Bildung

Jedes dritte Kind soll auf Privatschule gehen

Gegenwärtig müssen alle Eltern von Sechstklässlern, die vom Sommer an eine Berliner Oberschule besuchen sollen, ihre Kinder anmelden. Privatschulen sind dabei besonders gefragt - die Nachfrage ist viel größer als das Angebot.

Foto: Marion Hunger

Claudia Flohr hat klare Vorstellungen, wie es für ihren Sohn Leonard nach der sechsten Klasse weitergehen soll. Er soll an eine Privatschule wechseln. Während andere Eltern noch hin und her überlegen, welche Schule für ihr Kind die richtige ist, bleibt Claudia Flohr gelassen. Lediglich die Ungewissheit, ob es tatsächlich auch die Wunschschule wird, macht ihr zurzeit etwas zu schaffen. „Wir legen großen Wert auf eine evangelische Erziehung und haben uns für Leonard deshalb an einer evangelischen Schule beworben“, sagt die Mutter. Diese Entscheidung hat aber noch andere Gründe. Claudia Flohr hat bereits bei ihrem älteren Sohn, der das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster in Wilmersdorf besucht, gute Erfahrung gemacht. „Die Lehrer sind sehr engagiert und jederzeit ansprechbar“, sagt sie.

Mit Schulsystem unzufrieden

Gegenwärtig müssen alle Eltern von Sechstklässlern, die vom Sommer an eine Oberschule besuchen sollen, ihre Kinder anmelden. Wer eine staatliche Schule in Betracht zieht, hat noch bis zum 22. Februar Zeit, den Bewerbungsbogen an seiner Wunschschule abzugeben. Auch ein Zweit- und Drittwunsch kann dort eingetragen werden. An einer Privatschule gibt es keine Anmeldefristen.

Privatschulen sind nicht nur deshalb sehr gefragt. Immer häufiger wenden sich Eltern von den staatlichen Schulen ab und melden ihre Kinder an freien Schulen an. Insgesamt 34 Prozent aller Befragten in Deutschland würden sich für eine Privatschule entscheiden, das sind vier Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Das hat eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbandes Deutscher Privatschulen ergeben. Der Zuspruch für die freien Schulen zieht sich laut Umfrageergebnissen durch alle Schichten, unabhängig vom Bildungsgrad und vom Einkommen der Befragten.

„Die Ergebnisse der Umfrage sind Ausdruck der Unzufriedenheit mit Teilen des Schulwesens“, sagt Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung Berliner Schulleiter. Dabei müssten die staatlichen Schulen die Konkurrenz nicht fürchten. Allerdings müssten dringend auch die öffentlichen Schulen freier agieren können und weniger gegängelt werden.

In Berlin wächst die Zahl der Privatschulen seit dem Mauerfall jedes Jahr – und der Gründungsboom hält weiter an. Derzeit gibt es 322 Schulen in freier Trägerschaft. 45 davon sind weiterführende Schulen, 65 berufsbildende Schulen. Mit dem kommenden Schuljahr werden vier neue Berufs- und zwei neue Fachschulen aufmachen. Weitere Schulgründungen sind in Planung.

Etwa acht Prozent der Berliner Schüler besuchen inzwischen eine freie Schule, doch die Nachfrage ist viel größer als das Angebot. „Die meisten Schulen haben Wartelisten“, sagt Andreas Wegener vom Privatschulverband Berlin. Anmelden kann man sich an den weiterführenden Privatschulen das ganze Jahr über. Einige versuchen jedoch, mit vorgezogenen Anmeldefristen mehr Planungssicherheit zu erlangen. So gibt es Schulen, die noch vor dem staatlichen Anmeldeverfahren ihre Plätze vergeben, sodass sich die Eltern nicht parallel an den öffentlichen Schulen anmelden müssen. Dennoch kann Parallelanmeldungen niemand verwehren. Im Gegenteil: Wer den Schulplatz an der gewünschten freien Schule nicht per Vertrag sicher hat, muss sogar gleichzeitig an dem Verfahren für die öffentlichen Schulen teilnehmen. Nur so kann der Bezirk die Einhaltung der Schulpflicht sicherstellen.

„Natürlich kann es vorkommen, dass dann im Laufe des Verfahrens wieder Schüler abspringen“, sagt Sebastian Koven, Schulleiter des BIP Kreativitäts-Gymnasiums in Lichtenberg. Wer allerdings kurzfristig von seinem Vertrag zurücktrete, müsse trotzdem ein halbes Jahr lang Schulgeld bezahlen, so der Schulleiter. Anders sei eine Planung nicht möglich. Ebenso komme es aber vor, dass sich Schüler erst anmelden, wenn das Verfahren an den staatlichen Schulen abgeschlossen ist und es an der Wunschschule nicht geklappt hat.

Die Aufnahmebedingungen sind sehr unterschiedlich. Neben dem Notenzeugnis wählen die freien Schulen häufig auch nach der gewünschten Schülermischung von Jungen und Mädchen aus. An vielen Schulen wollen sich die Lehrer im persönlichen Gespräch oder durch einen Probeunterricht ein Bild von dem Bewerber machen. Andreas Wegener, Geschäftsführer der stark nachgefragten Privaten Kant-Schule, sagt, dass man dem ausführlichen Gespräch mit den Eltern großen Wert beimesse. Die Grundschulzensuren spielten zwar auch eine Rolle, seien im Zweifelsfall aber nicht entscheidend. „Die Zensuren sind nur schwer vergleichbar, weil jede Schule nach eigenen Maßstäben benotet“, sagt Wegener. Auch das Galileo-Gymnasium in Wilmersdorf vertraut nicht allein auf die Noten. Die Schule hat sich die besondere Förderung von Hochbegabten auf die Fahnen geschrieben, und die scheitern in einigen Fällen auch an den öffentlichen Schulen. Bewerber müssen einen Intelligenztest absolvieren, sofern dieser nicht bereits vorliegt. Dabei müssen nicht alle Schüler hochbegabt sein, eine gute Begabung ist jedoch Voraussetzung, damit die Spannbreite zwischen den Schülern nicht zu groß ist.

Einkommensabhängiges Schulgeld

An konfessionellen Schulen wie der Evangelischen Schule Spandau hält man die Religionszugehörigkeit der Bewerber zwar für „wünschenswert“, Bedingung ist sie aber nicht. Peter Schaumann, einer der Schulräte der katholischen Schulen des Erzbistums Berlin: „Wir nehmen auch Schüler auf, die nicht getauft sind.“ Wie viele, dazu gebe es eine interne Regelung.

Eine Hürde ist für viele Eltern natürlich auch das Schulgeld, das an den freien Schulen fällig wird. Die staatlichen Zuschüsse decken nur etwa ein Drittel der Gesamtkosten der Schulen, deshalb sind sie auf Elternbeiträge angewiesen. Die Unterschiede sind dabei breit gefächert. Die meisten Schulen erheben die Beiträge einkommensabhängig. Es gibt aber bei den Trägern auch oft Stipendien für Ausnahmefälle.

Bedingungen zur Aufnahme

Anmeldungen: An Schulen in freier Trägerschaft können Eltern ihre Kinder während des gesamten Schuljahres anmelden. Entscheidend ist, ob an der jeweiligen Schule noch Plätze frei sind. Die Anmeldefrist für alle weiterführenden öffentlichen Schulen endet dagegen am 22. Februar. Bis dahin müssen sich die Schüler und Eltern entscheiden und ihren Anmeldebogen an der Erstwunschschule abgeben. Dort gibt man dann auch den Zweit- und Drittwunsch ab.

Leistungsnachweise: Wie die öffentlichen Schulen richten sich auch die Privatschulen nach dem Notendurchschnitt der Schüler und damit nach der Grundschulempfehlung. Eine wichtige Rolle für die Aufnahme spielen aber auch Elterngespräche. An einigen Schulen müssen die Bewerber Probeunterricht vereinbaren. Der dauert meist zwischen einer und zwei Wochen. Manche Schulen machen auch Aufnahmetests.

Schulgeld: Eltern, die ihr Kind an einer Schule in freier Trägerschaft anmelden, müssen mit einem monatlichen Schulgeld rechnen. Das ist unterschiedlich hoch und fast immer einkommensabhängig. Manchmal gibt es für Kinder einkommensschwacher Familien ein Stipendium. Besuchen Geschwisterkinder die gleiche freie Schule, gibt es oft eine Ermäßigung für das zweite Kind.