachsen. Doch inzwischen spricht der Ingenieur Deutsch mit so starkem niederländischem Akzent, dass ihm die meisten seiner Zuhörer seine Herkunft kaum glauben wollen. Stoiber, der seit 2008 für die Stadt Amsterdam als Manager für den U-Bahn-Bau arbeitet, hat inzwischen aber nicht nur den Tonfall, sondern auch die überaus direkte und bildreiche Sprache vieler Holländer angenommen.

„Passen Sie gut auf: Nur ein paar Vorfälle, und die Knautschzone wird ganz klein“, warnt er eindringlich die kleine Schar seiner Zuhörer. Unter ihnen die BVG-Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Nikutta, und der BVG-Aufsichtsratschef, Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD).

Die beiden Spitzen des landeseigenen Verkehrsunternehmens sind zu einem Kurzbesuch in die niederländische Hauptstadt gereist, um sich über den Fortgang des kommunalen U-Bahn-Projekts zu informieren. Denn anders als die Berliner mit ihrer U5 sind die Amsterdamer mit ihrer „Noord-Zuidlijn“ schon viel weiter.

Enorme technologische Herausforderungen in Amsterdam

Die zwei jeweils vier Kilometer langen Tunnelröhren für die insgesamt knapp zehn Kilometer lange Strecke sind gebohrt, inzwischen hat der Innenausbau der acht geplanten Stationen begonnen. In Berlin dagegen haben die Arbeiten für den 2,2 Kilometer langen U5-Lückenschluss zwischen dem Alexanderplatz und dem Brandenburger Tor gerade erst so richtig begonnen.

Doch gerade deshalb ist für BVG-Chefin Sigrid Nikutta der Erfahrungsaustausch mit den niederländischen Kollegen wichtig. „Nicht alle Fehler müssen wir neu machen“, sagt sie nach der Besichtigung der geradezu riesigen Bahnhofshalle für die U-Bahn unter der Central Station.

Der Hauptbahnhof steht geradezu beispielhaft für die enormen technologischen Herausforderungen, die die U-Bahn-Bauer in Amsterdam meistern müssen. Wie eigentlich alle Gebäude der Stadt ist er wegen des morastigen Untergrundes auf langen Holzpfählen gegründet. Die standen dem geplanten U-Bahn-Tunnel im Weg. Wären die Pfähle einfach gekappt oder nur leicht beschädigt worden, hätte das gesamte Gebäude einstürzen können.

Kosten erhöhten sich auf 3,1 Milliarden Euro

Also errichteten die U-Bahn-Bauer unter dem alten Bahnhof, der für viele Amsterdamer geradezu ein Heiligtum ist, ein gewaltiges neues Fundament aus Stahlbeton, dessen Pfeiler teilweise bis zu 70 Meter tief ins Erdreich reichen. Erst danach wurde der Tunnel vom Wasser aus quer unter dem Bahnhof hindurch geschoben. „Eine gewaltige Leistung“, sagt Karsten Gruber von der daran beteiligten Ingenieurgesellschaft Grontmij.

Allein dafür wurde ein zweistelliger Millionenbetrag zusätzlich ausgegeben. Und ein weiterer Grund dafür, dass sich die Kosten für das Projekt von ursprünglich knapp 1,5 Milliarden auf inzwischen 3,1 Milliarden Euro mehr als verdoppelt haben.

Auch der Fertigstellungstermin für die Nord-Süd-Linie rückt immer weiter nach hinten. Sollten die ersten Züge auf der mit der Nummer 52 versehenen Nord-Süd-Linie ursprünglich 2011 fahren, ist nun die Inbetriebnahme für Herbst 2017 avisiert.

Probleme beim U-Bahn-Bau wie beim BER

Angesichts dieser Zahlen drängen sich den Berlinern Parallelen zum Hauptstadtflughafen BER geradezu auf. Auch dort drohen die Kosten völlig aus dem Ruder zu laufen. Vier Mal bereits ist die Inbetriebnahme des neuen Hauptstadtairports verschoben worden, ein neuer Termin soll nun im Herbst genannt werden. Das Vertrauen in die öffentlichen Bauherren ist fast gleich Null.

Diesen Tiefpunkt hatten auch die Erbauer der Nord-Süd-Linie schon erreicht. Denn als im Juni 2008 an der Vijzelgracht in kurzer Folge erst Risse in vier Häusern auftraten und dann Wasser in die Baustelle einbrach, kam es zum Aufstand in Amsterdam. Die Bewohner fühlten sich hinsichtlich der realen Gefahren beim U-Bahn-Bau getäuscht. Nachdem infolge einer Unterspülung weitere Häuser absackten und einzustürzen drohten, erzwangen sie einen Baustopp, am Ende musste gar der damalige Bürgermeister der Stadt zurücktreten. „Das Vertrauen war völlig weg“, erinnert sich Baumanager Stoiber.

Dass ab Ende 2009 dennoch weiter gebaut wurde, lag schließlich nicht allein an der Kalkulation, nach der ein Rückbau der U-Bahn-Linie ein Vielfaches mehr kosten würde als deren Vollendung. Vielmehr sorgte die Stadt bei ihrer U-Bahn-Baugesellschaft für einen personellen Neuanfang und einen kompletten Mentalitätswechsel. Statt früherer Geheimniskrämerei und dem Kleinreden von Problemen heißt die offizielle Devise nun: „Offenheit und Transparenz – intern wie extern“.

Transparenz lässt Widerstand aufweichen

Die Daten aller Messpunkte, so die Amsterdamer U-Bahn-Bauer, waren während des Tunnelvortriebs öffentlich von jedermann einsehbar, jede kleine Abweichung wurde der Presse mitgeteilt. Statt Beschwichtigungen hätten die Techniker umfänglich über die Risiken ihrer Arbeit und die Vorsichtsmaßnahmen informiert.

„Eine Offenheit, die sich gelohnt hat“, sagt Stoiber heute. Es gebe zwar nach wie vor eine hohe Sensibilität gegenüber dem Bauprojekt, der fundamentale Widerstand dagegen sei aber geschwunden. „Die Menschen wissen, sie brauchen die Linie, und inzwischen freuen sich auf ihre Inbetriebnahme“, so Stoiber.

Eigene Projektgesellschaft für U5 in Berlin

Auch aufgrund der Erfahrung aus Amsterdam will BVG-Chefin Nikutta nun eine eigene Projektgesellschaft für den U5-Weiterbau gründen. Diese soll nicht nur für die technische Projektsteuerung, sondern auch für das Finanzmanagement und die Risikovorsorge verantwortlich sein. Unterstützung erhält sie dafür von Finanzsenator Ulrich Nußbaum. „Klare, transparente Organisationsstrukturen mit kurzen Entscheidungswegen sind wichtig.“

Angesichts der vorhandenen Kostenrisiken soll der technische Projektleiter Jörg Seegers noch einen Finanzfachmann an die Seite bekommen. „Die Kostenkalkulation stammt aus den 90er-Jahren – allein durch die Baupreisentwicklung der letzten Jahre wird sie nicht zu halten sein“, weiß der Finanzsenator. Um wie viel teurer das Projekt wird, ist derzeit jedoch noch völlig offen. „Es gibt ein Budget, das muss erst einmal ausgegeben werden“, sagt Nußbaum.