Noch werden Aylin, Duaa, Can, Ibrahim und die anderen Erst- und Zweitklässler an der Neuköllner Sonnen-Grundschule in jahrgangsgemischten Klassen unterrichtet. Die Altersspanne in ihrer Gruppe liegt zwischen fünfeinhalb und acht Jahren. Doch vom kommenden Schuljahr an ist es mit dem gemeinsamen Unterricht vorbei. Die Grundschule wird zu Jahrgangsklassen zurückkehren. So hat es die Schulkonferenz beschlossen.

An der Papageno-Grundschule in Mitte dagegen wird zurzeit heftig darüber diskutiert, wie es mit dem Jül-Konzept des jahrgangsübergreifenden Lernens weitergehen soll. Während die meisten Eltern von ihm überzeugt sind, wollen die Lehrer unter den gegebenen Umständen nicht damit weitermachen. In einem Brandbrief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) fordern sie eine deutlich bessere Personalausstattung, kontinuierliche Fortbildung für Lehrkräfte, sonderpädagogische Hilfe vor Ort sowie eine Verringerung der Unterrichtsverpflichtung und die Wiedereinführung der Vorklassen. Nur unter diesen Voraussetzungen könne Jül gelingen.

Jül bedeutet jahrgangsübergreifendes Lernen. Kinder der ersten, zweiten und oft auch dritten Klasse werden gemeinsam unterrichtet. In Berlin ist dieses Lernkonzept in der Schulanfangsphase der Regelfall. Bisher haben sich aber 71 der 374 öffentlichen Grundschulen dazu entschlossen, wieder Jahrgangsklassen einzurichten. Seit Jül 2004 verbindlich wurde, wehren sich Eltern gegen diese Unterrichtsform. Sie wollen selbst entscheiden, wie ihre Kinder lernen. Ausgehend von der Käthe-Kollwitz-Grundschule in Lichtenrade, entstand 2006 eine Elterninitiative gegen Jül.

Wie weiter mit Jül?

Der Brief soll am Dienstag übergeben werden. Für diesen Tag ist ein Treffen der Schulleiter mit Mitarbeitern der Bildungsverwaltung geplant, bei dem es um die Zukunft des jahrgangsübergreifenden Unterrichts gehen soll. Holger Kulick, Elternvertreter an der Papageno-Grundschule, bestätigt, dass es an vielen Grundschulen heftig „rumort“. Lehrer und Eltern diskutierten hin und her, wie mit Jül verfahren werden sollte. „Da kommt viel Unruhe auf die Bildungsverwaltung zu“, sagt Kulick.

Jül oder nicht Jül – über kaum ein pädagogisches Konzept wird so heftig diskutiert wie über den jahrgangsgemischten Unterricht. Auch in Berlin streiten Lehrer, Eltern und Fachleute heftig darüber. Während Befürworter die Erziehungserfolge hinsichtlich des Sozialverhaltens der Kinder in den Vordergrund stellen, führen Gegner an, dass die Lehrer den unterschiedlich weit entwickelten Kindern in einer Jül-Gruppe nicht gerecht werden könnten. Sie warnen davor, dass es keinen stabilen Klassenverband mehr gibt, weil jedes Jahr neue Kinder in die Gruppe kämen und ältere sie wieder verließen. Das wirke sich vor allem auf jene Kinder negativ aus, die ohnehin schon Probleme hätten. Brigitte Stemmler, Schulleiterin der Papageno-Schule, erzählt, dass ihre Kollegen anfangs begeistert bei der neuen Lehrform mitmachten. „Wir unterrichten bereits seit dreieinhalb Jahren jahrgangsübergreifend. Inzwischen sind die Kollegen jedoch an der Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen.“ Viele hätten gesundheitliche Probleme. Der Krankenstand der mit Jül betrauten Lehrer und Erzieher nehme auffallend zu. Ursache seien Überforderung und Frust. So könne es nicht weitergehen.

Um auf das Problem aufmerksam zu machen, hat das Kollegium der Papageno-Grundschule den Brandbrief verfasst. Von den Eltern werden die Pädagogen dabei unterstützt. Elternvertreter Holger Kulick sagt: „Wir haben zwar keine so schwierige Schülerklientel wie die an Brennpunktschulen. Doch auch an unserer Schule sitzen 26 Kinder in einer Klasse. Nicht wenige haben Konflikte, die sich auf ihr Verhalten auswirken.“ Etwa weil sich auffällig viele Eltern trennten, mit entsprechend negativen Folgen für die Kinder.

Schulleiterin Brigitte Stemmler fordert deshalb eine bessere Lehrerausstattung, damit zwei Lehrer pro Klasse eingesetzt werden können. So war es ursprünglich auch angedacht. „Erzieher können das nicht leisten“, sagt Stemmler. Sie seien weder entsprechend ausgebildet, noch würden sie so bezahlt wie Lehrer. Ein anderes Problem ist laut Stemmler die frühe Einschulung der Kinder. Bei vielen seien Reifeprozesse noch nicht ausreichend erfolgt. Sie hätten Sprachdefizite, seien motorisch auffällig, das mathematische Abstraktionsvermögen sei noch nicht entwickelt. Der Betreuungsaufwand für diese Kinder sei sehr hoch. Das gehe auf Kosten des Lernerfolgs der gesamten Klasse.

Eigentlich sollte das jahrgangsübergreifende Lernen seit 2007/2008 an allen Berliner Grundschulen verbindlich umgesetzt werden. Doch von Anfang an gab es große Widerstände unter den Pädagogen und Eltern gegen das neue Konzept. Der ehemalige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte schließlich dem Druck nachgegeben und eine Rückkehr zu klassischen Jahrgangklassen in Ausnahmefällen möglich gemacht. Daraufhin hatten 71 Schulen die Abschaffung von Jül beantragt. Die Kriterien der Bildungsverwaltung waren streng vorgegeben, denn die Jahrgangsmischung mit Jül sollte auf jeden Fall die Regel an den rund 400 Berliner Grundschulen bleiben. Diese Devise hält bislang auch die neue Bildungssenatorin bei. Die Vorsitzende des Grundschulverbandes, Inge Hirschmann, geht aber davon aus, dass mindestens noch mal so viele Schulen für eine Abschaffung der Jahrgangsmischung votieren werden. „Ich rechne damit, dass sich bis zum Sommer rund 160 Grundschulen gegen Jül entschieden haben“, sagt sie. Auch an der Neuköllner Sonnen-Grundschule wird es vom kommenden Schuljahr an wieder erste und zweite Klassen geben. Mit Jül ist es dann vorbei. „Wir haben das zwar nur ein Jahr lang gemacht“, sagt Schulleiterin Renate Lauzemis, „allerdings nur in Kunst, Sport und Musik und gegen den Widerstand vieler Kollegen.“ Gerade Kinder an Brennpunktschulen wie ihrer brauchten stabile Lerngruppen und verlässliche Beziehungen, sagt Lauzemis. Deshalb habe ihr Kollegium bereits im Mai beantragt, wieder zu Jahrgangsklassen zurückkehren zu können. Damals bedurfte es noch eines schlüssigen Alternativkonzepts, das die Bildungsverwaltung genehmigen musste. Inzwischen ist es einfacher.

Schulen entscheiden selbst

Auf Drängen der CDU wurde im Koalitionsvertrag beschlossen, dass künftig die Schulen selbst entscheiden können, ob sie die ersten beiden Klassen weiterhin mischen oder die Jahrgänge wieder getrennt unterrichten wollen. Schulen, die Jül wieder abschaffen wollen, wie die Sonnen-Grundschule, haben dafür viele Gründe. So etwa die Tatsache, dass es beim jahrgangsgemischten Lernen keinen stabilen Klassenverband mehr gibt.

Für die Eltern der Papageno-Grundschule ist das kein Problem. Doris Schilz, deren Sohn Luis die ersten Schuljahre in einer Jül-Gruppe verbrachte, hält die Altersmischung für einen Gewinn. „Die Familien werden immer kleiner. Für die Kinder ist es daher eine wichtige Erfahrung, nicht nur mit Altersgenossen zusammen zu lernen, sondern sich auf jüngere und ältere Mitschüler einstellen zu müssen.“ Bezüglich des Brandbriefes hat Elternvertreter Kulick wenig Hoffnung, er resümiert: „Die Bildungsverwaltung hat keinen Spielraum, es gibt nicht genug Personal.“