Der Kampf um Berlin-Mitte hat längst begonnen. Die Spitzenkandidatin der Berliner SPD, Eva Högl, tourt bereits seit Wochen durch den Bezirk, um für sich und die SPD zu werben. Allein an diesem Freitag besuchte sie im Stundentakt eine Demonstration zur Gebärdensprache vor dem Reichstag, das Sommerfest eines Kinderhauses, das Deutsch-Französische Volksfest und ein Grillfest der SPD-Schillerkiez.
Die Juristin soll trotz ihres Spitzenplatzes auf der Landesliste das Direktmandat in Mitte gewinnen. Ein Sieg hätte starke Symbolkraft. Mitte umfasst das proletarische Wedding und das Regierungsviertel, repräsentiert also das ganze Spektrum Berlins.
Doch Högl ist nicht allein. Die Berliner Grünen waren vor vier Jahren mit ihrem Urgestein Wolfgang Wieland nur knapp gescheitert. Mit aller Kraft versucht die Partei in diesem Jahr den ersten bürgerlichen Bezirk der Stadt direkt zu gewinnen. Das alternative Kreuzberg mit dem unverwüstlichen Christian Ströbele an der Spitze ist seit Jahren der einzige sichere Wahlkreis für die Partei.
Mutlu gegen Högl
Der Bildungspolitiker Özcan Mutlu tritt in Mitte gegen Högl an und wähnt die migrantenstämmigen Weddinger ebenso auf seiner Seite wie das Bildungsbürgertum der neuen Mitte. Auch er ist bereits unermüdlich im Bezirk unterwegs, als Wahlkampfhilfe haben sich die grünen Spitzenkräfte Jürgen Trittin und Renate Künast angesagt.
Beide Lager rechnen mit einem knappen Ergebnis bis zum Schluss. „Das wird ein enges Rennen, ich bemühe mich um jede Stimme“, sagt Högl. Ihr Kampf um den Sieg im eigenen Wahlkreis hat einen einfachen Grund. Sollte die SPD ausreichend viele Mandate direkt erringen, gingen die Listenkandidaten leer aus. Auch als Spitzenkandidatin wäre sie dann nicht mehr im Bundestag vertreten. „Deshalb konzentriere ich mich auf den Wahlkreis“, sagt Högl.
Eva Högl ist eine von gleich vier Frauen, die die Berliner Parteien als Spitzenkandidatinnen in das Rennen schicken. Dabei setzen sie für die anstehende Bundestagswahl am 22. September 2013 vor allem auf bewährte Frauen. Neben Högl für die SPD schickt die CDU Monika Grütters ins Rennen. Die Grünen treten erneut mit der Fraktionschefin Renate Künast als Frontfrau an. Alle drei sind bereits als Abgeordnete im Bundestag.
Komplettiert wird das Feld der Berliner Spitzenkandidaten von Cornelia Otto von den Piraten, Gregor Gysi (Linkspartei) und Martin Lindner von der FDP. Mit Otto stellen die Piraten die einzige Spitzenfrau auf, die über keinerlei Erfahrung in einem Parlament verfügt. „Ich habe mich schon oft auf neue Dinge eingestellt, ich freue mich auf den Wahlkampf“, sagt die 38 Jahre alte Spitzenkandidatin der Piraten.
Wie vor zwei Jahren, als die Piraten mit 8,9 Prozent überraschend in das Berliner Parlament einzogen, setzt die Partei auch in diesem Jahr auf einen Graswurzelwahlkampf. „Wir setzen auf Vielfalt, auf den Plakaten werden viele Basis-Piraten abgebildet sein.“
Im Bundestag hat der Wahlkampf längst begonnen
Für den Wahlkampf hat Otto ihre Bachelor-Arbeit vorerst zurückgestellt. Derzeit laufen die Vorbereitungen. „Da unser Budget überschaubar ist, können wir uns keine Kampagne einkaufen“, sagt Otto. „All-in“ werde sie aber erst sechs Wochen vor der Wahl Anfang August gehen. Das ist bei der CDU-Kontrahentin Monika Grütters anders. Grütters sitzt seit 2005 im Deutschen Bundestag. „Hier im Bundestag hat der Wahlkampf längst begonnen“, sagt sie. Die Stimmung zwischen den Parteien sei bereits seit geraumer Zeit nervös und sogar aggressiv. „So krass habe ich das noch nicht erlebt, das ist sehr unangenehm.“ In Berlin sei der Wahlkampf dagegen noch nicht so weit. Traditionell startet die heiße Phase erst nach den Sommerferien, dann – sechs Wochen vor der Wahl – dürfen erst Plakate aufgehängt werden.
In der vergangenen Legislaturperiode war die 51-Jährige als Vorsitzende des Kulturausschusses von der Hinterbank in die erste Garde der Berliner Politiker im Bund gerückt. Für die kommende Legislatur wird die CDU-Politikerin als Nachfolgerin des wohl ausscheidenden Kulturstaatsministers Bernd Neumann gehandelt. „Ich bin Vorsitzende des Kulturausschusses und ich bin es gerne“, wiegelt Grütters weitere Ambitionen ab. Es spreche wenig dagegen, dass Grütters den nächsten Karriereschritt macht, heißt es dagegen aus der Bundes-CDU – vorausgesetzt, die CDU bleibt in der Regierung.
Künast gibt sich kämpferisch
Wie Högl hat Grütters das Problem, dass sie bei einer für sie ungünstigen Konstellation trotz des Spitzenplatzes am Ende leer ausgehen könnte. Sollte die CDU sechs Wahlkreise direkt gewinnen, könnte kein Listenkandidat in den Bundestag einziehen. Dass Grütters aber der Linkspartei den Bezirk Marzahn-Hellersdorf abnimmt, damit rechnen auch in der CDU die wenigsten. Schon bei der vergangenen Wahl war der Einzug für Monika Grütters ein Nervenspiel gewesen. Erst nach Mitternacht entschied sich, dass sie von der Liste aus in den Bundestag gewählt war.
Ein neuerlicher Wahlkrimi ist daher nicht ausgeschlossen. Zu so einen Wahlkrimi möchte es die grüne Spitzenkandidatin Renate Künast gern kommen lassen. Vor vier Jahren lief sie in Tempelhof-Schöneberg mit 26,3 Prozent auf Platz zwei hinter dem CDU-Kandidaten Jan-Marco Luszak ein (32 Prozent), der auch in diesem Jahr wieder ihr Kontrahent ist. „Ich trete diesmal mit der Maßgabe an, eine Schippe draufzulegen“, gibt sich Künast kämpferisch. Sie kann sich als Fraktionschefin der Bundestagsfraktion aber nicht auf den Wahlkreis konzentrieren, sondern führt in ganz Deutschland Wahlkampf. Etwa „halbe-halbe“ werde die Zeit aufgeteilt. „Wir werden darüber reden, wer die Alternative zum CDU-Kandidaten ist“, sagt Künast.
Wie auch immer die Wahlen am 22. September ausgehen werden, dem neuen Bundestag werden mehr Frauen aus Berlin angehören als bislang. Die Linkspartei wird zwar von Gregor Gysi angeführt, es folgen aber mit Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und der Ex-Parteichefin Gesine Lötzsch zwei Frauen. Die Grünen werden je nach Ergebnis zwei oder drei Frauen in den Bundestag schicken, neben Künast tritt Lisa Paus auf Platz drei der Liste an. Nur die FDP verzichtete bei ihrer Liste auf die Nominierung einer Frau für einen der ersten drei Plätze.




