Interview

Gemäldegalerie-Chef Lindemann will keinen Bruderkrieg

Die Proteste gegen die Umzugspläne von Berliner Gemäldegalerie und Nationalgalerie nehmen zu. Bernd Lindemann bleibt optimistisch.

Foto: dapd

Die Prostete gegen die geplante Rochade in der Berliner Museumslandschaft nehmen zu. Der Verband Deutscher Kunsthistoriker fordert gar eine Rücknahme der Pläne. Denn die Gemäldesammlung am Kulturforum soll Platz machen für die Neue Nationalgalerie, die saniert werden muss. Zusammen mit der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch soll dort eine „Galerie des 20. Jahrhunderts“ entstehen. Dafür müssen die „eingedampften“ Alten Meister ins Bode-Museum ziehen. Erst durch einen Galerieneubau gegenüber der Insel werden sie wieder vollständig ausgestellt. Der Startschuss ist vollzogen: Der Bund hat in seinem Nachtragshaushalt zehn Millionen Euro für das Projekt freigestellt.

Morgenpost Online: Wie haben Sie von den zehn Millionen Euro für die Umgestaltung der Gemäldegalerie erfahren?

Bernd Lindemann: Ich wurde davon überrascht, zusammen mit dem Generaldirektor war ich auf einer Ausstellungseröffnung in Tokio. Früh am morgen bekamen wir die Nachricht, dass der Haushaltsausschuss die Summe beschlossen hat. Ich bin glücklich über das Ziel, aber nicht glücklich über die zeitliche Perspektive.

Morgenpost Online: Das ist milde formuliert…

Bernd Lindemann: Adäquat ist nur das Bode-Museum in Zusammenhang mit dem Erweiterungsbau. Alles andere entspricht nicht dem Rang beider Sammlungen. Dies auf Dauer wäre international in der Tat nicht zu vermitteln.

Morgenpost Online: Aber vorerst sieht es doch nach einer Interimslösung aus, damit die Neue Nationalgalerie unterkommt, die saniert wird.

Bernd Lindemann: Es geht um das 20. Jahrhundert insgesamt. Die Nationalgalerie hat ein Problem, seit es das Mies-Gebäude gibt. Die Sammlung ist immer nur ausnahmsweise und in Auszügen zu sehen. Die Nationalgalerie braucht mehr Platz, die Gemäldegalerie ist als definitive Heimstatt vorgesehen.

Morgenpost Online: Wurde jetzt nicht über Ihren Kopf hinweg entschieden?

Bernd Lindemann: Innerhalb der Stiftung wurde das Konzept vorbereitet. Da ist grundsätzlich der Konsens, dass diese Schritte gleichzeitig zu erfolgen haben. Dieses Ungleichzeitige macht für uns die Dinge schwierig.

Morgenpost Online: Was wird jetzt mit dem Geld geschehen?

Bernd Lindemann: Wofür die zehn Millionen Euro genau vorgesehen sind, das wird sich durch eine Machbarkeitsstudie ergeben, die in Auftrag gegeben wird.

Morgenpost Online: Irgendwie stecken Sie im Dilemma, Sie wollen umziehen, aber der Bau ist nicht da.

Bernd Lindemann: Man kann sich dieser Geschichte nicht versperren, ohne das Gesamtziel zu gefährden.

Morgenpost Online: Auf Sie kommt das Szenario zu, dass Sie mit der Interimslösung Ihre hochkarätige Sammlung eindampfen müssen, der Rest geht ins Depot.

Bernd Lindemann: Noch gibt es unterschiedliche Positionen. Dass wir den Standort Kulturforum gänzlich verlassen und aufgeben. Wenn wir dann das Bode-Museum nutzen, gibt es vielleicht Überlegungen für ein weiteres, zusätzliches Ausweichquartier.

Morgenpost Online: Warum denn ganz raus?

Bernd Lindemann: In der Gemäldegalerie sind Arbeiten nötig, wie soll das bei laufendem Museumsbetrieb gehen?

Morgenpost Online: Dann also das Bode-Museum mit vorerst halbiertem Bestand?

Bernd Lindemann: Die Gemäldegalerie lässt sich nicht auf ein Museum von Meisterwerken reduzieren. Gerade die Qualitätsvielfalt macht den Charakter der Gemäldegalerie aus. Wir sind eine Sammlung ohne Mona Lisa – dafür eine Sammlung mit allen Facetten der europäischen Malerei.

Morgenpost Online: Was ist Ihr nächstes Etappenziel?

Bernd Lindemann: Was uns beschäftigen wird, ist heftiges Klinkenputzen für den Erweiterungsbau. Es wird eine Broschüre geben, in der wir auf Notwendigkeit und Chancen des Erweiterungsbaus hinweisen wollen.

Morgenpost Online: Die Kosten des Erweiterungsbaus sollen bei 200 Millionen Euro liegen.

Bernd Lindemann: Realistisch ist eine Schätzung von 150 Millionen Euro.

Morgenpost Online: Woher soll dieses Geld in absehbarer Zeit kommen?

Bernd Lindemann: Selbstverständlich ist dies eine Aufgabe des Bundes; wir hoffen aber auch auf Unterstützung von anderer Seite.

Morgenpost Online: Wird es einen Bruderkrieg zwischen Nationalgalerie und Gemäldegalerie geben?

Bernd Lindemann: Nein, nein, es muss vermieden werden, dass die eine gegen die andere Sammlung ausgespielt wird. Ich habe natürlich die Pflicht, mich für die Gemäldesammlung und Skulpturensammlung einzusetzen.

Morgenpost Online: Sie müssten empört sein, dass man Ihnen unvorbereitet eine Interimslösung anbietet.

Bernd Lindemann: Dafür kann man dem Haushaltsausschuss nun keinen Vorwurf machen, dass er seine Termine nicht abstimmt mit einer Ausstellungseröffnung in Tokio. Ich bin überzeugt, dass hier keinerlei Verschwörung am Werk ist, es ist auch nicht das Ergebnis von Lobbyarbeit. Wir müssen das als Chance sehen, es hat ja überhaupt keinen Sinn, mit Empörungsgeschrei durch die Gegend zu rennen. Was wir jetzt brauchen, ist breite Unterstützung für den Erweiterungsbau des Bode-Museums, um diese beiden Sammlungen in zwei Häusern, die sinnvoll verbunden werden, auszustellen. Die Werke müssen an der Museumsinsel in den Dialog treten mit den frühen Hochkulturen, der Antike und dem Übergang zum 19. Jahrhundert.

Morgenpost Online: Die Gemäldegalerie hat ihre Fans, andere kennen sie gar nicht. Das ist Ihr Problem. Wie können Sie das ändern?

Bernd Lindemann: Die Staatlichen Museen leiden darunter, dass wir praktisch keine Werbung für unsere Häuser machen können, weil schlicht das Geld fehlt. Ich sehe oft mit ein wenig Neid (lacht) die Auftritte von Sanssouci auf den Bussen. Das ist Werbung!

Morgenpost Online: Vor dem Pergamonmuseum reihen sich die Busse. Von diesen Besucherströmen können Sie nur träumen.

Bernd Lindemann: Am hiesigen Standort haben wir wirklich wenig Bustourismus. Die Insel ist per se attraktiv, zudem ein guter Treffpunkt für verschiedene Museen. Uns besuchen im wesentlichen Individualtouristen, die Verweildauer ist enorm lang. Paare, Familien und kleinere Gruppen, besonders Italiener und Holländer kommen in Studiengruppen. Ist klar, wir haben eine weltberühmte Sammlung mit frühitalienischer Malerei, wir besitzen florentinische und venezianische und ferrarische Malerei. Das gibt es in dieser Dichte nirgendwo.

Morgenpost Online: Wie viel Platz hätten Sie im Bode-Museum?

Bernd Lindemann: Mit dem Erweiterungsbau des Bode-Museums könnten wir in beiden Häusern zusammen so viel Gemälde ausstellen wie wir heute in der Gemäldegalerie zeigen.

Morgenpost Online: Sie brauchen jetzt viel Optimismus…

Bernd Lindemann: Seit ich seit 2004 am Kulturforum bin, lebe ich unter dem Druck, der durch die Situation der Nationalgalerie entstanden ist. Ich hoffe auf die Einsicht der politisch Verantwortlichen, dass sie die beiden Sammlungen nicht vergessen und ich baue auf Unterstützung. Ich bin nicht zu beneiden – aber Optimismus gehört nun mal zu meinen Amtspflichten.