Personalmangel

In den Berliner Jobcentern fehlen 250 Mitarbeiter

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Joachim Fahrun

Foto: Peer Grimm / picture-alliance/ ZB

Rund 20 Prozent aller Berliner beziehen Hartz IV. Doch in vielen Jobcentern fehlt das nötige Personal, um die Erwerbslosen optimal zu betreuen. Schuld daran sind vor allem die Bezirke selbst.

Mit mehr persönlicher Ansprache will Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) auch Langzeitarbeitslose besser betreuen und für den ersten Arbeitsmarkt fit machen. Aber in den gemeinsam von den Berliner Bezirken und den Agenturen für Arbeit getragenen Jobcentern fehlt es dramatisch an Personal.

Insgesamt 250 Stellen sind nach Informationen der Morgenpost in Berlin insgesamt nicht besetzt, ein Großteil ist frei, weil die Bezirke ihre Kontingente nicht erfüllen.

„Die Bezirke handeln sehr unterschiedlich“, heißt es aus der Senatsverwaltung für Arbeit. Besonders groß ist der Mangel in Mitte und Neukölln, den größten Jobcentern der Stadt, die jeweils rund 40.000 Bedarfsgemeinschaften mit doppelt so vielen Menschen betreuen.

Eine halbe Millionen Menschen beziehen Hartz IV

Insgesamt sind eine halbe Million Menschen in Berlin auf Hartz IV über die Jobcenter angewiesen, 20 Prozent der Berliner zwischen null und 65 Jahren. Die Arbeitslosigkeit ist zwar in Berlin zurückgegangen, die Zahl der Hartz-IV-Bezieher sinkt aber nur sehr langsam. Als arbeitssuchend unter den Hartz-IV-Empfängern gelten derzeit knapp 170.000 Berliner, fast ebenso viele wie ein Jahr zuvor. Schon im März hatte Kolat per Brief alle Bezirksbürgermeister zu größeren Anstrengungen aufgefordert, um die „Personalsituation in Ihrem Jobcenter“ durch zusätzliche kommunale Beschäftigungsmöglichkeiten „zu stabilisieren“. Eine der verbleibenden Herausforderungen sei, die Berliner Jobcenter so auszustatten, dass sie der gesellschaftlichen Dimension und der komplexen Rechtsmaterie gewachsen seien, schrieb die Senatorin.

Die zuständigen Bezirksstadträte kennen das Problem. Stefan von Dassel (Grüne), Sozialstadtrat in Mitte und Chef der dortigen Trägerversammlung aus Bezirk und Arbeitsagentur, räumt das Fehlen von Mitarbeitern ein. Es sei den Bezirken aber lange Zeit vom Senat nicht erlaubt worden, zusätzliche Mitarbeiter einzustellen, um die Lücken bei den kommunal Beschäftigten in den Jobcentern zu stopfen, sagt von Dassel. Lange Zeit sei es die Ansage des Senats gewesen, nicht mehr als 15,2 Prozent des Personals zu stellen. Diesen Anteil an den Verwaltungskosten der Jobcenter muss das Land Berlin nach den Vereinbarungen mit der Bundesagentur für Arbeit tragen. Erst in jüngerer Zeit habe es einen Kurswechsel gegeben, jetzt sollen die Bezirke mehr Personal bereitstellen, berichtet der Stadtrat. Mitte habe sich schon lange die Latte für den kommunalen Anteil höher gelegt, diese aber nicht überspringen können.

Mitte hat 50 offene Stellen

Jetzt seien im Mai zwei Tranchen mit insgesamt 32 Mitarbeitern, die früher befristet eingestellt waren, übernommen worden, sagte von Dassel. Dennoch summieren sich auch danach die offenen Stellen immer noch auf mehr als 50. Das liege auch daran, dass Beschäftigte in die passive Phase der Altersteilzeit einstiegen oder in Elternzeit gingen und nicht ersetzt würden.

Auch für Neukölln bestätigt Sozialstadtrat Bernd Szczepanski (Grüne) den Befund. „Seit 2006 wissen wir, dass die Jobcenter personell zu gering ausgestattet sind“, so der Stadtrat. „Wegen der Sparpolitik des Senats können wir die kommunalen Mitarbeiterstellen nicht besetzen“, sagt Szczepanski. Zudem sei die Bereitschaft von Mitarbeitern, ins Jobcenter zu wechseln, begrenzt. Die Arbeit dort ist überaus unbeliebt.

Bundesagentur für Arbeit stellt gern befristet ein

Mitarbeiter berichten, dass von den 980 Planstellen im Jobcenter an der Sonnenallee 50 nicht besetzt seien. Die Lage sei angespannt, heißt es. Das liege auch daran, dass die Bundesagentur für Arbeit als zweiter Träger des Jobcenters ihre Stellenkontingente gern mit befristeten Kräften besetze. Derzeit habe jeder sechste Kollege nur einen Zeitvertrag, der maximal zwei Jahre laufe. „Dann sind die Kollegen endlich richtig eingearbeitet, müssen das Haus aber wieder verlassen“, sagt ein Mitarbeiter: „Jeder Platz, der nicht besetzt ist, führt dazu, dass die Kollegen mehr arbeiten müssen und die Betreuung der Arbeitslosen leidet.“ Die angestrebten Betreuungsschlüssel würden nicht eingehalten.

Jetzt aber ist es Szczepanski gelungen, einen Teil seines kommunalen Kontingents von 44 Stellen an die Arbeitsagentur zu übertragen. Die Bundesagentur für Arbeit sei dabei, Mitarbeiter aus dem Bereich der Kurzzeitarbeitslosen, deren Zahlen zurückgingen, in die Jobcenter zu den Langzeitarbeitslosen und Grundsicherungsempfängern zu versetzen. Wie lange das dauern werde, sei unklar.

Die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit wollte sich nicht im Detail zum Personalmangel in den Jobcentern äußern. Ihr Geschäftsführer Dieter Wagon werde sich in den kommenden Wochen mit den Bezirksbürgermeistern treffen, um das Problem anzugehen. Den Mitarbeitern drohen aber auch dann noch harte Zeiten, wenn sie demnächst Verstärkung bekommen sollten. Denn in ganz Deutschland wird ein neues Computersystem namens Allegro eingeführt. Die Kollegen sind schon gewarnt worden. Viele Daten müssten per Hand in die neue Software eingegeben werden.