Gastbeitrag

Maikrawalle – politischer Protest oder ritualisierte Gewalt?

Wer beteiligt sich an den Ausschreitungen und warum randalieren vermeintlich unpolitische Jugendliche? Der Wissenschaftler Carsten Koschmieder erklärt das Phänomen 1. Mai aus sozial-politischer Sicht.

Foto: privat

Seit mehr als 25 Jahren gehören in Berlin gewalttätige Ausschreitungen zum 1. Mai dazu. Vor allem in der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai sowie am Abend des 1. Mai sind die Menschen hier von brennenden Autos oder Müllcontainern, Plünderungen und Steinewerfern, aber auch von Wasserwerfern und Polizeigewalt, von Verletzten und Festgenommenen, nicht mehr sonderlich überrascht.

In der Öffentlichkeit hält sich dabei einerseits immer noch das Bild „linker“, „autonomer“, „linksradikaler“ oder „linksextremer“ Demonstranten, die mit politischer Gewalt auf ihre Ziele aufmerksam machen oder diese gar durchsetzen wollen; andererseits wird über vermeintlich unpolitische „ritualisierte Gewalt abenteuerlustiger Jugendlicher“ berichtet.

Was aber wissen wir wirklich über die Ursachen und Entwicklung der Krawalle sowie über die Beteiligten und ihre Beweggründe?

„Tradition“ der Maikrawalle begann 1987

Während über das Ausmaß und die Entwicklung der Gewalt viele Erkenntnisse vorliegen, gibt es, was die Individualebene, also die Hintergründe und Motive der Einzelnen, angeht, noch eine breite Forschungslücke. Die „Tradition“ der Maikrawalle, die seither deutschlandweit für Aufmerksamkeit sorgt, begann am ersten Mai des Jahres 1987.

Nach einer Hausdurchsuchung am Morgen im Mehringhof im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Volkszählung und Auseinandersetzungen auf der Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbundes war die ohnehin gereizte Grundstimmung innerhalb der „linken Szene“ weiter eskaliert. Als dann nach weiteren kleineren Auseinandersetzungen das Straßenfest in Kreuzberg von der Polizei mit Gewalt aufgelöst wurde, begannen die Ausschreitungen: Barrikaden – teilweise aus brennenden Autos – wurden errichtet, Steine und Flaschen geworfen, Geschäfte geplündert und die Polizei (wie auch die zum Löschen angerückte Feuerwehr) angegriffen und für einige Stunden zurückgedrängt.

Erst spät in der Nacht schaffte es die von der Intensität der Gewalt ebenso überraschte wie überforderte Polizei, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Entgegen kam ihr dabei, dass der Widerstand aufgrund von Müdigkeit und Alkohol (aus geplünderten Getränkemärkten) ohnehin geringer wurde; so waren unter den fünfzig Festgenommenen etliche Betrunkene. Es gab über einhundert Verletzte zu beklagen.

Forschung weiß wenig über Beteiligte an Mai-Krawallen

Seither wiederholen sich diese Szenen mal mehr, mal weniger intensiv. Die gängige Sichtweise lautet, dass der erste Mai zunächst als politischer Protest begonnen hatte, mit den Jahren aber immer mehr zu einem reinen „Event“ wurde, aus Sicht der Autonomen also „verkommen“ ist.

Diese Sichtweise unterschlägt allerdings, dass bereits nach den Krawallen 1987 intern nicht nur über deren Sinnhaftigkeit diskutiert wurde – verspielte man durch die Gewalt nicht Sympathien in Teilen der linken Öffentlichkeit? –, sondern auch über ihren politischen Gehalt. Die Plünderung kleiner Geschäfte, so argumentierten beispielsweise einige Autonome, konterkariere die politische Botschaft, die hinter der „Aktion“ stehen müsse. Bereits ein Jahr später kritisierten sie, dass sich hauptsächlich „Kids, Betrunkene und Touristen“ an den neuerlichen Krawallen beteiligt hätten und die Gewalt als Selbstzweck im Vordergrund stehe.

Tatsächlich weiß die empirische Sozialforschung über die Menschen, die sich an diesen Krawallen beteiligen, wenig. In allgemeinen Umfragen ist die Bereitschaft, seine Beteiligung an politischer Gewalt zuzugeben, naturgemäß äußerst gering, und Feldforschung vor Ort ist aus offensichtlichen Gründen nicht möglich. Die wenigen bekannten Fakten stammen aus offiziellen Polizeiberichten und erfassen nur die Festgenommenen. Sie sind somit nur begrenzt repräsentativ.

Festgenommene durchschnittlich 22,5 Jahre alt

Einer Untersuchung der Freien Universität über den 1. Mai 2009 zufolge betrug das Durchschnittsalter aller Festgenommenen 22,5 Jahre. Knapp ein Fünftel war unter achtzehn, nur sieben Prozent waren weiblich. Ein Viertel der Festgenommenen kam nicht aus Berlin, mehr als die Hälfte gab an, unter Alkoholeinfluss gestanden zu haben. Wegen politischer Straftaten waren nur fünfzehn Prozent in den zwei Jahren zuvor aufgefallen. Über die Tatmotive sagen diese Erhebungen aber ebenfalls wenig aus. Immerhin passen gerade die letzten beiden Zahlen zu der Vorstellung, die Krawalle hätten zumindest heute keinen in erster Linie politischen Charakter mehr. Damit ist aber über die These, der politische Charakter sei mit den Jahren verloren gegangen, noch nichts ausgesagt.

Das Problem dabei ist, dass sich das Tatmotiv in der Regel nicht klar rekonstruieren lässt, selbst dann nicht, wenn es möglich wäre, mit einer ausreichenden Zahl Beteiligter zu sprechen. Um ein Beispiel zu geben: Jemand, der sich selbst klar der gewaltbereiten linksradikalen Szene zuordnet, könnte aus Lust am Zerstören, für den „Kick“ oder um seine Freunde zu beeindrucken, eine Bankfiliale anzünden. Dabei ist es natürlich sein ideologischer Hintergrund, der ihn eine Bank – und nicht etwa einen Späti – auswählen lässt; dennoch muss eine solche Brandstiftung keine politische Aktion sein.

Ähnliches gilt für die Gewalt gegen Polizisten oder die Plünderungen am ersten Mai: Ebenso wie für die beteiligten unpolitischen Jugendlichen mag es auch für manche gewaltbereite Linke eine spannende Form der Rebellion auf einem großen Abenteuerspielplatz sein. Dazu kommt noch die Eigendynamik, bei der es durch das subjektiv wahrgenommene (und tatsächlich vorkommende) Fehlverhalten der Polizisten spontan und ungeplant zu einer Beteiligung an Gewalttaten kommen kann.

Ursachenforschung für Gewalt am 1. Mai schwierig

Wichtiger als der Spaß oder die politische Botschaft scheint mir für die Autonomen aber das Ritual der Gewalt. Diese wird nicht nur als Selbstzweck empfunden, sondern als „individuelle Befreiung“ von den Zwängen des Alltags und seinen Herrschaftsstrukturen. Gleichzeitig dient sie als sinnstiftendes Gruppenerlebnis, das die Einzelnen stärker zusammenschweißt und sogar einen Mythos schaffen kann, der wichtig für die Konstitution als Gruppe ist. Außerdem stärkt die Teilnahme an gewalttätigen Aktionen die eigene Position innerhalb einer Szene, die zumindest die Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt gegen das System als Teil ihres Lebensgefühls versteht.

Wir wissen nicht genau, wer warum an den Maikrawallen teilnimmt. Die (Medien-)Berichte der letzten Jahre, dass vermehrt unpolitische Jugendliche zu den Akteuren zählten, sind durchaus plausibel. Dennoch fällt es schwer, von einer „Entpolitisierung“ der Gewalt zu sprechen, da schon in den ersten Jahren die politischen Motive in den Hintergrund getreten sind. Vielmehr handelt es sich um ein identitätsstiftendes, aber unpolitisches Ritual einer genuin politischen Gruppierung. Dieser scheinbare Widerspruch macht es der Beobachterin so schwer, die Gründe für die Gewalt am ersten Mai zu beurteilen.