Wetter

Sturzregen in Berlin – Keine schöne Aussicht auf den Sommeranfang

Regenmengen zwischen 40 und 70 Liter pro Quadratmeter – das sagt aktuell der Deutsche Wetterdienst für den Osten Deutschlands voraus. Die Morgenpost hat einen Meteorologen zu den Aussichten befragt.

Foto: BM

Irgendeinen Schuldigen muss es doch geben. Erst dieser nicht enden wollende, ewig graue Winter, und jetzt ein Frühsommer, der sich als Herbst tarnt. Nach dem Motto, wie es in den sozialen Netzwerken derzeit gern gepostet wird: „Der kleine November möchte aus dem Mai abgeholt werden”. Doch wo steckt der Sommer denn nun – schließlich beginnt er am Sonnabend ganz offiziell, meteorologisch zumindest. Wenn das also einer beantworten kann, dann doch ein Meteorologe. Also auf zu Werner Wehry von der FU Berlin.

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„Als Meteorologe kann man das Wetter hauptsächlich ansehen und bewerten. Eine langfristige Vorhersage ist unmöglich“, sagt Wehry. Der Diplom-Meteorologe ist zwar bereits in Rente, kann aber immer noch nicht vom Wetter lassen. Für das Institut für Meteorologie der FU Berlin sitzt er im sechsten Stock des Steglitzer Wasserturms und bewertet aktuelle Wetterentwicklungen.

In dem Backsteinbau laufen die Daten der institutseigenen Berliner Messstationen auf dem Computer ein. Von einem kleinen Balkon werden Wolken und Sicht beobachtet, mit dem bloßen Auge. Eine kleine Liste am Fenster führt Berliner Sehenswürdigkeiten und die dazugehörige Entfernung auf. Bei guter Sicht kann man bis zu vierzig Kilometer sehen. Das das momentan nicht geht, sieht allerdings selbst der Laie.

Keine Zusammenhänge zwischen den Jahreszeiten

„Keiner kann sagen, wie der kommende Sommer wird“, sagt der Experte. „Da könnte man auch direkt würfeln.“ Wehry verweist auf den früheren „Nivea-Kalender“, der die Temperaturkurve eines jeden Jahres vorhersagen wollte. Solche Vorgaben oder Sprüche wie „Auf jeden kalten Winter folgt ein heißer Sommer“, hält er – bedauerlicher Weise – für Quatsch. Es gäbe zwar bestimmte Tage wie die Eisheiligen oder die Schafskälte, bei denen hin und wieder ein Kälterückfall zu erwarten ist, wirkliche Zusammenhänge zwischen den Jahreszeiten gebe es aber nicht, so Wehry. Das sei alles reiner Zufall.

Bauernregeln sind dem Sommer-Suchenden also auch keine Hilfe. Na ja, an einigen sei schon etwas Wahres dran, so der Meteorologe: Fliegen die Schwalben tief, fällt Regen, zum Beispiel. Ganz einfach deswegen, weil die Schwalben bei steigender Luftfeuchtigkeit gezwungen sind, ihre Beute in Bodennähe zu fangen.

Die Feuchtigkeit macht den Flügeln der Insekten zu schaffen und hält sie davon ab, in die Höhe zu steigen. Auch der Laubfrosch kann seiner Rolle als Wetterfrosch durchaus gerecht werden: Bei schönem Wetter findet er die Insekten, die ihm als Nahrung dienen, in höheren Gefilden – und klettert den Baum höher hinauf als sonst.

Gelegenheit, den Schwalben beim Tieffliegen zuzusehen, bot sich in diesem Mai jedenfalls genug: In Berlin fiel vierzig Prozent mehr Niederschlag als durchschnittlich zu dieser Jahreszeit. Auch die Durchschnittstemperatur war lag bundesweit mit 11,7 Grad 1,3 Grad niedriger als in den vergangenen Jahren.

Dass wir gefühlt fast jeden Tag zum Regenschirm statt zur Sonnenbrille greifen müssen, ist also keine reine Einbildung. Klagt man dem Meteorologen aber sein Leid von ins Wasser gefallenen Grillpartys und hervorgeholten Wintermänteln, winkt dieser nur ab. „Alles ganz normal. Das Wetter kann auch im Mai noch kühler und durchwachsen sein“, sagt Wehry.

Wetterstationen sind sich uneinig

Wirklich befriedigend ist das natürlich nicht. Aber fühlt man als Meteorologe überhaupt wie der Rest der Bevölkerung? „Wenn ich Regen vorhersage, will ich natürlich auch, dass es regnet“, sagt Wehry und lacht. Eine wirklich sichere Vorhersage ist aber selbst in Bezug auf Niederschlag nur für drei Tage möglich, danach wird es ungenau. Bei Temperaturen reicht die Prognose immerhin bis zu sechs Tagen im Voraus.

Doch in diesem Frühjahr sind sich selbst die Wetterstationen nicht grün – für kommende Woche gehen die Vorhersagen stark auseinander. „Schon gering abweichende Werte zu Beginn der Messung können zu weit auseinanderliegenden Wetterberichten führen“, sagt Wehry. So prognostiziert der deutsche Wetterdienst ein paar fulminante Sommertage – meteorologisch sind das Tage, in denen das Thermometer über 25 Grad klettert. Der europäische Wetterdienst in London sieht die Temperaturen dagegen schon wieder in der Fröstel-Zone.

Auch wenn weitergehende Prognosen schwierig bleiben, haben sich die meteorologischen Möglichkeiten in den letzten Jahrzehnten stark verbessert. In Echtzeit kann auf die Werte von weltweiten Messstationen zurück gegriffen werden – Satelliten und Bojen im Meer bilden ein breit gefächertes Netz. Das Institut der FU betreibt in Berlin zwölf Messstationen, eine davon im Botanischen Garten.

Neben einer modernen Messanlage findet sich dort auch eine sogenannte „Englische Hütte“. Ein weißer Holzkasten auf zwei Metern Höhe, darin zwei Thermometer. Die Engländer hatten zu Kolonialzeiten das standardisierte Verfahren entwickelt, um auch in Übersee vergleichbare Daten gewinnen zu können. In Berlin wird mithilfe der „Englischen Hütte“ bereits seit mehr als hundert Jahren die Temperatur gemessen. Um die Serie von Messdaten nicht zu verfälschen, ist der Apparat weiterhin in Betrieb.

Doch auch die moderne Messung basiert teilweise auf sehr alten Verfahren. Anhand einer Niederschlagswippe wird durch einen Trichter Wasser aufgefangen und direkt auf eine kleine Waage geleitet. Ein Impulsgeber misst dann, wie schnell sich die Waage pro Sekunde hin und her bewegt, und kann so die genaue Niederschlagsmenge bestimmen. Daneben befindet sich auf dem Boden ein kleines Gestell, in dem ein Thermometer exakt fünf Zentimeter über dem Boden angebracht ist. Ein daran angebrachter Schlauch führt in die Erde und misst die Temperaturen in unterschiedlichen Tiefen. Auf diese Art können die Wetterexperten überprüfen, ob der Boden gefroren ist.

Temperatur-Tippspiel

„Wetterbeobachtung und das Betreiben von Messstationen sind teuer“, sagt Georg Myrcik, der Techniker des Instituts, der die Messstation regelmäßig wartet. Aus diesem Grund wurden im Jahr 2002 Wetterpatenschaften eingeführt. Tiefdruckgebiete tragen seither so klingende Namen wie „Yvonne“ oder „Boris“. Nachdem zunächst die Tiefdruckgebiete stets weibliche Namen trugen, wechseln sich nun Männer- und Frauennamen jährlich ab. Sympathischer werden einem die Tiefdruckgebiete dadurch aber leider auch nicht.

Den Berliner Sommer findet man also auch in der Wetterwache im Wasserturm nicht. Dafür eine Liste mit rund 35 Namen, die an einer Bürowand hängt. Hinter jedem ist eine Temperatur vermerkt. Ein Tippspiel, bei dem derjenige Mitarbeiter gewinnt, der der Durchschnittstemperatur des kommenden Monats am nächsten liegt. Die Sommerprognose – pures Glück.