Berliner Schätze

Wegen zweier Würste verpasste Ernst Reuter den Volksaufstand

Der 17. Juni 1953 war ein Schicksalstag für Berlin. Ausgerechnet an diesem Tag war der legendäre Regierende Bürgermeister Ernst Reuter nicht in der Stadt. Ein Streit hatte ihn in den Urlaub getrieben.

Foto: akg images / picture alliance / akg images

Zwei Konservendosen, in der einen Mettwurst, in der anderen Gulasch, waren schuld daran, dass Ernst Reuter, der legendäre Regierende Bürgermeister, ausgerechnet am 17. Juni 1953, dem Schicksalstag Berlins, nicht hier war. Natürlich waren sie nicht allein schuld. Aber der Reihe nach.

Ende April 1953 schreibt Herbert Steinkamp aus Friedenau einen Brief an Ernst Reuter, ein Gedicht im Berliner Dialekt. Er beginnt nicht mit „Hoch verehrter Herr Bürgermeister“, sondern forsch: „Mein lieber Ernst, wat sachste nu / Ooch mir drückt heut mal der Schuh.“ Denn wie so viele Berliner damals kennt und hört er alle zwei Wochen im RIAS Reuters Radiosendung „Wo uns der Schuh drückt“, in der der Bürgermeister sehr direkt zu seinen Berlinern spricht, deren Probleme und Nöte aufgreift, Mut macht und oft aus Briefen vorliest, die ihm Hörer aus West- und Ost-Berlin schreiben.

Herbert Steinkamp, das wird in seinem Briefgedicht schnell klar, hat ein spezielles Problem. Seine Frau hatte ihn losgeschickt, eine Büchse Gulasch zu kaufen. „Ick also stolz mit strammen Waden / Rinn in den nächsten Koofmannsladen./ Als ick nu nannte mein Begehr/ da sacht der Koofmich: Bitte sehr/ Sie müssten sich aber noch bequemen / ´ne Büchse Mettwurst mitzunehmen.“ Kopplungskauf nannte man das damals: Wer eine Gulaschdose wollte, kam an der Mettwurstbüchse nicht vorbei. Man bleibe sonst auf der Mettwurst sitzen, argumentierten die Händler. Alle Läden koppelten Gulasch mit Mettwurst. Aber Herr Steinkamp mochte a) keine Mettwurst und b) war er klamm. Er klapperte noch sieben Läden ab. „Och da, mir pumperte et schon in meinem Brustjewölbe, / erfuhr ick haarjenau nu doch detselbe.“ Er wolle ja keinen denunzieren, schließt der Brief, aber nun doch ihn, Ernst Reuter – „mein juter Berlina Ober“ – fragen, was er zu diesem Missstand sage.

Ein Brief mit Witz und Charme

Der Brief landet tatsächlich auf Ernst Reuters Schreibtisch – und er gefällt ihm. Reuter erkennt den Witz und Charme des Gedichtes, es steckt alles drin, was Berlin so liebenswert macht: leicht unverschämt verfasst, sehr auf den Punkt gebracht, und das mit Humor. In seiner Radiosendung vom 9. Mai geht er auf den Brief ein. „Ich habe unter der Fülle von Briefen, die jeden Tag bei mir eingehen, einen reizenden Brief im Berliner Dialekt“, beginnt er in seinem unverkennbar norddeutschen Ton. Vorlesen könne er ihn leider nicht, ihm fehle das Talent für das Icke-Idiom.

Er schildert aber das Problem, um dann deutlich zu werden: „Darf ich darauf hinweisen, dass Koppelkäufe verboten sind und dass Verkäufer, die so etwas von ihren Kunden verlangen, einen Verstoß gegen die bestehenden Gesetze und Anordnungen begehen? Uff!“ Das „Uff“ hat Reuter tatsächlich ins Mikrofon gesagt. Er gab nicht gern den Bürokraten, aber Kopplungskäufe waren nicht rechtens, das musste mal so streng gesagt werden, mit dem bedauernden „Uff“ hinterher. Das mit der „Mettwursch-Jullasch-Ehe“, wie es so schön im Gedicht heißt, das müsse aufhören.

In seiner nächsten Radiosendung kam Reuter wieder auf das Thema zu sprechen – diesmal kleinlaut. Ein ganzes Paket Briefe empörter Einzelhändler habe er auf seine Koppelkauf-Rüge hin erhalten, die Sache sei regelrecht auf ihn eingestürmt. Reuter klingt müde. „Da habe ich, wie der Berliner zu sagen pflegt, ins Fettnäpfchen getreten.“ Denn der Großhandel verlange von den Einzelhändlern die Verkopplung. Er fände das immer noch nicht richtig, murrt er. „Ich werde der Sache nachgehen.“ Aber erst nach seinem Urlaub.

Erholsame Auszeit

Denn gleich eingangs hat er seinen Hörern verkündet, er sei jetzt mal eine Weile weg. Er brauche eine erholsame Auszeit. „Wenn ich es einmal persönlich sagen darf: Ich habe es wirklich nötig, und ich hoffe, dass ich mit neuen Kräften zurückkomme.“ Heute würde man sagen: eine Burn-Out-Rede. Reuter kränkelt, ohnehin geschwächt durch zwei KZ-Internierungen im Dritten Reich. Aber es ist nicht nur der Körper, auch die Seele ist angefasst. Reuter leidet fast physisch an der Teilung Berlins. Der Flüchtlingsstrom aus dem Osten reißt nicht ab, die Lage in der Zone wird nach Stalins Tod immer schlechter, die Läden sind leer und „die Herrschaften“ – wie Reuter die SED-Machthaber nennt – unterdrücken jeden Widerstand.

Dazu die Enge West-Berlins. „Die Insellage, in der wir uns befinden, bekommt dem ein oder anderen nicht gut, und wir gehen gelegentlich etwas heftig aufeinander los.“ Reuter will weg, Urlaub in Italien, in der „Villa Ella“ am Gardasee mit Frau und Kindern. Die Gulasch-Mettwurst-Sache hat ihm den Rest gegeben.

Im Juni erhält er regelmäßig Post von seinem Vorzimmer in Berlin: Seine Urlaubsfotos seien angekommen, und der ADAC habe sein Auto untersucht. „Andere Anlässe, Ihre Ferienruhe zu stören, hat es bisher nicht gegeben.“ Dass in der DDR die Wut im Volk immer mehr wächst, davon kriegt er so weit weg im Süden nichts mit. Aus Italien reist er ahnungslos nach Wien zum Städtetag. Und verpasst so den 17. Juni 1953 in Berlin. Verzweifelt versucht er, kurzfristig einen Rückflug zu organisieren.

Es gelingt nicht. Erst am Abend des 18. Juli trifft er in seiner Stadt ein – da ist der Aufstand schon brutal niedergeschlagen. Ernst Reuter ist erholt, aber er hat den wichtigsten Tag seines geteilten Berlins verpasst. Einen Tag, den er so sehr herbeigesehnt hat – abgelenkt zuletzt auch von Mettwurst und Gulasch.

Im September 1953 stirbt Ernst Reuter überraschend an Herzversagen. Es dürfte nicht übertrieben sein zu sagen: Am 17. Juni 1953 nicht bei seinen Berlinern gewesen zu sein, brach ihm das Herz.