Bandenkriminalität

Brutale Hütchenspieler greifen Berliner an

Betrügerische Hütchenspieler haben einen Berliner Händler geschlagen. Die Gewerkschaft der Polizei kritisiert fehlende Kontrollen.

Foto: ddp

Für die Berliner Polizei ist es ein altbekanntes Phänomen. Immer, wenn im Sommer Touristen in Scharen in die Hauptstadt kommen, stehen sie schon bereit: Hütchenspieler, die an beliebten Straßen und Plätzen mit schnellen Gewinnen locken und es vor allem auf ahnungslose Berlin-Besucher abgesehen haben. Wie skrupellos die meist aus Osteuropa stammenden Banden mitunter vorgehen, zeigt sich immer wieder.

Erst in der vergangenen Woche wurde ein südkoreanischer Tourist am Kurfürstendamm von Hütchenspielern ausgeraubt. Nun sorgt ein Zwischenfall vom Sonntag für Aufregung. Laut Aussage eines Geschäftsführers aus Mitte soll er von einem Hütchenspieler in den Magen geschlagen worden sein. Die Polizei soll anschließend auf seinen Notruf hin nicht reagiert haben. Die Polizei bestreitet diese Darstellung.

Von Hütchenspielern geschlagen

Die Vorwürfe erhebt der Geschäftsführer des Berlin Story Verlags, Enno Lenze, der auch Mitglied der Piraten-Partei ist. Auf seinem Weg zu seiner Arbeitsstelle an der Straße Unter den Linden in Mitte begegnet Lenze den Hütchenspielern häufig. So auch am vergangenen Sonntag. Lenze fiel laut eigener Aussage die Gruppe an der Friedrichstraße Ecke Unter den Linden auf. "Als eine österreichische Touristin mich ansprach und mir sagte, dass das in Österreich verboten sei, antwortete ich ihr, dass das auch in Deutschland der Fall sei", so Lenze.

Plötzlich sollen mehrere der Hütchenspieler ihn umringt und angepöbelt haben, weil sie offenbar das Gespräch mitangehört hatten. "Sie brüllten, dass ich verschwinden soll", so Lenze. Anschließend hätten sie ihn geschubst und in den Magen geschlagen. Als er schließlich über sein Handy die Polizei alarmieren wollte, habe einer der Männer versucht, ihm das Telefon aus der Hand zu schlagen. Daraufhin seien die Männer geflüchtet. "Als ich jedoch der Notrufzentrale den Fall schilderte, sagte man mir nur, dass derzeit alle Kräfte im Einsatz seien", so Lenze. Zudem sei es schwierig, die Männer, nachdem sie geflüchtet waren, wiederzufinden, soll der Beamte gesagt haben. "Ich sollte noch einmal anrufen, wenn die Spieler wieder auftauchen", so Lenze. Immerhin habe man ihm angeboten, einen Rettungswagen zu rufen. Für Lenze ein schwacher Trost.

Die Polizei bestreitet diese Darstellung der Dinge. "Wir können bestätigen, dass um 13.59 Uhr der Notruf eingegangen ist", sagt Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Laut den schriftlichen Unterlagen der Notrufzentrale sei eine Polizeistreife nach Mitte entsendet worden. Später habe die Streife gemeldet, dass "Hütchenspieler vertrieben" worden seien. Dass der zuständige Beamte in der Notrufzentrale gesagt haben soll, dass alle Kräfte im Einsatz seien, glaubt Neuendorf nicht. "Wir werden uns die Telefonaufzeichnungen jedoch noch einmal anhören und überprüfen, ob ein Fehlverhalten vorgelegen hat", so der Sprecher weiter.

Grundsätzlich ist es für die Polizei schwierig, gegen die Täter vorzugehen. Da die Hütchenspieler mehrere Beobachter einsetzen, die vor der Polizei warnen, müssen die Ermittler auf zivile Beamte setzen. Doch auch diese werden häufig schnell erkannt. Sofern den Kriminellen kein Betrug nachgewiesen werden kann, bleibt es bei einer Ordnungswidrigkeit wegen des Verstoßes gegen das Berliner Straßengesetz und einem Platzverweis. Die Polizei setzt daher ihre Hoffnung auf ein Gerichtsurteil des Amtsgerichts Tiergarten. Denn um den Betrugsnachweis zu erbringen, musste in der Vergangenheit genau beobachtet werden, wie die Betrugsmasche funktioniert. Dies fiel den Tätern jedoch häufig auf.

Die Richterin vom Amtsgericht, die einen Mann rechtskräftig wegen Betrugs verurteilt hatte, betonte laut Polizeiangaben in ihrer Begründung, dass es nicht darauf ankomme, möglichst präzise zu beschreiben, wie der Trick der Kriminellen funktioniere. Ausreichend für die Erfüllung des Tatbestands des Betruges sei bereits, "dass der Hütchenspieler dem Opfer eine Gewinnchance nur vorspiegelt", die real aber nicht existiere. Zwischen Animier- und Spielphase ändere der Hütchenspieler die Modalitäten, indem er etwa die Kugel verschwinden lässt. Hier liege die beabsichtigte Täuschungshandlung.

GdP: Problem wird unterschätzt

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) betont, dass es sich bei Hütchenspielern um Straftäter handele. "Diese Gruppierungen organisieren sich bandenmäßig, das ist nichts weiter als organisierte Kriminalität", so Berlins GdP-Chef Michael Purper. Er warnt vor deren Skrupellosigkeit. "Wer die Machenschaften dieser Banden stört, muss mit gewalttätigen Übergriffen rechnen", so Purper weiter. Gegen die Banden vorzugehen, sei schwierig. Wenn überhaupt könne die Polizei wegen ihres Personalzustands sie nur punktuell bekämpfen, nicht aber flächendeckend und nachhaltig. "Der Senat hat in den vergangenen Jahren 4000 Polizisten eingespart, und er wird weitersparen", so der Gewerkschafter. Das Problem werde gesellschaftlich unterschätzt und die Personalprobleme der Hauptstadtpolizei sich somit zu einem Sicherheitsproblem für die Bevölkerung entwickeln, kritisiert der GdP-Chef.

Der Spardruck war schon vor Jahren spürbar: Bis zum Jahr 2005 leistete sich die Polizei noch eine eigene Zivilfahndertruppe, die in der City West auf Streife ging. Ihr Einsatzgebiet lag rund um den Breitscheid- und Hardenbergplatz in Charlottenburg. Die 13 Zivilfahnder kümmerten sich neben Drogendealern und Taschendieben auch um Hütchenspieler und sprachen Tausende von Platzverweisen aus. Im April 2005 wurden die Beamten auf andere Diensteinheiten der Direktion 2 verteilt und die Truppe aufgelöst.

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