Der Mangel an Grundschulplätzen kommt schneller als erwartet. Für die neuen Erstklässler gibt es in einigen Bezirken schon jetzt nicht ausreichend Plätze. Die Kinder müssen enger zusammenrücken oder weitere Wege in Kauf nehmen. Betroffen sind vor allem Pankow, Lichterfelde in Steglitz-Zehlendorf, Karlshorst in Lichtenberg und Alt-Mitte.

Allein in Pankow sind nach den aktuellen Bescheiden, die vor wenigen Tagen an die Eltern versandt worden sind, 3074 Erstklässler angemeldet. „Das sind eigentlich 325 Schüler zu viel“, sagt die Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). Die Folge: Insgesamt 13 zusätzliche erste Klassen müssen eingerichtet werden. Viele Schulen müssen Horträume zu Klassenräumen umfunktionieren. Das sei eine einmalige Lösung, so die Stadträtin.

Künftig müssten mobile Klassenzimmer aufgestellt werden. Am besten wäre ein Neubau. Grundstücke dafür habe der Bezirk. Allerdings müsse eine Bauweise gefunden werden, die es erlaube, bereits in einem Jahr, erste Räume zu nutzen, denn die Plätze würden schnell gebraucht, so die Stadträtin. Den Bedarf angemeldet, habe der Bezirk schon seit Jahren, doch bisher seien die vom Bezirk prognostizierten Schülerzahlen von der Finanzverwaltung in Zweifel gezogen worden.

Neubauviertel mit vielen Kindern, aber keine Schulen

Auch in Lichterfelde gibt es mehr Schulanmeldungen als Plätze. In der Clemens-Brentano-Grundschule müssen deshalb 28 Kinder in einer Klasse gemeinsam lernen. Die maximale Höchstgrenze sind eigentlich 26 Kinder. Die Schulaufsicht habe der Überbelegung zugestimmt, sagt die Schulstadträtin von Steglitz-Zehlendorf, Cerstin Richter-Kotowski (CDU).

Zudem wurden Einzugsbereiche verändert, sodass Schüler weiter entfernten Schulen zugewiesen werden können. Die Tews-Grundschule muss im Gebäude einen zusätzlichen Klassenzug aufnehmen. Insgesamt fangen hier im August 104 der insgesamt 2207 Erstklässler des Bezirks an. Verantwortlich für die Schulplatznot seien Wohnungsbauprojekte wie das Schweizer Viertel.

Zudem finde in Lichterfelde West ein Generationenwechsel statt, der so nicht vorhersehbar gewesen sei. Die Einfamilienhäuser würden von den älteren Eigentümern an junge Familien verkauft. Und die hätten meist mehr als ein Kind, so die Stadträtin.

200 Erstklässler in Lichtenberg mehr als vergangenes Jahr

Die Schülerzahlen wachsen in einigen Regionen des Bezirks weiter. Die Quentin-Blake-Grundschule soll deshalb 2014 einen weiteren Klassenzug aufnehmen ohne den von den Eltern geforderten Erweiterungsbau. Mit einer Unterschriftensammlung wollen die Eltern deshalb erreichen, dass sich die Bezirksverordneten endlich mit ihrer Forderung nach neuen Klassenräumen beschäftigen.

„Neue Wohnungen für rund 10.000 Menschen wurden und werden in der Umgebung des Schulcampus am Hüttenweg gebaut. Leider wurde bei Erteilung der Baugenehmigungen nicht daran gedacht, dass Neubaugebiete auch eine Schule brauchen“, heißt es in dem Antrag, den schon mehr als 3000 Menschen unterschrieben haben.

Vor ähnlichen Problemen steht Lichtenberg. Der Bezirk muss 200 Erstklässler mehr unterbringen als noch vergangenes Jahr. „Die Anmeldungen nehmen im gesamten Bezirk zu“, sagt die Bildungsstadträtin Christina Emmrich (Linke). Extra Horträume seien allerdings unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Die Schüler müssen auch den Nachmittag im Klassenraum verbringen.

Auch Karlshorst und Alt-Mitte stehen vor diesen Problemen

Die Schülerzahlen in Lichtenberg steigen weiter. Nach Berechnungen des Bezirks würden bis 2017 fünf neue Schulen gebraucht. „Wir hoffen alle sehr, dass das Land im neuen Haushalt ein Programm für mobile Unterrichtsräume auflegt, ähnlich wie in den 90er Jahren“, sagt Beurich.

Auch in Karlshorst wurden Neubaugebiete für Familien gebaut, ohne neue Schulplätze zu planen. Die Lew-Tolstoi-Grundschule muss zum wiederholten Mal eine Klasse mehr einrichten, als eigentlich für die Schule vorgesehen ist. „Mehr Schüler gehen nicht rein. Wir haben schon die Bibliothek und Teilungsräume zu Klassenzimmern gemacht“, sagt der Gesamtelternvertreter Michael Rommel.

Ein weiterer Brennpunkt für fehlende Schulplätze für Erstklässler ist Alt-Mitte. Der Bezirk hat versucht, das Problem durch ein gemeinsames Einzugsgebiet mit nahe gelegenen Weddinger Grundschulen zu lösen. Doch für die bildungsbewussten Eltern ist das keine Option. Aktuell liegen im Schulamt 200 Widersprüche vor, im vergangenen Jahr waren es etwa 150.

„Bezirke und Land schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu“

Die Papageno-Grundschule musste 80 Anmeldungen für Erstklässer aus dem Einzugsgebiet abweisen. Die 50 vorhandenen Plätze wurden unabhängig vom Schulweg verlost. Eltern und Schule haben schon seit zwei Jahren Baupläne für einen zusätzlichen Pavillon in der Schublade, um die Kinder aus dem Kiez endlich aufnehmen zu können. Sogar Spenden von 30.000 Euro haben die Eltern in Mitte gesammelt.

Doch der Bezirk sah bisher keine Notwendigkeit für diesen Anbau. „Erst vor zwei Wochen wurde uns plötzlich von der Verwaltung Zustimmung signalisiert“, sagt der Gesamtelternvertreter der Schule, Holger Kuhlick.

„Der Unmut der Eltern ist groß und viele versuchen durch Widersprüche und Klagen, doch noch auf eine Schule im Kiez zu komme“, sagt Rechtsanwältin Simone Pietsch. Die Erfolgschancen der Kläger seien groß, denn das Einzugsgebiet sei viel zu groß. „Man kann nicht ständig Neubaugebiete genehmigen, ohne Schulplätze zu schaffen“, sagt Lieselotte Stockhausen-Doehring, Vorsitzende des Landeselternausschusses. Die Verwaltung reagiere viel zu langsam. „Bezirke und Land schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu“, sagt die Elternvertreterin, „und so lange passiert gar nichts.“