Hosen sind überhaupt kein Problem. Fast seine gesamte Lehrzeit hat Günter Adam Hosen schneidern müssen. Immer wieder Hosen. Da kann ihm nach fast drei Jahren keiner etwas vormachen. Einmal hat der 18 Jahre alte Schneiderlehrling sogar im Wettstreit den Gesellen geschlagen und vom Lehrmeister zur Belohnung einen „Zehner“ erhalten. Doch nun steht Adam wenige Tage vor der Gesellenprüfung. Und dort ist ein kompletter Anzug verlangt. Also Hose – und Sakko. „Deshalb war ich ganz schön aufgeregt“, erinnert er sich 60 Jahre später.
Aufregung ist in jenem Juni 1953 auch auf den Straßen von Ost-Berlin zu spüren. Am 16. Juni haben Tausende Arbeiter auf den Straßen gegen die Verhältnisse in der DDR demonstriert. Das ist am 17. Juni in der Pause ein Thema unter den Lehrlingen. „Heute wird auch gestreikt. Lass uns hingehen“, schlägt einer plötzlich vor. Sofort stimmen die anderen dafür. „Als die Lehrer uns mit der Warnung zurückhalten wollten, es könnte geschossen werden, haben wir nur entgegnet: Die schießen doch nicht auf Arbeiterkinder“, so Günter Adam.
Auf der Greifswalder Straße schließt sich der Lehrling einer größeren Gruppe Demonstranten an, die Richtung Lustgarten in Mitte laufen und Parolen rufen wie „Brot und Butter“, „Normsenkung“, aber auch „Freie Wahlen“. Günter Adam selbst ist bis dahin an Politik wenig interessiert gewesen und hat sich eher passiv verhalten, auch wenn sein Vater als selbstständiger Schneider, der in Heimarbeit Aufträge aus West-Berlin erledigt, Schwierigkeiten hat. Die Adams haben mit dem SED-Regime wenig am Hut. Aber die Flucht in den Westen ist für die Familie kein Thema.
Bilder vom Krieg kommen hoch
Am Lustgarten sind gegen Mittag rund 50.000 Menschen versammelt. Einige halten Reden, Günter Adam kann kaum etwas davon verstehen, er ist einfach zu weit weg. Doch die Menschenmasse und die Entschlossenheit derjenigen, die um ihn herumstehen, beeindrucken den Lehrling. Plötzlich werden die Menschen unruhig, schauen immer häufiger die Straße hinunter Richtung Alexanderplatz. Von dort nähern sich sowjetische Panzerfahrzeuge.
Ob er selbst die Panzer zuerst gesehen oder ihre dröhnenden Geräusche gehört hat, weiß Adam heute nicht mehr. Wie erschrocken er beim Anblick war, ist ihm jedoch noch immer in Erinnerung. Kindheitsbilder vom Krieg seien hochgekommen. Und er bekommt Angst. „Ich hatte damit gerechnet, dass es Ärger mit der Polizei geben könnte, aber dass die Sowjets Panzer schicken, das nicht.“ Im Rückblick, mit dem Wissen um die Dimension der Proteste, ist ihm die heftige Reaktion der Sowjets klar: Der Volksaufstand in der DDR war das erste massive Aufbegehren gegen das Regime im Ostblock.
Mit jedem Meter, den die Fahrzeuge näherkommen, wächst die Unruhe bei den Demonstranten. „Die Panzer sind dann einfach rücksichtslos durch die Massen gerollt, ganz nah an uns vorbei, wahrscheinlich, um uns einzuschüchtern.“ Das sei auch gelungen. Günter Adam achtet darauf, dass er nicht stolpert oder aus Versehen von Zurückweichenden vor die Panzer geschubst wird. Einige rufen: „Auf nach West-Berlin.“ Schneiderlehrling Adam aber zieht es nur noch nach Hause, nach Weißensee. Er presst seine Aktentasche unter den Arm, die er nicht verlieren will, weil man ihn dann als Teilnehmer am Aufstand identifizieren könnte.
Vorsichtig schlängelt er sich zwischen den Panzerfahrzeugen hindurch und läuft am Alexanderplatz vorbei. Kurze Zeit später trifft er auf seinen Cousin, der Adam erzählt, dass Polizeikräfte in der Nähe Demonstranten eingekesselt haben und brutal verprügeln. Inzwischen ist der Ausnahmezustand verhängt, die Sicherheitskräfte haben jede Zurückhaltung abgelegt. Als Günter Adam Sowjetsoldaten sieht, die aus Prenzlauer Berg angelaufen kommen, flieht er panisch über einen nahen Friedhof. Erst zu Hause wird ihm klar, in welcher Gefahr er sich befand.
Als das Atelier geschlossen wird, soll er in einem Großbetrieb anfangen
Am nächsten Tag geht der Lehrling, als sei nichts gewesen, wieder zu seiner Ausbildung, er besteht auch die Gesellenprüfung: Sein Anzug, braun mit weißen Nadelstreifen, passt und sitzt. Adam beginnt eine Arbeit in einer Schneiderei mit fast 30 Angestellten, soll dann, als das Atelier geschlossen wird, in einem Großbetrieb anfangen. „Am Band stehen und den ganzen Tag nur Nähte nähen? Dafür habe ich nicht drei Jahre gelernt“, erzählt Adam. Nicht nur deshalb beginnt ihn das Leben in der DDR immer mehr zu nerven. Bei einer Dampferfahrt wird er von einem Gewerkschaftsfunktionär angezählt, weil er Westplatten abspielt. „Diese ständige Gängelei und Bevormundung waren nicht mehr auszuhalten.“
Anfang 1956 haut Günter Adam mit Freunden in den Westen ab, macht in Düsseldorf seinen Meister und kehrt nach Berlin zurück, in den Westteil, um in der Nähe der Familie im Osten zu sein. Doch mit dem Mauerbau wird die Verbindung unterbrochen. Adam arbeitet weiter als Schneider, zunächst als Angestellter, aber die Verhältnisse in der Werkstatt behagen ihm nicht, also eröffnet er 1965 in der Meinekestraße 6, einer Seitenstraße des Kurfürstendamms, ein eigenes Atelier, das er bis heute betreibt.
„Ich habe mir schon im Osten angewöhnt, mir nicht alles gefallen zu lassen, mich mit Umständen, die mich stören, nicht abzufinden, Konsequenzen zu ziehen.“ Schnell macht sich Günter Adam als Maßschneider einen Namen, er fertigt für Sportler, Musiker, Film- und Bühnenstars, Politiker. Doch der „Prominenten-Schneider“, wie er gern genannt wird, sieht sich stets als Handwerker, und er bleibt bodenständig. „Ich hätte 1953 bei der Gesellenprüfung nie gedacht, dass mit diesem Beruf einmal Erfolg haben würde“, gesteht Adam.
„Die Wiedervereinigung muss kommen“
Das Gedenken an den Volksaufstand vom 17. Juni spielte für ihn wie für viele West-Berliner mit den Jahren eine immer geringere Rolle. „Das war Vergangenheit für mich.“ Sein Vater, der an der Teilung seelisch kaputt gegangen ist, wie Günter Adam heute glaubt, habe ihm einmal gesagt: „Junge, die können uns nicht ewig einsperren. Die Wiedervereinigung muss kommen.“ Er habe diesen Glauben übernommen, aber je länger die Mauer stand, desto mehr habe er die Hoffnung daran begraben.
Bis die Mauer fiel und die Wiedervereinigung kam. Damit sei die Geschichte, die am 17. Juni gescheitert ist, letztlich doch gut ausgegangen, findet Günter Adam. Gerade deshalb sei es wichtig, an den Volksaufstand zu erinnern. „Das Volk hat damals gezeigt, dass es sich nicht unterdrücken lässt vom Kommunismus. Es hat bewiesen, dass man auch in Deutschland bereit ist, Widerstand gegen untragbare Zustände zu leisten.“ Für ihn persönlich sei die Teilnahme am Volksaufstand ein tiefer Einschnitt gewesen: „Rote Fahnen ersticken die Freiheit. Das habe ich 17. Juni 1953 selbst erlebt.“



