Nahrungsmittel-Qualität

Berliner Wochenmärkte profitieren von Skandalen

Beim Händler erfahren die Kunden, woher Gemüse, Eier und Fleisch genau stammen. Berlins Wochenmärkte im großen Überblick.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER / JOERG KRAUTHÖFER

Wer Lebensmittel einkauft, sollte auf Nummer sicher gehen. Für viele Berliner ist das selbstverständlich. Andere haben ihre Kaufgewohnheiten jetzt umgestellt, nach den Lebensmittelskandalen der vergangenen Wochen und Monate. Zu beunruhigend waren die Nachrichten über Pferdefleisch in Lasagne, Döner und Hackbällchen, über Schimmelpilze in der Milch. Und dann tauchten auch noch falsch deklarierte Bioeier auf. Nun gehen Kunden wieder verstärkt auf die Berliner Wochenmärkte, setzen auf Händler, die sie persönlich kennen und auf regionale Erzeugnisse. Die Märkte haben zurzeit mehr Zulauf denn je, dem ungemütlichen Wetter zum Trotz.

Kartoffeln, Zwiebeln, Rotkohl, Wirsing und Eier verkauft Hans-Peter Strahl (54) aus dem Spreewald. Seit fast 20 Jahren hat er einen Stand auf dem Ökomarkt am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Das Meiste, was er anbietet, stammt von seinem Hof oder von dem der Nachbarin, Iris Schieber (50). Viele Käufer kennt er seit Jahren. Aber er habe jetzt mehr Kunden als früher, sagt er. „Und wir werden häufiger gefragt, woher das Gemüse oder das Obst stammt.“ Die Konsumenten wollen gerade in diesen Wochen wissen, was sie eigentlich auf den Teller bekommen.

Frisches aus der Region

Zu den Kunden des Spreewälder Landwirts gehören vor allem junge Frauen, die für ihre Familie einkaufen. „Sie holen für eine ganze Woche ein, gerade in der Saison, wenn es Tomaten und Gurken gibt“, sagt Hans-Peter Strahl. Er bedient auch Eva Birthler. „Ich gehe immer an ein und denselben Stand“, erzählt die 39-Jährige. Kartoffeln, Wirsing, Mohrrüben und rote Bete hat sie geholt. „Da weiß ich genau, dass es aus der Region kommt.“ Eva Birthler wohnt unmittelbar am Platz. Donnerstags kommt sie regelmäßig zum Ökomarkt. „Auch Äpfel hole ich hier immer. Und Brot.“ Mehl und Butter kauft die junge Frau beim Discounter. „Die Basics“, sagt sie. „Aber was Leckeres dazu kommt vom Kollwitzplatz.“

Hier finden Sie Berlins Wochenmärkte auf einen Blick
(PDF, Angaben laut Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung)

Aus der Nachbarschaft kommt auch Juliette Moarbes. Die junge Mutter ist mit Tochter Franziska (6) und ihrem kleinen Sohn Lucas (vier Monate) auf dem Ökomarkt unterwegs. Salate, Gemüse, Obst und Brot sucht auch sie aus. „Wir kaufen jetzt wieder verstärkt hier ein“, sagt die 33-Jährige. „Wir waren vielleicht ein bisschen nachlässig, eine Zeit lang.“ Die Nachrichten über belastete Lebensmittel haben die junge Mutter beunruhigt. „Wir wollen wissen, wo das herkommt, was wir kaufen, und fühlen uns einfach sicherer.“ Der Bio-Gedanke sei ihr wichtig. „Dazu gehört auch, dass man bestimmte Sorten nur zu einer bestimmten Jahreszeit isst.“

Die Grüne Liga betreibt den Ökomarkt in Prenzlauer Berg. „Es könnten noch viel mehr Menschen bei den Bauern einkaufen“, sagt Marktleiterin Elisabeth Westphal (61). „Bei Bauern, die wirklich Vertrauen verdient haben.“ Sie kennt die Händler gut und verweist auf einen Anbieter von Eiern. „Er hält nur 400 Hühner auf einer Fläche, auf der die Anbauverbände wie Bioland und Demeter 1500 Tiere erlauben“, sagt sie.

Großes Vertrauen zum Händler

Großen Zulauf hat auch der Berlin-Brandenburger Bauernmarkt, der donnerstags auf dem Wittenbergplatz in Schöneberg öffnet. „Die, die kommen, wollen Produkte aus der Region haben, und machen hier ihren Wochenendeinkauf“, sagt Marktleiter Thomas Mertner (43). „Man bekommt hier Waren frisch vom Bauern, ohne Zwischenhändler.“

Fast 20 Jahre gibt es den Markt. Viele Händler sind von Anfang an dabei. Einer von ihnen ist Thomas Köpernick. Er verkauft Fisch. „Wir holen die Ware aus Hamburg.“ Aal wird über Holz geräuchert. Matjeshering ist frisch zubereitet, mit Apfel, Gurke und Zwiebeln. Das Interesse an regionalen Produkten, „das gibt es schon eine ganze Zeit“, sagt der 43-Jährige aus Potsdam. Er kennt die Einkaufsgewohnheiten von Bekannten und Freunden. „Wer eine Arbeit hat und gut verdient, kauft regionale Produkte. Man gibt lieber mehr Geld aus als im Supermarkt einkaufen zu gehen.“

Hier finden Sie Berlins Wochenmärkte auf einen Blick (PDF)

Das sagen derzeit auch Berliner, die nicht behaupten würden, zu den Gutverdienern zu gehören. Erika T. muss mit einer schmalen Rente auskommen. Aber auch sie kauft Brot und Eier inzwischen regelmäßig auf dem Bauern- oder einem Ökomarkt. „Dafür verzichte ich dann eben mal auf Fleisch zum Mittag oder Schokolade beim Fernsehen. Aber ich will dem Händler vertrauen können.“

Keine abgepackte Supermarktware

Auch Uwe Barenthin (58) gehört zu den Händlern, die immer donnerstags ihre Waren auf dem Wittenbergplatz verkaufen. Er bietet Äpfel aus Werben an der Elbe an. Apfelsaft und Apfelkuchen hat er selbst gemacht. Bei Werner Rudolph (61) gibt es Eier, die Hühner im Fläming gelegt haben. Horst Strümpfele aus Kloster Lehnin verkauft auf dem Bauernmarkt Fleisch von Lamm, Rind und Ziegen, aber auch vom Bison.

Der Händler kommt seit 16 Jahren nach Schöneberg. Er habe viele Stammkunden, erzählt er. „Es sind in letzter Zeit nicht weniger und nicht mehr geworden.“ Manchmal kommt auch Julia Schiffner zu Rudolphs Stand. „Ich gehe generell nicht in Supermärkten Fleisch einkaufen“, sagt die 45-Jährige. Sie kaufe auf Wochenmärkten oder im KaDeWe ein. „Weil es mir wichtig ist zu wissen, wo die Ware herkommt.“ Es sollte nicht von weither sein, sondern aus der Region. „Das mache ich schon mindestens 15 Jahre so“, sagt Julia Schiffner. Auch bei Salat und Gemüse achte sie auf die Herkunft.

Bei manchen Berlinern sorgen die Lebensmittelskandale der vergangenen Wochen allerdings für neue Erfahrungen. Eine Kundin aus Prenzlauer Berg erzählte, dass sie kürzlich auf dem Markt am Kollwitzplatz Lammfleisch von einem Schäfer aus Brandenburg gekauft habe. Er habe alle Fragen zu Herkunft und Haltung der Schafe beantworten können , das Fleisch habe phantastisch geschmeckt. Und der Preis? Den hat sie sich gar nicht gemerkt.