„Das ist Berlin“-Kampagne

Wer einmal in Tegel lebt, zieht nicht mehr weg

Noch ist in Tegel keine Ruhe eingekehrt, denn der Airport bleibt erst einmal geöffnet. Die Menschen wohnen trotzdem gerne in ihrem Bezirk.

Foto: dpa

Die neue Werbekampagne der Berliner Morgenpost erweitert die preisgekrönte „Das ist Berlin“-Kampagne um Motive aus Berliner Stadtteilen. So wurden etwa für Steglitz, Spandau, Tegel und Tempelhof erstmals eigene charakteristische Bilder entwickelt. Wir stellen die Kieze vor, aus denen die Fotomotive stammen.

Blesshühner fiepen, ein Kajakfahrer taucht in gleichmäßigen Zügen seine Paddel in das glitzernde Wasser, ein Ausflugsdampfer legt ab. Der Reinickendorfer Ortsteil Tegel ist ohne den Tegeler See nicht zu denken. Schon seit mehr als hundert Jahren kommen die Berliner an die Greenwichpromenade, um am Wasser zu flanieren oder einen der Ausflugsdampfer zu besteigen, die von dort zu Touren über Havel und Spree ablegen. Und die Tegeler genießen das Idyll vor ihrer Tür.

Auch Jeannette Waschke schiebt ihren Kinderwagen beinahe jeden Tag am Seeufer entlang. Vor einem Jahr ist die 29-Jährige aus Wedding nach Alt-Tegel gezogen. „Dort war es voll und laut. Hier ist es ruhig und gemütlich“, beschreibt die junge Mutter ihr Tegel-Gefühl. Jeannette Waschke sieht nur einen Nachteil: An den Sommerwochenenden, wenn die Ausflügler kommen, ist entlang der kopfsteingepflasterten Straßen um die Dorfkirche Alt-Tegel kein Parkplatz zu finden. „Aber sonst ist es hier wunderschön“, schwärmt sie. „Und das Beste ist, dass man gleich um die Ecke alles bekommt, was man braucht. Es gibt Geschäfte, Ärzte, einfach alles.“

Angesichts der Kulisse des waldumsäumten Tegeler Sees ist kaum vorstellbar, dass nur wenige hundert Meter weiter, auf der Berliner Straße, der Verkehr braust und Passanten mit Einkaufstüten bepackt über den Bürgersteig der zentralen Geschäftsstraße hetzen. Die gute Versorgung, die Ruhe und die Nähe zum Wasser lobt auch Doris Lindner. Sie ist vor zwei Jahren vom Kurt-Schumacher-Platz an den Brunowplatz gezogen. „Tegel ist gediegen“, sagt sie. Etliche ihrer Freunde, alle um die 30 Jahre alt und mit Kindern, seien auch nach Tegel gezogen – nicht zuletzt wegen der noch günstigen Mieten.

Engagement im Kiezverein

Kioskbetreiber Klaus Marggraf sieht die Entwicklung aber auch kritisch. Viele alteingesessene Geschäftsleute hätten aufgegeben. „Die Fluktuation ist hoch“, sagt der 48-Jährige. Seit knapp 30 Jahren lebt Marggraf in Alt-Tegel. Er interessiert sich für seinen Kiez, arbeitet im kleinen Verein „Kunst & Kultur Tegel“ mit. Seinen Zeitungsladen an der Treskowstraße hat er mit historischen Bildern aus Tegel geschmückt. Reinickendorf mit gut 33.000 Einwohnern auf knapp 34 Quadratkilometern Fläche größter Ortsteil kann mit Kultur und Tradition aufwarten. Die rund 800 Jahre alte Eiche „Dicke Marie“ gilt als ältester Baum, die „Alte Waldschänke“ an der Karolinenstraße als älteste Gaststätte Berlins. Schloss Tegel, in dem einst Alexander und Wilhelm von Humboldt lebten, befindet sich in Privatbesitz und kann von Mai bis September immer montags besichtigt werden, allerdings nur im Rahmen von Führungen. In der Villa Borsig am Nordwestufer des Tegeler Sees hat das Auswärtige Amt eine Akademie mit Gästehaus untergebracht. Auf dem früheren Werksareal der Firma Borsig an der Berliner Straße mit dem berühmten Borsigtor ist ein moderner Wirtschaftsstandort für Dienstleister, neue Technologien, Handel und Freizeit entstanden.

Neu gebaut wird auch am Tegeler Hafen – einem früheren Industriehafen am Tegeler See. Nach der Pleite eines russischen Investors baut dort nun Condor Wessels Bouw unmittelbar an der postmodernen Humboldt-Bibliothek drei Stadtvillen mit 36 Eigentumswohnungen und ein sechsgeschossiges Pflegeheim mit 112 Apartments sowie 36 Wohnungen für betreutes Wohnen. Etliche Anwohner beklagen, dass nun der Blick aufs Wasser durch die Neubauten versperrt wird.

Das bekannteste Bauwerk in Tegel aber dürfte der gleichnamige Flughafen sein. Dass der alte West-Berliner Airport nach dem Debakel um die Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld noch immer in Betrieb ist, betrachten die einen als Segen, die anderen als Fluch. Die Neu-Tegelerin Jeanette Waschke jedenfalls wünscht sich, dass der Flughafen offen bleibt. „Ich möchte nicht jedes Mal bis nach Schönefeld fahren, wenn ich in den Urlaub fliegen will.“ Der Fluglärm sei am Ostufer des Tegeler Sees ja kaum zu hören, sagt Jeanette Waschke.

Auf der anderen Seeseite – im Konradshöher Ortsteil Tegelort – sehnen die Bewohner hingegen die Schließung des nahen Flughafens herbei. Ernst van der Spek glaubt für die rund 2500 Einwohner der Siedlung zu sprechen, wenn er sagt: „Der Fluglärm stört uns hier alle. Wir sind froh, wenn das aufhört.“ Seit mehr als 30 Jahren lebt der 68-Jährige in Tegelort. Wie die meisten seiner Nachbarn schätzt er die Abgeschiedenheit, die Lage zwischen Wald und Wasser. Zu DDR-Zeiten fielen hier an den Wochenenden die West-Berliner in Scharen ein, um sich in dem idyllischen Quartier an der Mündung vom Tegeler See in die Havel zu erholen. Doch seit dem Fall der Mauer ist es ruhiger geworden um die Siedlung im Tegeler Forst. Wären da nicht die Schlangen zur Autofähre nach Spandau – man könnte glauben, in Tegelort sei Berlin zu Ende.

Beinahe jeder besitzt ein Boot

An den Wochenenden setzt eine kleine Personenfähre Besucher zu den vorgelagerten Inseln Valentinswerder und Maienwerder über, wo vielbeneidete Großstädter Häuser und Lauben mitten auf dem See haben. Ob auf den Inseln oder auf dem Tegelorter Festland – irgendein Boot besitzt hier nahezu jeder. Dezente Villen, gediegene Einfamilienhäuser und kleine Wohnblocks prägen das Bild von Tegelort. Gute Nachbarschaft ist Lebensprinzip. „Es ist friedlich und man fühlt sich sicher“, fasst Jutta Eleftheriou den Reiz von Tegelort zusammen. „Einbrüche, Überfälle, all die Dinge, die man aus Berlin sonst so hört, passieren hier nicht“. Wer einmal in Tegelort lebt, zieht nicht mehr weg. „Hier kauft man nicht, hier erbt man höchstens“, scherzt van der Spek, während er auf das Wasser schaut. Auch für ihn ist ein Leben fernab des Tegeler Sees undenkbar.