Zehn Jahre nach dem Amoklauf von Erfurt sind Lehrer in Deutschland erschreckend oft mit Hinweisen auf Gewaltandrohungen konfrontiert. Das geht aus ersten Ergebnissen eines Krisenpräventionsprojekts der Freien Universität Berlin (FU) hervor, die am Dienstag auf dem Deutschen Präventionstag in München vorgesellt wurden. Sieben Prozent der befragten Pädagogen hätten von Amokdrohungen berichtet, so FU-Professor Herbert Scheithauer, Leiter des Networks Against School Shooting (Netwass).
Der Studie zufolge berichteten weitere zwölf Prozent der Befragten zudem, sie hätten mit Todesdrohungen unter den Jugendlichen zu tun gehabt. Außerdem hätten die Lehrer innerhalb von zwölf Monaten im Durchschnitt zwei- bis dreimal besorgniserregende Verhaltensänderungen bei Kindern bemerkt. Jeder fünfte Lehrer gab an, in den vergangenen zwölf Monaten auch von Suizidgedanken von Schülern erfahren zu haben. Auch das Thema Mobbing kam dabei zur Sprache. So berichteten die befragten Lehrer, dass sie binnen eines Jahres im Durchschnitt viermal mit Mobbing-Vorfällen konfrontiert gewesen seien.
Die Berliner Wissenschaftler von der Projektgruppe Netwass hatten im Rahmen der Untersuchung mehr als 3500 Lehrer an 108 Schulen in Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg befragt. „Wir wollten herausfinden, wie wichtig das Thema Krisenprävention an den Schulen ist und waren überrascht, wie viele Lehrer schon selbst mit schweren Gewaltandrohungen konfrontiert waren“, so Scheithauer.
Erschreckend hoch sei auch die Zahl der Lehrer gewesen, die in ihrer gesamten Schullaufbahn noch nie mit Gewaltpräventionsschulungen in Berührung gekommen seien: „Mehr als 60 Prozent der Lehrer haben nach eigenen Auskünften noch nie an entsprechenden Fortbildungsmaßnahmen teil genommen.“ Die Mitarbeiter von Netwass hatten sich bei ihren Forschungen in Berlin auf rund 40 Schulen in den Bezirken Mitte, Lichtenberg und Steglitz-Zehlendorf konzentriert. Diese Bezirke würden mit ihrer Sozialstruktur dem berlinweiten Durchschnitt entsprechen, hieß es. Um eine deutschlandweite Aussage treffen zu können, wurden auch jeweils knapp 40 Schulen aus den Bundesländern Brandenburg und Baden-Württemberg einbezogen. Das Projekt wird vom Bundesbildungsministerium gefördert.
Im Zentrum von Netwass steht ein festes schulinternes und speziell geschultes Krisenteam, das kritische Beobachtungen zusammenträgt und gemeinsam Präventionsschritte einleitet. „Unsere ersten Erfahrungen zeigen, dass das Verfahren und die Kurse an den Schulen sehr gut aufgenommen und als hilfreich erachtet werden“, sagte Scheithauer. So fühlten sich die Teilnehmer bei der Bewertung von Androhungen sicherer und hätten auch größeres Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Schulleitung. Im laufenden Projekt wurden bislang mehr als 80 Fälle von Gewaltandrohung bis zur Selbstmordabsicht zurückgemeldet und mit Hilfe des Krisenteams bearbeitet. In diesen Fällen habe möglicherweise Schlimmeres verhindert werden können, sagte Scheithauer. An welchen Schulen sich diese schwerwiegenden Vorfälle ereignet hätten, wollte Scheithauer indes nicht sagen: „Wir wollten bewusst keine Vergleichsprozesse in Gang setzen“. Dafür hätte es zudem einer repräsentativen Studie bedurft.
Bei lediglich 40 teilnehmenden Schulen seien solche Ergebnisse angesichts von insgesamt rund 900 Berliner Schulen zudem fragwürdig. Ausdrücklich lobte Scheithauer die Bemühungen der Berliner Bildungsverwaltung: „Berlin hat in den vergangenen Jahren viel unternommen“, so der Wissenschaftler. So wurden zahlreiche Schulen inzwischen mit Amokalarm-Anlagen ausgestattet, es gibt es seit 2005 verbindliche Notfallpläne und Krisenteams, in denen Lehrer, Polizei und Schulpsychologen zusammenarbeiten. Mit Erfolg: Nach einem Bericht der Berliner Bildungsverwaltung haben Gewaltvorfälle an Berliner Schulen abgenommen. 1468 Gewaltvorfälle wurden im Schuljahr 2010/2011 gemeldet. Die Zahl der Meldungen ist damit im Vergleich zum Vorjahr erneut zurückgegangen. Im Schuljahr 2009/2010 waren es noch 1576 und damit rund sieben Prozent mehr.



