Frühling: Balkon- und Hobbygärtner strömen in die Gartencenter. Wer keine eigene Parzelle hat, erholt sich im öffentlichen Grün. Nach einem überlangen Winter sehnen sich die Städter nach frischer Luft und bunten Farbtupfern. Doch an der für beinahe 1,9 Millionen Euro erneuerten Tauentzienstraße prägt steinernes Grau das Bild. Von prachtvollen Blumenrabatten ist auf dem umgestalteten Boulevard, der mit rund 8000 Passanten in der Stunde zu den meistfrequentierten Einkaufsmeilen der Hauptstadt zählt, keine Spur. Die granitumrahmten Hochbeete sind ausschließlich in Einheitsgrün mit kleinen Eiben bepflanzt.

Die Miniaturwälder haben Flaneure, die auf den Steinumrandungen Rast machen, zu Mülleimern umfunktioniert. Der Kies der Beete dient als überdimensionaler Aschenbecher. Passanten fühlen sich nicht besonders wohl auf der neuen Mittelinsel des Berliner Tourisetenmagneten. Julia aus Karlsruhe macht gerade mit ihren Eltern einen dreitägigen Kurzurlaub in Berlin. „Frühlingsblumen wären schöner gewesen – hier fehlen einfach die Farben“, sagt die 19-jährige.

Passanten kritisieren nüchterne Bepflanzung

Auch ein anderer Tourist ist von der neuen Anlage nicht so begeistert: „Wenn man schon zwischen dem Straßenverkehr sitzt, hätte man diesen Ort wenigstens schön gestalten können“, sagt Michael Scott aus London. Der 24 Jahre alte Modestudent mit den pink gefärbten Haaren sagt: „Da sehe ich ja mehr wie eine Blume aus.“ Eine Berlinerin, die am Tauentzien arbeitet und direkten Ausblick auf die Anlage hat, mag vor allem das Geradlinige, aber bei der Auswahl der Bepflanzung hätten doch Tulpen oder Saisonpflanzen besser gepasst, so sei es zu einfach. Ähnlich sehen es auch Fritz Vilmer, Professor für Politik an der FU, und seine Begleitung Ursula Schumann: „Insgesamt gefällt uns die Anlage schon. Die Bepflanzung ist aber zu eintönig. Man hätte Blumen dazwischen oder auch farbige und unterschiedliche Sträucher mit Blüten pflanzen können“, schlägt Vilmer vor.

Die nüchterne Bepflanzung war vor allem ein Wunsch der beiden zuständigen Bezirke: Das bei der Planung federführende Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg wollten vor allem die Folgekosten für die Pflege gering halten. Lediglich 2740 Euro im Jahr soll nun jeden der beiden Bezirke die Pflege aller Eibenflächen auf der 500 Meter langen Mittelinsel kosten. Zum Vergleich: Spandau gibt den Unterhalt für nur zwei kleine Hochbeete in der Altstadt mit wechselnden Frühlings- und Sommerblumen mit 2500 Euro an.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verweist darauf, dass der Siegerentwurf des Büros „Lützow 7“ für die Neugestaltung des Tauentzien nicht nur mit den Bezirken, sondern auch mit Industrie- und Handelskammer und allen Anrainern abgestimmt war.

Auch AG City hält Bepflanzung nicht für angemessen

Dennoch stößt die schlichte Bepflanzung auch bei Beteiligten auf Kritik. So haben sich in der AG City zusammengeschlossene Geschäftsleute mit dem neuen Look des Tauentzien noch nicht ganz angefreundet. „Die Eiben haben nach dem langen Winter noch nicht ausgetrieben. Das sieht alles noch sehr grau aus“, sagt Vorstandsmitglied Gottfried Kupsch. „Das ist für einen potenten Boulevard wie den Tauentzien nicht sehr angemessen.“

Noch ist der neue Tauentzien nicht ganz fertig. Bis zum Monatsende sollen aber die Bauarbeiten am letzten Abschnitt zwischen Europacenter und Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche abgeschlossen sein. Nach der Fertigstellung werde es nochmals ein Treffen der Beteiligten geben. Dann will die AG City die Hochbeete am Tauentzien zum Thema machen. „Eine andere Bepflanzung ist immer noch möglich“, ist Gottfried Kupsch sicher.

Mexikoplatz gleicht einem Meer aus Farben

Dass es auch in Zeiten knapper Kassen in Berlin liebevoll gestaltete Parks und Grünanlagen gibt, zeigt der Mexikoplatz in Zehlendorf. Wer den gleichnamigen Bahnhof verlässt, findet sich in einem Meer von Farben wieder. Üppig-bunt bepflanzte Rabatten und zwei sprudelnde Springbrunnen stimmen auf den Frühsommer ein. Der Rasen ist mit Gänseblümchen und Löwenzahn übersät. Es gibt Rhododendron-Sträucher, einen Magnolienbaum sowie Rosengewächse.

Herbert Loreth meint, der Mexikoplatz sei der schönste Bezirksplatz in Berlin. „Es ist sehr schön hier. Ich bin hier regelmäßig nach meinem Spaziergang am Schlachtensee. Es ist auch sehr gepflegt, aber das liegt vielleicht auch an der Gegend hier in Zehlendorf“, sagt der Rentner. Auch Regina Wick aus Charlottenburg ist häufig am Mexikoplatz, da ihr Sohn hier das Internat besucht. „Ich mag die Abwechslung der Blumenarrangements. Denn nicht nur zu den verschieden Jahreszeiten gibt es hier neues zu entdecken“ so 56-jährige Haushaltshilfe.

Grünanlage am Mexikoplatz ist ein Gartendenkmal

Steglitz-Zehlendorf hat nicht mehr Geld für den Blumenschmuck als andere Bezirke. Doch auf den Mexikoplatz richtet das bezirkliche Grünflächenamt ein besonderes Augenmerk. Denn als Teil des denkmalgeschützten Bahnhofs-Ensembles aus dem Jahr 1904 ist auch die Grünanlage des Bahnhofsvorplatzes ein Gartendenkmal. Zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 wurde der in der Nachkriegszeit heruntergewirtschaftete Raum vor dem Jugendstilbahnhof rekonstruiert. Seither gilt der heimelige Mexikoplatz als Vorzeigeort in Zehlendorf.

84 Cent pro Quadratmeter und Jahr weise das Land Berlin dem Bezirk für die knapp 4000 Quadratmeter große Grünanlage zu. Die Pflege eines Gartendenkmals wie am Mexikoplatz schlage jedoch tatsächlich mit rund sechs Euro pro Quadratmeter zu Buch, betont Monika Osteresch, Leiterin des Fachbereichs Grünflächen im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf. „Das Geld dafür müssen wir bei unseren anderen Grünanlagen abzweigen“, sagt sie. „Aber es wäre natürlich fatal, so ein Gartendenkmal verwahrlosen zu lassen.“ Auch Monika Osteresch hebt hervor, dass die Anschaffung der Blumen keine erheblichen Kosten verursache. Der Personalaufwand für die Pflege solcher Beete sei jedoch enorm.

„Die Bevölkerung wünscht sich das“

Dass es eine Frage der Prioritäten sei, ob sich ein Bezirk den Blumenschmuck auf öffentlichen Flächen leiste oder nicht, betont auch Reinickendorfs Stadtentwicklungsstadtrat Martin Lambert (CDU). 20.000 Stiefmütterchen, 19.000 Sommerblumen und 22.000 neu gesteckte Blumenzwiebeln sollen mit 200.000 Blumenzwiebeln aus den Vorjahren Reinickendorf in einen blühenden Bezirk verwandeln. Rund 20.000 Euro lässt sich das Bezirksamt die Blütenpracht auch dieses Jahr wieder kosten. „Die Bevölkerung wünscht sich das, und wir tragen dem Rechnung“, sagt Lambert. Bürgermeister Frank Balzer (CDU) hat zudem alle Reinickendorfer auch dieses Jahr zum Frühjahrsputz aufgerufen. Die Verschönerung durch Blumen und Pflanzen, so der Bürgermeister, „sind Reinickendorfs Markenzeichen.“