Die Befürchtungen vieler Polizisten haben sich offenbar bewahrheitet: Nach zahlreichen Attacken auf verfeindete Rockerklubs sollen die berüchtigten Hells Angels Berlin City unter der Führung des türkischen Boxers Kadir P. in der Nacht zum Sonnabend auch Unbeteiligte angegriffen und versucht haben, diese schwer zu verletzen. Wie Morgenpost Online aus Sicherheitskreisen erfuhr, waren ein italienischer Pizzabäcker und sein Sohn Ziel einer besonders brutalen Attacke in Wedding.
Demnach hatten zahlreiche Rocker der beschuldigten Hells Angels gegen 3 Uhr vor ihrem Klubhaus an der Residenzstraße gesessen. Zu diesem Zeitpunkt kamen der Italiener und sein 17 Jahre alter Sohn mit ihrem weißen Audi vorbei. Da sollen die Rocker in drei Fahrzeuge gestiegen sein und die beiden mit hoher Geschwindigkeit verfolgt haben. An der Osloer Straße schließlich sollen sie Vater und Sohn ausgebremst haben.
„Als der Audi der beiden Italiener stand, sprangen die Hells Angels aus den Autos und schlugen mit Baseballschlägern, Axtstielen und Teleskopschlagstöcken auf das Fahrzeug der Opfer ein“, so ein Polizeibeamter. Dabei sollen mindestens zwei Rocker auch immer wieder versucht haben, durch die bereits beschädigte Seitenscheibe der Beifahrerseite auf den Sohn des Fahrers einzustechen. Wie durch ein Wunder wurde der 17-Jährige nicht verletzt.
Den Weg freigerammt
In seiner Not ergriff der Italiener schließlich die Flucht nach vorn und rammte mit seinem Wagen ein Auto der Hells Angels zur Seite. Dann raste er davon – und wurde nicht weiter verfolgt. Wenig später erschienen die beiden geschockten Männer auf einem Polizeiabschnitt und erstatteten Strafanzeige. Angehörige des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) wurden zur Unterstützung in das Einsatzgebiet geschickt, konnten aber nichts mehr ausrichten.
Bislang ist nach Angaben eines Polizeiführers nicht geklärt, warum die Polizei nicht sofort auch die Klubräume der Hells Angels an der Residenzstraße durchsuchte, um mutmaßliche Täter festzunehmen und Tatwaffen sicherzustellen. Diese Frage müsse jetzt intern geklärt werden, hieß es.
Nach Informationen von Morgenpost Online ergaben die Ermittlungen bereits, dass keiner der beiden Angegriffenen in der Vergangenheit jemals mit Rockern zu tun gehabt hat. Es scheint vielmehr so, als sei die Attacke der Hells Angels aus purer Lust an Gewalt geschehen – nach Einschätzung eines Beamten ein weiterer Beleg für die Gefährlichkeit der Gruppe.
Deren Anführer, der Türke Kadir P., war in einer bis dahin einzigartigen Aktion mit knapp 80 Gefolgsleuten von den Bandidos zu den Hells Angels übergelaufen und hatte demonstrativ die zerschnittenen Kutten im alten Klubhaus zurückgelassen. Wenig später wurden sie schon als vollwertige Mitglieder der Hells Angels aufgenommen und gelten seitdem als eine der skrupellosesten Rockergruppierungen.
Experten gehen seit geraumer Zeit davon aus, dass die führenden Köpfe der Hells Angels in Deutschland diese Adoption bereits bereuen könnten. „Man hatte sich von der Übernahme einen quantitativen Machtgewinn versprochen. Zudem werden der Gruppierung gute Verbindungen in die Drogenszene nachgesagt, was schlicht und ergreifend Geld bedeutet, woran die Rocker trotz aller anders lautenden Bekundungen am meisten interessiert sind“, sagte ein Staatsanwalt.
Unterstützung vom SEK
In letzter Zeit soll man sich bei den Hells Angels allerdings so seine Gedanken machen. Denn durch die nicht abreißende Serie von Gewaltattacken auf die verfeindeten Bandidos – die früheren „Brüder“, – wird gegen die mutmaßlichen Täter um Kadir P. und seine Gefolgsleute immer wieder das Landeskriminalamt (LKA) mit Unterstützung des Spezialeinsatzkommandos (SEK) auf den Plan gerufen.
Erst im Herbst des vergangenen Jahres war ein Großaufgebot von Bereitschaftspolizisten mit SEK-Unterstützung in die Klubräume an der Residenzstraße eingedrungen und hatte zahlreiche Rocker um Kadir P. überwältigt.
Doch auch diese Aktionen scheinen den türkischen Anführer nicht zu schrecken. Vielmehr soll er nach Informationen dieser Zeitung intern angeordnet haben, dass seine Gefolgsleute bei Polizeikontrollen harten Widerstand leisten und nach Möglichkeit Beamte verletzen sollen. „Damit will er den Ruf unterstreichen, der Anführer der härtesten Gruppierung zu sein“, so ein Polizeiführer.
Das habe jedoch zur Folge, dass sich „normale“ Funkwagenbesatzungen im Stadtgebiet nicht mehr trauten, beispielsweise zu schnell fahrende Rocker anzuhalten und zu kontrollieren. So zynisch es auch klinge, man setze in Ermittlerkreisen auch darauf, dass Kadir P. und seine Leute durch ihre Unruhe und die wiederkehrenden Polizeieinsätze bei der Deutschland-Führung der Hells Angels in Ungnade fallen.
„Der Mann sorgt dafür, dass die Rocker nicht in Ruhe ihren Geschäften nachgehen können. Und noch mehr als den Ruf schätzen die Hells Angels gute Umsätze“, so der Polizeiführer. Denn mit Rockerromantik hätten diese Klubs längst nichts mehr zu tun.




