Literatur

Von überforderten Menschen in Berlin-Neukölln

Inger-Maria Mahlke hat die Veränderungen in ihrem Berliner Bezirk in einem Roman festgehalten. Wer sich auf ihren Rhythmus einlässt, gerät in einen definitiv nicht-gefälligen und lesenswerten Roman.

Foto: Massimo Rodari

Inger-Maria Mahlke bestreitet das ja, aber es kann gar nicht sein, dass sie diese Leute nicht bestellt hat und die rein zufällig hier sitzen: Das Erste, was einem im Cafe Frollein Langer im Neuköllner Schillerkiez auffällt, ist ein Pärchen, das sich mit zwei Laptops gegenübersitzt, als spielten sie Schiffeversenken. Ihre Computer sind – logo – Produkte der Firma Apple.

Der zweite Blickfang ist das Mobiliar aus alten Sesseln und Stehlampen, das kaum einer in der eigenen Wohnung ertragen könnte, aber hier, wie einmal abgestellt und dann vergessen, erscheint auch das als natürlicher Teil des Ambientes – wie die Berlin-Zentrale der Hipster-Fraktion, Sektion Neukölln.

Wenn man es kurz und knapp mag, kann man sagen: Inger-Maria Mahlke, Jahrgang 1977, hat einen Roman über die Gentrifizierung geschrieben. Ein Bezirk in Berlin verändert sich in „Rechnung offen“ (Berlin Verlag, 19,99 Euro), und wie um das zu beweisen, hat die Autorin für das Treffen ausgerechnet diesen Laden vorgeschlagen.

Dem hat sie in ihrem Roman eine kleine Hommage gewidmet: „Im Frühjahr hatte in den Räumen ein Café aufgemacht, die Tapeten hatten sie runtergerissen, die nackten Wände erinnerten an Krieg. Sofas standen kreuz und quer und kleine Couchtische und Sessel, die nicht zu den Sofas passten, und alle mussten übereinandersteigen, wenn sie zu ihren Plätzen wollten.“ Genau so ist das hier.

„Ich bin sehr sentimental, glaube ich“

Eigentlich habe sie gar nicht über Neukölln schreiben wollen, sagt sie, also jedenfalls nicht explizit, und es stimmt auch, von Neukölln steht in ihrem Roman kein Wort, aber der Verlag hat den Bezirksnamen in das Anschreiben an Journalisten reingemogelt, weil ja alle Welt gerade behauptet, Neukölln sei das heiße neue Ding.

Inger-Maria Mahlke nimmt das billigend bis achselzuckend hin, „eigentlich sollte mein Roman kein weiterer Beitrag zur Gentrifizierungsdebatte werden, von der wir ohnehin schon so vollgedröhnt werden“, sagt sie, „sondern es geht um die Abbildung der Lebenswelten“.

Nachdem wir uns prinzipiell geeignet haben, dass man diese Debatte über Aufwertung und teure Mieten schon länger nicht mehr hören mag, können wir auch anfangen, uneins zu werden. Was sie nicht sieht, sind die Zehmanns, die Ein-Euro-Shops, die Friseure mit dem Herrenschnitt für sieben Euro, die Wettbüros, die türkischen Imbisse, die sich auf der Hermannstraße und in der Sonnenallee aneinanderreihen – allesamt Indizien, dass Neukölln doch vor allem Neukölln bleibt.

Was sie sieht, sind die Eckkneipen, die verschwinden, oder der alte Zeitungsladen bei ihr im Schillerkiez, der dicht gemacht hat und einem Edel-Italiener gewichen ist. „Bei mir geht es immer um Stabilität und Instabilität. Und die größte Form der Instabilität ist halt Zeit. Ich vermisse vieles einfach“, sagt sie, „ich bin sehr sentimental, glaube ich.”

Inger Maria-Mahlke ist auf einem sehr dornenreichen Weg Romanautorin geworden, der auch einiges über sie verrät – hat sie das Ziel doch mit einer Hartnäckigkeit verfolgt, die an Grisu, den Drachen erinnert. So wie die Zeichentrickfigur unbedingt Feuerwehrmann werden wollte, so wollte Inger Mahlke unbedingt Schriftstellerin werden. Sie hat mal den schönen Satz gesagt, dass es keine Kulturinstitution in Deutschland gebe, „die meine Bücher nicht zweimal abgelehnt hat“.

Sie habe gelernt, mit Ablehnung umzugehen, sagt sie heute, eine Ablehnung sei kein Grund dafür, den Text nicht weiterzuschreiben. Da sie nun wirklich keiner wollte, sah sie sich schon in einer Anwaltskanzlei, spezialisiert auf Verkehrsrecht. Jura hat sie auch studiert und trotzdem (oder gerade deshalb) eine bemerkenswert ausgeprägte Abneigung gegenüber der Juristerei, gegenüber den „fünf Regalmetern Fachliteratur über die Frage, wann eine Willenserklärung eingegangen ist und wo das Häkchen bei der Zustellungsurkunde sein muss – diese ganze Energieverschwendung“.

2009 kam der Durchbruch

Wenn du denkst, es geht nicht mehr... Jedenfalls kam dann doch der Durchbruch: Sie gewann den Open-Mike, den Literaturpreis für junge Schriftsteller, der Autoren wie Karen Duve, Jochen Schmidt und Tilman Rammstedt den Schub gab. Das war 2009. Im Jahr darauf erschien ihr erster Roman „Silberfischchen“, 2012 war sie dann einer der Gewinner beim Bachmann-Preis, nun also „Rechnung offen“.

Ehrlich gesagt, man kommt schwer rein in den Roman. Der Leser weiß anfangs oft nicht, wer in der raschen Abfolge der unterschiedlichen Stimmen gerade mit wem redet. Und was sie sagen, ist auch nicht so einfach. „Ich weiß das, das sagen mir alle, dass sie schwer reingekommen sind”, sagt sie. Gewollt sei das nicht, aber sie habe nun einmal Freude an der Aussparung, mit Aussparungen mache man manchmal die Sachen viel deutlicher, sagt sie.

Wer sich auf ihren Rhythmus einlässt, der gerät in einen sehr zeitgeistigen, definitiv nicht-gefälligen und lesenswerten Roman. Die Bewohner eines Miethauses in Neukölln leiden unter allerlei Varianten der Überforderung. Man kann das alles für neumodischen Quatsch halten, aber jede Studie aus der letzten Zeit kommt zum gleichen Befund: Immer mehr Menschen leiden an Stress und dauernder Erreichbarkeit, Depression und Burn-out. Man erweckt den Eindruck, als sei alles okay, doch würde man sich liebsten unter der Bettdecke verkriechen. „Landkarte der Überforderung“ hätte sie ihr Buch auch nennen können, sagt Inger-Maria Mahlke. Fast alle ihrer Figuren weichen dem Alltag, dem Leben aus, entweder nehmen sie Drogen oder essen manisch oder ersteigern sich Zeugs bei Ebay oder verstecken sich in ihrer Wohnung.

Eine Familie in Auflösung

So führt die junge Ebba, die dicke Blonde aus dem zweiten Stock, ein Doppelleben. Den Eltern – Claas und Theresa – vermittelt sie den Eindruck, sie sei eine erfolgreiche Studentin und sozial hochaktiv. „Was hast du am Wochenende gemacht, würde Theresa fragen. Tagsüber gelernt, abends war ich feiern, würde sie sagen. Wo, würde Theresa fragen. Ebba sah aus dem Fenster. Dort, wo die anderen am Wochenende feierten.“ Ebba ging natürlich nicht vor die Tür.

Eine Familie in Auflösung, hochgradig kommunikationsgestört. Theresa ist von ihrem älteren Liebhaber verlassen worden. „Die Maitresse en title wird aufgefordert, sich zurückzuziehen, der Liebhaber geht in den Ruhestand. Er emeritierte nicht nur, Friedrich wollte verschwinden zwischen lasierten Terrakotta-Blumenkübeln, kurzgemähten Rasen und ungebleichten Leinen-Sonnnensegeln, die Tageszeitung neben dem Liegestuhl.“ Und Claas, der Eigentümer des Hauses, der in halber Trennung zur Gattin lebt, ersteigert Backformen und erfreut sich an der Nachricht „Herzlichen Glückwunsch. Jetzt gehört der Artikel Ihnen“, selbst als er schon mit „Liquidatoren“, die seine notleidenden Kredite übernommen haben, ein unangenehmes Gespräch geführt hatte.

„Man sollte Menschen nicht idealisieren“

Und so geht es weiter in dem Haus in Neukölln, jeder macht dem anderen etwas vor, jeder will den Anderen Glauben machen, alles laufe prima, alles sei in Ordnung. Es gibt einen Jungen, den man mag, mit dem man mitleidet, Lukas, vielleicht 12, 13 Jahre, der versucht, den Schein zu wahren, den später seine Mutter verlassen wird.

Inger-Maria Mahlke hält das für nicht so wichtig, das mit der Identifikationsfigur: „Ich finde nicht, dass man Figuren mögen muss. Jeder Mensch hat Seiten, die man nicht mag. Ich habe auch Seiten, die ich nicht mag und die Menschen nicht mögen. Das ist einfach so. Und deshalb sollte man Menschen nicht idealisieren.”

Sie ist, das nur mal fürs Protokoll, deutlich fröhlicher, schlagfertiger und lebenslustiger, als man nach der Lektüre des Buches erwarten durfte. Sie denkt schnell und redet schnell und ihr literarischer Hyper-Realismus ist eine angenehme Abwechslung zu dem Hang, sowohl in der Literatur wie auch im sonstigen Leben, jede Gefühlsregung zu analysieren und psychologisch zu deuten. Inger-Maria Mahlke schreibt deskriptiv und spart die Reflexion aus. „Es hat auch damit zu tun, Sachen zu lassen, wie sie sind”, sagt sie dann noch und verabschiedet sich so lakonisch, als wäre es ein Satz aus ihrem Roman: „Es ist halt immer kompliziert."