Hannah A. ist erleichtert. Ihr Mann Daniel A. konnte am Freitagvormittag aus dem Krankenhaus entlassen werden. „Er ist jetzt zu Hause und schläft erst einmal“, sagte sie Morgenpost Online.
Im Krankenhaus sei der Rabbiner schon wegen der vielen Anrufe nicht zur Ruhe gekommen. „Ständig klingelte sein Telefon. Freunde und Bekannte, aber auch Fremde wollten wissen, wie es ihm geht.“ Die Operation am Jochbein habe ihr Mann gut überstanden. Noch sei er allerdings krankgeschrieben.
Wie lange er zu Hause bleiben müsse, sei noch unklar. Hannah A. will ihren Mann jetzt erst einmal „aufpäppeln“. Der Vorfall habe ihm doch sehr zu schaffen gemacht. „Er hat in den vergangenen Tagen kaum etwas essen können.“
Der 53-jährige jüdische Geistliche war am Dienstagabend vor den Augen seiner siebenjährigen Tochter von vier jungen Männern in Friedenau attackiert, mit antisemitischen Äußerungen beleidigt und geschlagen worden.
Der Rabbiner erlitt einen Jochbeinbruch und musste am Donnerstag operiert werden. Die Täter, laut Polizei vermutlich arabischer Herkunft, sind noch auf der Flucht.
Die Anteilnahme der Nachbarn der Familie A. ist groß. „Besonders gerührt hat uns eine Nachbarin. Sie hat viele Zitate von Dichtern und Denkern zum friedlichen Miteinander verschiedener Menschen gesammelt, aufgeschrieben und in unserem Hausflur ausgehängt“, sagt Hannah A. „Die Menschen meinen es ernst.“
Auch mehrere Organisationen wollen an diesem Sonntag ab zwölf Uhr ein Zeichen der Solidarität setzen. Auf der Kundgebung in Sichtweite des Tatorts soll Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) sprechen. „Ein Vorfall wie dieser ist absolut inakzeptabel“, sagte der Friedenauer SPD-Vorsitzende Serge Embacher. Der Stadtteil Friedenau gelte sonst als friedlich. „Das soll auch so bleiben“, sagte Embacher. Er rechnet mit bis zu 200 Teilnehmern auf dem Grazer Platz.
Während die Empörung über den Angriff anhält, sieht die Europäische Rabbinerkonferenz die jüdische Gemeinschaft in Deutschland an einem Scheideweg. Zusammen mit der drohenden strafrechtlichen Verfolgung eines Rabbiners wegen der Durchführung von Beschneidungen sei der Fall „im Kontext eines wachsenden Grades von Unsicherheit und Antisemitismus in Deutschland“ zu sehen, erklärte der Vorsitzende der Konferenz, Pinchas Goldschmidt. „Wir haben Deutschland für die Entwicklung der vergangenen 65 Jahre gelobt, aber jetzt steht das Land erneut auf dem Prüfstand, und die Welt wird die Reaktion genau beobachten.“
kö/dpa



