„Fühle den Schmerz“, steht auf einem Plakat an der Wand. Es ist Werbung für die Marke „Hot Mamas“. Im Regal steht eine Flasche mit der Aufschrift „Blutsbruder. Für immer vereint“, daneben Gläser mit „Painmaker“, und für den, der es härter mag, „Painmaker hardcore“. Im Grill-Shop wird ordentlich auf harter Mann gemacht. Ernst aber lässt sich nicht abschrecken. Auch wenn er weißhaarig ist und sich nicht mehr unbedingt in einem Alter befindet, in dem man sich täglich prügeln muss, kann er hier noch mithalten. Er geht auf den Besitzer des Grillladens zu und sagt freundlich, aber entschieden: „Wir hätten gerne einen Elektro-Grill.“
Grillen ist, um es mit einer Neuheit in der Umgangssprache zu bezeichnen, der „Burner“. Egal wie alt man ist, egal mit wie viel Schmerz man sein Abendessen verbinden möchte. Sobald man auf den Balkons und in den Parks abends nicht mehr den eigenen Atem sieht, wird stattdessen Rauch gemacht. ‚Angrillen‘ nennt man den Saisonstart. Ein fester Bestandteil des Kalenders, so wie früher Anrudern. In den Supermärkten liegen schon ab März die fertig marinierten Nackensteaks in der Kühlung, direkt neben den Würstchen. Die Baumärkte setzen die Grillpreise runter, und los geht es.
Aber jetzt ist Juli. Der erste Hunger auf Würstchen und Steak ist gestillt, die Lust am Grillen immer noch da. Und jetzt kommen Männer wie Sven Dörge und Michael Schulz ins Spiel. Der eine leitet die Barbecue Company in Heiligensee, mit Grillseminaren und Grill-Event-Catering, der andere führt den Grill Shop an der Hohenstaufenstraße in Schöneberg, in dem Ernst und seine Frau gerade den Elektrogrill erstehen. „Am Herd sind wir kreativ, am Grill werden wir Neandertaler“, beurteilt Dörge die Lage. Deswegen gibt es Schulz und ihn. Für mehr Vielfalt.
Eindruck schinden für 7300 Euro
Der Rolls Royce unter den Grills ist bei Michael Schulz links neben der Theke geparkt. Der California Gas Grill Professional von Lynx mit Messingbrennern und Rotisserie-Brenner, mit einer Grillfläche von 85 mal 48 Zentimetern, einem Gewicht von 183 Kilo und einer Gesamtleistung von 21,04 kW bei 50 mBar. All diese Angaben müssen einem nicht unbedingt etwas sagen, aber, das merkt auch der Laie, dieses Edelstahl-Gerät macht Eindruck. 7300 Euro kostet der Lynx, den kann man aber noch seinen Kindern vererben. So etwas leisten sich doch sicher nur Profis?
„Ach“, sagt Schulz,“ wir haben letztes Jahr fünf davon verkauft.“ Und gerade erst hat er noch zwei weitere ausgeliefert. An ein Start-up Unternehmen. Keine Ahnung, was die damit vorhaben. Klar, dass die Leistung so eines Geräts mächtig was her macht. Aber wer glaubt, dass es beim Grillen vor allem um Hitze geht, der hat etwas gründlich missverstanden. „Sie wollen doch ein Stück Fleisch grillen und kein Schwert schmieden“, bringt es Schulz auf den Punkt. Grillen statt schmieden, das kann man sich merken.
Mit dem Apollo-Grill kann man auch backen
Wen der Auto-Vergleich von Lynx nicht lockt, der kann vielleicht etwas mit Ausstattungen aus dem All anfangen. Der Apollo AS 330 K, zum Beispiel, den es auch schon für 369 Euro gibt. Der Name kommt wohl von der Ähnlichkeit mit einer Raumkapsel. Apollo kann man in verschiedene Elemente zerlegen und dann auch einzeln oder eben als ganzen Grillschrank mit verschiedenen Wärmezonen nutzen. Man kann einen Heißluftofen aus ihm machen und sogar einen Kuchen backen, man kann Fische in ihm räuchern. Die Frage ist, ob beides auch zur selben Zeit sinnvoll ist. Aber mit solchen Zweifeln kommt man bei einem Michael Schulz nicht weit. „Es gibt Leute, die haben schon ein Erdbeereis gegrillt“, sagt er. Beim Grillen gilt nur ein Grundsatz: „Man kann alles grillen.“
Das Spiel mit dem Feuer – das scheint die große Faszination des Grillens zu sein. Deswegen ist auf extrem vielen Produkten im Grill Shop eine Flamme zu sehen. Sogar auf dem Hemd von Michael Schulz züngelt es mittig. Natürlich, so räumt er ein, gebe es auch sehr gute Elektrogrills, schließlich hat er ja gerade einen an Ernst verkauft. Und natürlich bevorzugen dieses Modell viele Leute wegen der Nachbarn, weil es dann nicht qualmt und raucht. Gerade, wenn sie auf dem Balkon grillen wollen. Aber die richtige Begeisterung fürs Elektrische stellt sich bei Schulz nicht ein. „Ich mag die Flamme.“ Warum? „Das hat so etwas Martialisches“, sagt Schulz.
Das wichtigste Grillutensil ist zugleich das unmännlichste
Das Gefährliche, die Urinstinkte, das Ursprüngliche, mit diesen Assoziationen spielt die Grill-Industrie gern. Auf der Theke im Grill-Shop liegt die Zeitschrift „Beef“ aus. Das „Magazin für Männer mit Geschmack“ titelt in diesem Monat mit Buletten. Oder, wie sie es nennen, „Granaten vom Grill“. Klingt aufregender. Am Rost wird es gerne existenziell. Ein besonders beliebtes Modell des Grillherstellers Weber, einer der ganz großen am Markt, ist der Grill „Genesis“ – nicht wie die Band, sondern wie das Buch der Bibel.
Allerdings sollte man nicht so viel auf das Jungsgehabe geben. Das absolut wichtigste Teil einer Grillausstattung ist ausgerechnet das unmännlichste: die Bürste. Wer seinen Grill nicht ordentlich reinigt, riskiert Fettbrand. Und der kann dann tatsächlich schmerzhaft werden. Ganz ohne hardcore, aber mit Brandblasen und Verbrennungen.
Qualität kostet
Wichtig ist beim Grillen aber auch ein Trend, den Schulz sehr begrüßt. Als das Grillen vor ein paar Jahren wiederentdeckt wurde und damit der große Bedarf an Ausstattung begann, kauften die Kunden erst mal die Billigware. Jetzt aber wird den meisten klar, was Qualität kosten muss. Die meisten Grills, die Schulz verkauft, liegen zwischen 800 und 1500 Euro. Was nicht heißt, dass er nicht auch einen Lotusgrill für 80 Euro hat. Das Sortiment ist unfassbar vielfältig, und es kommen gerade neue Marken dazu. Zum Beispiel Rösle, eine deutsche Firma für Küchen- und Haushaltsgeräte, die vor ein paar Jahren erst ihre Liebe zum Grillen entdeckt hat, oder Napoleon, ein deutscher Auswanderer, der heute in Kanada herstellt.
Das dritte, was Schulz Grillern unbedingt empfiehlt, ist eine Haube, mit der sie den Grill abdecken können. Nordamerika macht es vor. Man muss den Grill nicht im Herbst abräumen. Wenn man ihn schützt, kann man das ganze Jahr über brutzeln. Einen ordentlichen Gasgrill bekommt man schon in zehn Minuten heiß, frieren muss man auf dem Balkon also auch nicht. Nur der Newcomer unter den Grills bei Schulz dürfte es im Winter schwer haben: Der höhenverstellbare Grill-Fahrradanhänger ist wohl doch eher Saisonware.
Ananas-Ringe auf dem Rost
Der Boom der Kochbranche hat auch das Grillen erwischt. Es geht schon lange nicht mehr um die Wurst. Bei Sven Dörge, Gründer der Barbecue-Event- Company, werden auch Ananas-Ringe mit Amarettini Honig Chutney und Aprikose mit Frischkäse im Bacon-Mantel gegrillt. So verspricht es auf jeden Fall das Menü an der Wand in dem offenen Schuppen, in dem Dörge seine Grillseminare veranstaltet. 17 Freizeitgriller, nur zwei davon Frauen, sind an diesem Mittwochnachmittag in Dörges Garten in Heiligensee erschienen, um vom Meister zu lernen.
Um Männlichkeit geht es also auch hier, Amarettini hin oder her. In einer schwarzen Kochjacke mit dem Aufnäher-Orden ‚Master of Barbecue‘, beobachtete er, wie langsam seine Schüler eintrudeln. „Ach, eine Frau“, ruft er zwischendurch. „Die kann dann zwischen den Gängen putzen.“ Dörge macht gerne auf Macho, das ist ein bisschen seine Masche. Er hat den Grill „den letzten Rückzugsorts des Mannes“, genannt. In seinem Buch „Grillen“ erläutert er den Zusammenhang zwischen Sex und Barbecue.
Im Leben und im Beruf, das erklärt er gleich zu Anfang des Seminars, gehe es immer darum, gute Geschichten zu erzählen. Das Seminar beginnt mit einer Runde Bier. „Ich werde heute einige Illusionen zerstören“, erklärt Sven Dörge, und die erste hat genau mit dem Begrüßungsgetränk zu tun. „Kippen Sie kein Bier übers Fleisch“, sagt Dörge. „Alles was Sie damit erreichen ist, dass die Dampfschwaden die Asche hochreißen und ihr Steak eindrecken.“ Überhaupt soll Fleisch gar nicht während des ganzen Grillvorgangs über der Kohle liegen. Es ist besser, wenn das Fett in Wasserschalen abtropfen kann. So. Das hat gesessen. Eine männliche Lieblingsbeschäftigung in ein paar Sätzen zerstört.
Aber Dörge ist ja nicht so. Das Bedürfnis, mit der Glut zu spielen, wird dann eben an anderer Stelle befriedigt. Durch nasse Holzspäne, die man auf die Kohle schmeißen kann. Die gibt es in Geschmacksrichtungen wie Pflaume oder Birke oder Walnuss und je nachdem sorgen sie für fruchtigen oder rauchigen Geschmack im Fleisch. „Sie können die Späne auch mit Gin oder Whiskey tränken“, sagt Dörge. „Aber sagen sie das ihren Gästen vorher, schmecken kann man das nicht.“
Spielereien mit Rauch
Auf dem Gebiet des Rauchs gibt es einige Spielereien. Zum Beispiel „Woodpaper“, Holzpapier, in das man Fleisch einwickeln kann, oder Zedernbretter, die man zur Kohle dazugibt. Es gibt Rinde von der Mooreiche, die allerdings etwas muffig riecht, und es gibt sogar flüssigen Rauch. Das könne man alles machen, erklärt Dörge, viel wichtiger aber sei, dass man ordentliche Kohle habe. „Alles unter 1,70 Euro ist Schrott.“ Nur ab einem gewissen Preis habe man eine gute Stückelung, die eine gleichmäßige Luftzirkulation gewährleiste. Auch Dörge hat so seine Probleme mit dem Elektrogrill. „Die Liebe zur Wahrheit steckt im Feuer“, so lässt er auf seiner Webseite verlauten.
Dörges großes Credo aber ist die Entschleunigung. „Wir haben doch genug Stress, entspannen wir uns also beim Grillen“, erklärt er seinen Seminarteilnehmern. „Gehen wir runter mit der Temperatur.“ Das Fleisch auf dem Smoker gart schon seit zwei Stunden, warum auch nicht, das Seminar dauert ja bis acht Uhr, wir haben Zeit. Um den Garzustand zu überprüfen hat Dörge eine Art Baby-Phone. Das übermittelt ihm die Temperatur, die ein Thermometer, das im Fleisch steckt, misst.
In den vier Stunden werden die Teilnehmer einiges übers Grillen lernen, über Keramikgrills und Elektroanzünder, die ganz und gar unsexy aussehen, aber sehr effektiv sind, über klickernde Kohlem und wie sinnlos scharfes Anbraten ist. Als sie den Garten betraten, dachten sie noch, dass hier vier Grills stehen. Schon nach 20 Minuten Seminar wissen sie es besser: Hier stehen ein Smoker und drei Gasgrills. „Der Gasgrill“, so erklärt es Dörge, „hat den Vorteil, dass man die Temperatur sehr genau steuern kann.“ „Und welchen Nachteil hat er?“, fragt ein Seminarteilnehmer. „Hallo“, fällt ihm sein Freund ins Wort. „Wir sind Männer!“
Rezept vom Experten
Und hier noch ein Rezept vom Grill-Experten Sven Dörge:
Lammburger mit Gorgonzola
für vier Personen benötigen Sie:
2 Frühlingszwiebeln
4 Stängel Blattpetersilie
10 Blätter frische Minze
1 EL Olivenöl, 3 EL mittelscharfer Senf, 1 EL Ketchup, 1 TL Zitronenpfeffer, Salz, 2 EL Paniermehl, 500 g Hackfleisch vomLamm, 8 Scheiben Toastbrot (Toasties), 4 Eiertomaten und 100 g Gorgonzola
Zubereitung Frühlingszwiebeln waschen, putzen und klein schneiden. Petersilie und Minze kurz abbrausen und trockenschwenken. Frühlingszwiebel, Petersilie, Minze und Öl grob pürieren. Zusammen mit Senf, Ketchup, Zitronenpfeffer, Salz und Paniermehl unter das Hackfleisch mischen. Die Masse ausgiebig kneten, bis sie gut bindet. Aus der Fleischmasse acht flache, handtellergroße Fladen formen. Die Burger kurz, ca. 30 Sekunden, von beiden Seiten sehr scharf anbraten. Danach sechs bis acht Minuten indirekt weiter grillen. Die Toastbrötchen aufbrechen und toasten. Die Tomaten waschen und in dünne Scheiben schneiden. Den Garzustand der Fleischfladen durch leichtes Draufdrücken feststellen. Sind die Burger nahezu fest, etwas Gorgonzola mittig auflegen und schmelzen lassen. Je ein Burger und je zwei Tomatenscheiben auf die Unterseite der Toastbrötchen legen und deren Oberseite als Deckel auflegen.
Zubereitungszeit: 15 bis 20 Minuten plus Garzeit
Tipp: Das schmeckt auch den Kleinen!





