André Schmitz

„Beim Schlossumfeld wird der beste Entwurf realisiert“

Berlins Kulturstaatssekretär setzt sich für Chancengleichheit zwischen historischer und moderner Gestaltung der Berliner Bauvorhaben ein.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

André Schmitz hat als Staatssekretär für Kultur nicht nur die politische Aufsicht über die Opern und Staatstheater, sondern ist auch mit prestigeträchtigen Bauvorhaben befasst – darunter der Wiederaufbau des Berliner Schlosses, die Neuordnung der Museumslandschaft und die Gestaltung der historischen Mitte. Alle diese Vorhaben haben eins gemeinsam: Sie sind heftig umstritten. Isabell Jürgens sprach mit Schmitz über die kulturpolitischen Baustellen der Stadt.

Morgenpost Online: Wissen Sie eigentlich, mit wie vielen Bauvorhaben die Kulturverwaltung befasst ist?

André Schmitz: Gute Frage, ich habe noch gar nicht nachgezählt. Aber ich arbeite ja auch nicht in der Baubehörde. Wie viele sind es denn?

Morgenpost Online: Ich komme auf ein Dutzend mit Staatsoper, Gemäldegalerie, Bauhaus-Archiv …

André Schmitz: Vergessen Sie bitte nicht unser größtes und wichtigstes Bauvorhaben, die Zentral- und Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld.

Morgenpost Online: Nein, dafür sollen wir Steuerzahler ja mit 270 Millionen Euro belastet werden. Können wir uns das leisten?

André Schmitz: Das müssen wir uns sogar leisten, schließlich sind moderne Bibliotheken höchst integrative Orte, die, anders als so manche Tempel der Hochkultur, von allen Bevölkerungsschichten genutzt werden. Wir sprechen so viel von Bildung, Bibliotheken ermöglichen und fördern lebenslanges Lernen. Die ZLB ist unverzichtbar für Berlin, sie ist eine Investition in und für die Zukunft. Das ist meine feste Überzeugung.

Morgenpost Online: Warum ein Neubau, warum nicht die Bibliothek im ICC ansiedeln?

André Schmitz: Das wäre eine fragwürdige Kompromisslösung mit hohen Folgekosten, weil das Messezentrum mit seinen vielen großen Versammlungsflächen gar nicht dafür ausgelegt ist. Das ist auch der Grund, weshalb man die Bibliothek auch nicht in den Bestandsgebäuden des Flughafens Tempelhof unterbringen kann. Wir haben ja ein Dutzend mögliche Standorte für die Zentralbibliothek geprüft. Das Tempelhofer Feld ist die beste Lösung. Außerdem: Beim ICC diskutieren wir über Sanierungskosten in Höhe von 300 Millionen Euro für ein Gebäude, dessen Zukunft höchst umstritten ist. Das ist vielen Menschen meiner Meinung nach kaum noch vermittelbar.

Morgenpost Online: Bleiben wir bei fragwürdigen Kompromissen. Als solcher gilt vielen die Entscheidung, ausgerechnet im Umfeld des größten Rekonstruktionsvorhabens in Deutschland, dem Berliner Schloss, eine historische Gestaltung auszuschließen.

André Schmitz: Da habe ich gute Nachrichten: Auf Verwaltungsebene haben sich Kultur- und Bauressort intern auf einen Wettbewerbstext geeinigt, mit dem ich sehr einverstanden bin. Dieser Auslobungstext ermöglicht die Chancengleichheit von modernen Entwürfen wie solchen, die sich an der Geschichte anlehnen.

Morgenpost Online: Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat wiederholt betont, dass sie eine moderne Gestaltung wünscht, mit der eine Rückkehr des Neptunbrunnens auf den Schloßplatz nicht infrage kommt.

André Schmitz: Ich gehe davon aus, dass auch beim Brunnen alle Optionen offen sind. Der beste Entwurf wird realisiert, ob er nun eine moderne oder eine an historischen Vorbildern orientierte Lösung vorsieht.

Morgenpost Online: Wird es die Prüfung aller Optionen auch auf der anderen Spreeseite geben, zwischen Alexander- und Schloßplatz?

André Schmitz: So weit sind wir hier leider noch nicht. Aber ich freue mich, dass zwischen Kultur- und Stadtentwicklungsverwaltung Konsens besteht über die Schaffung eines Denkmals, das direkt an der Marienkirche an das ehemalige Wohnhaus von Moses Mendelssohn erinnern soll. Bisher erinnert ja leider kaum etwas daran, dass hier einst die dicht besiedelte Altstadt Berlins stand, in der viele hervorragende Bürger der Stadt lebten und arbeiteten.

Morgenpost Online: Doch es bleibt unklar, was der Senat in der alten Mitte will: die Freiflächen bewahren, die die DDR hinterlassen hat, oder anknüpfen an die Vorkriegszeit?

André Schmitz: Wir haben uns im Koalitionsvertrag mit der CDU auf einen städtebaulichen Wettbewerb für dieses Areal geeinigt. Das ist immerhin mehr, als in den Jahren zuvor mit den Linken möglich war. Aber es stimmt, die Formulierungen im Koalitionsvertrag sind etwas vage. Ich persönlich werbe für eine moderne Wiederbebauung, die sich an den historischen Straßenzügen orientiert. Es geht nicht um die Rekonstruktion historischer Gebäude, sehr wohl aber um die Belebung mit Wohnungen, Cafés, Geschäften – durchaus mit günstigen Wohnungen. Keine Luxus-Townhouses und -Apartments wie auf dem nahen Friedrichswerder, sondern preiswerte Wohnungen mitten in der Stadt, das wäre eine Vision …

Morgenpost Online: Gegen die Bebauung gibt es doch auch in Ihrer eigenen Partei Widerstände?

André Schmitz: Das ist mir bewusst, ich glaube auch nicht, dass wir in dieser Legislaturperiode noch eine Entscheidung fällen werden. Das ist ein so wichtiges Vorhaben, das muss im öffentlichen Diskurs entschieden werden, auch wenn es noch ein paar Jahre dauern sollte. Aber ich bin sicher, es wird kommen. Keine Stadt darf so geschichtsvergessen sein, dass sie ihren Gründungsort unters Pflaster packt. Nach meiner Überzeugung können weder Schwimmbad noch eine Außenalster noch ein Park …

Morgenpost Online: … alles Vorschläge, die ein Ideenwettbewerb von der Senatsbaudirektorin hervorgebracht hat …

André Schmitz: … hier die Antwort sein. Wir brauchen an diesem Ort innerstädtisches Leben. Dafür werde ich mich mit aller Kraft einsetzen. Sollte das jemand nostalgisch finden, nun, damit kann ich leben.

Morgenpost Online: Bleiben wir bei umstrittenen Entscheidungen und kommen zur Gemäldegalerie …

André Schmitz: Ein ärgerliches Sommertheater, bei dem viele Kulturredakteure offenbar völlig vergessen haben, was sie selbst vor ein paar Jahren in ihren Feuilletons geschrieben haben. Was ist denn Schlimmes passiert? Die Bundesregierung hat zehn Millionen Euro zur Verfügung gestellt, damit der lange geplante Umzug der Alten Meister von der Gemäldegalerie am Potsdamer Platz zur Museumsinsel erfolgen kann. In der Gemäldegalerie soll dann das Museum der Moderne, in der die Sammlung Pietzsch untergebracht werden kann, entstehen. Wer jetzt behauptet, die derzeitige Verteilung der Bilder in den Berliner Museen sei perfekt, der ignoriert völlig, dass die Alten Meister am Potsdamer Platz leider weit unter Wert präsentiert werden ...

Morgenpost Online: Die Sorge ist ja auch vielmehr, dass ein Großteil der Gemälde im Depot verstaubt …

André Schmitz: Das will doch niemand. Es wird einen Neubau direkt gegenüber dem Bode-Museum geben.

Morgenpost Online: Mit Gesamtkosten von rund 150 Millionen Euro, die noch nicht bewilligt sind.

André Schmitz: Der Bund hat in den vergangenen Jahren sämtliche Baulasten auf der Museumsinsel getragen, mehrere Milliarden Euro für die Sanierung und Erweiterung der Häuser bereitgestellt. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass der Masterplan Museumsinsel so kurz vor seiner Vollendung von den Haushältern im Bundestag infrage gestellt wird.

Morgenpost Online: Berlin hat bedeutende Kunstsammlungen. Warum spendiert eigentlich keiner die dazu passenden Gebäude?

André Schmitz: Dazu sollte man wissen: Das Ehepaar Pietzsch wollte ausdrücklich kein eigenes Museum, sondern es wollte mit dieser Schenkung den Anstoß geben, die großartige Sammlung der Moderne insgesamt am Kulturforum angemessen zu präsentieren. Und ja, ich würde mich riesig freuen, wenn es durch die Unterstützung Privater oder von Unternehmen gelingen könnte, etwa die wunderbare Schinkelsche Bauakademie im Herzen der Stadt wieder aufbauen zu lassen.

Morgenpost Online: Vielleicht liegt es daran, dass Bauvorhaben in Berlin oft doppelt so lange dauern und doppelt so teuer werden wie geplant und zudem häufig vehemente Abwehr hervorrufen?

André Schmitz: Länger und teurer sind gewiss keine Berliner Spezialitäten. Und bei der Bauakademie gibt es auch keine ideologischen Grabenkämpfe, weder was die Frage der Rekonstruktion noch der späteren Nutzung betrifft. Auch um den Bauplatz gibt es, anders etwa als bei Krupp vor dem Staatsratsgebäude, keine Kontroverse. Manche Dinge brauchen einfach Zeit. Wir haben auch in Zukunft noch eine Menge politischer Überzeugungsarbeit zu leisten, damit aus guten Ideen Realität wird.