„Das ist Berlin“-Kampagne

Die Spandauer mögen ihren Bezirk und das Wasser

In den letzten Jahren hat sich die Wilhelmstadt stark verändert. Besonders beliebt ist Klein-Venedig.

Die neue Werbekampagne der Morgenpost Online erweitert die preisgekrönte „Das ist Berlin“-Kampagne um Motive aus Berliner Stadtteilen. So wurden etwa für Steglitz, Spandau, Tegel und Tempelhof erstmals eigene charakteristische Bilder entwickelt. Wir stellen die Kieze vor, aus denen die Fotomotive stammen.

Sven Schwobeda ist heute sein eigener Kapitän. Am Anleger direkt neben der Tiefwerder Brücke faltet der 20-Jährige die Abdeckung von seinem kleinen Motorboot zusammen. Die Wasserskier liegen schon an Bord – damit will er sich später über das Wasser ziehen lassen. Dabei erholt sich der Binnenschiffer von den vergangenen zwei Arbeitswochen auf einem Tanker. Erst am Dienstag ist er in Antwerpen von Bord gegangen und jetzt wieder für 14 Tage zu Hause in Tiefwerder, im Osten der Wilhelmstadt in Spandau. Heute geht es mit Freunden zum Wannsee. Nur 45 Minuten dauert die Strecke auf dem Wasser. Das glitzert in der Sonne, perfektes Wetter für einen Bootstrip.

Wegen der Nähe zur Havel, zu Seen und Wasserläufen ist der gebürtige Charlottenburger vor drei Jahren an die Ruhlebener Straße gezogen, an die nördliche Grenze der Wilhelmstadt, nur wenige Minuten vom Bootsanleger entfernt. „Hier ist es nicht so verbaut. Die Gegend ist naturbelassen und die Leute sind nett“, sagt Schwobeda. Der perfekte Ort für alle, die das Wasser lieben.

Vorbei an Rudervereinen

Davon gibt es in Wilhelmstadt, das im Jahr 1897 nach Kaiser Wilhelm I. benannt wurde, mehr als genug. Die Havel fließt durch den Ortsteil, im Süden liegen die Scharfe Lanke mit der Halbinsel Pichelsdorf, der Pichelssee und der Stößensee, die von der grünen Halbinsel Pichelswerder getrennt werden. Hinzu kommen der Grimnitzsee, der Südparkteich und das Landschaftsschutzgebiet Tiefwerder Wiesen mit seinen vielen Wasserläufen. „Man ist hier sofort in Klein-Venedig“, schwärmt Schwobeda. Die Dorfstraße führt vorbei an Rudervereinen, Bootsverleihen und Werften, Mehrfamilienhäusern und Doppelhaushälften direkt zu den Tiefwerder Wiesen – auch ohne Boot kann man hier einen Blick auf Klein-Venedig werfen. Von einer Holzbrücke aus sind die Wasserläufe zu sehen, zwischen denen sich einige Stockenten niedergelassen haben. Links der Brücke im Kleinen Jürgengraben liegt ein Segelschiff. Hölzerne Anlegestellen, Gras und Büsche säumen das Ufer. Klein-Venedig ist zwar kleiner als sein italienischer Namensvetter, aber romantisch und wesentlich ruhiger. Störende Touristengruppen und Gondoliere gibt es hier nicht. Nur ein paar Wasserbüffel stehen etwas weiter entfernt im Gras der Tiefwerder Wiesen.

„Ein bisschen Idylle muss sein“, sagt Peter Claßen. Die hat der 71-Jährige nur unweit der Tiefwerder Wiesen in der Parzelle 41 des Kleingartenvereins Tiefwerderbrücke 1909 e.V. gefunden. Claßen ist seit 24 Jahren erster Vorsitzender der Kolonie – einem von mehr als 60 Kleingartenvereinen in Spandau.

Seit 35 Jahren bewirtschaftet Peter Claßen zusammen mit Ehefrau Marion (65) den Garten mit der weißen Laube. „Unsere Tochter war noch klein, als wir die Parzelle gepachtet haben. Für Kinder ist das ideal hier“, erinnert sie sich. Damals haben sie noch in Tiergarten gewohnt. Mittlerweile sind die Claßens an die Heerstraße im Süden von Wilhelmstadt gezogen – so sind sie schneller im Garten. Wenn besonders gutes Wetter ist, übernachten die ehemalige Schulsekretärin und der Kundendienstmonteur im Ruhestand sogar in der Laube. Zu essen haben sie hier schließlich immer genug. Erst heute Morgen hat Marion Claßen wieder eine ganze Schüssel voll Stangenbohnen geerntet. Und auch die Tomatenstauden im Gewächshaus sind dicht behangen, davor wachsen Kohlrabi, Zucchini und Rotkohl. Wenige Parzellen weiter erholt sich der 65-jährige Klaus Mutz vor seiner Holzhütte von der Gartenarbeit. Er ist stolz darauf, Spandauer zu sein und eben kein Berliner, sagt er und lacht. Damit spielt er darauf an, dass der heutige Bezirk bis Oktober 1920 eine eigenständige Stadt war.

„Die Geschäfte haben sich stark verändert”

Vom idyllischen Osten der Wilhelmstadt führt die Schulenburgbrücke über die Havel in den urbaneren Teil, in dem viele der rund 37.000 Bewohner leben. Die Autos, die über die Brücke rauschen, stören Karin Glienke (62) nicht, die hier die Aussicht genießt. Ein Boot schippert über die Havel, am Ufer steht ein riesiger Kran. „Diese alten Kräne sind wunderschön. Ich mache gerne Industriefotografie und habe den hier auch schon fotografiert“, sagt sie. Glienke lebt schon seit 30 Jahren in Spandau.

Von hier ist es nicht weit zur Pichelsdorfer Straße, die neben der Wilhelmstraße und der Gatower Straße im Westen sowie der Heerstraße im Süden zu den größeren Straßen des Ortsteils gehört. Die Heerstraße trennt den historischen Kern der Wilhelmstadt mit seinen Mehrfamilienhäusern von dem südlich der Straße gelegenen Wohngebiet bis zum Weinmeisterhornweg, in dem sich vor allem Einfamilienhäuser mit Gärten aneinanderreihen.

Im Norden der Pichelsdorfer Straße prägen internationale Geschäfte, Blumenläden, einige Restaurants, Kneipen und Imbisse, aber auch Billigläden das Straßenbild. Dazwischen leuchtet an den Hauswänden immer wieder das Wort „Casino“ auf. „Die Geschäfte hier haben sich stark verändert“, sagt Bettina Roloff (52), die schon seit 26 Jahren an der Pichelsdorfer Straße 99 in der Familienbäckerei Rösler arbeitet. Die Atmosphäre unter den Menschen sei zwar gut, man kenne sich, doch: „Früher gab es zum Beispiel noch einen Fischladen, einen Obstladen und einen Feinkostladen. Jetzt gibt es auch viel Leerstand und viele Spielhallen.“ Die sozialen Probleme wie Arbeitslosigkeit haben zugenommen, immer weniger Menschen können es sich leisten, viel Geld für Einkäufe auszugeben. Das macht es den alteingesessenen Geschäften teilweise schwer. Außerdem seien die Ladenmieten gestiegen, berichtet Martina Schiffke (44), die seit dem Jahr 2003 eine Kreuzung weiter südlich die Confiserie M. Schiffke führt. „Der kleine Kudamm von Spandau ist das hier lange nicht mehr“, sagt die gebürtige Spandauerin. Handgemachte Pralinen von Berliner Traditionsunternehmen werden in dem kleinen Geschäft seit 80 Jahren verkauft. Auf der Straßenseite gegenüber befinden sich ein Sonnenstudio und ein Casino.

Mehrere Millionen Euro

Ein erster Schritt ist bereits geschafft, damit die Pichelsdorfer Straße und die umliegende Gegend wieder mehr Menschen zum Einkaufen anziehen. Im vergangenen Jahr wurde Wilhelmstadt zum Sanierungsgebiet erklärt. So fließen in den nächsten 15 Jahren mehrere Millionen Euro in den Kiez. Und trotz aller Herausforderungen verkauft Schiffke ihre Schokolade gern in der Wilhelmstadt. „Der Kiez ist schön, es gibt viel Grün und viel Wasser“, sagt sie. Und auf der Wilhelmstraße hätten es schließlich einige Cafés und Restaurants geschafft, sich zu etablieren – durch guten Zusammenhalt.