Gideon Joffe ist neuer Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Bei der ersten Sitzung der Repräsentantenversammlung wählte der neue Vorstand den 39-jährigen Betriebswirt am Mittwochabend an die Spitze von Deutschlands größter jüdischer Gemeinde. Joffe, der bereits von 2005 bis 2008 Vorsitzender war, hatte mit seiner Wahlliste „Koach!“ (Kraft) 14 der 21 Sitze des Gemeindeparlaments gewonnen. Ein erster Wahlgang war wegen Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung annulliert worden. Die bisherige Vorsitzende Lala Süsskind war aus persönlichen Gründen nicht wieder angetreten.
Der neue Vorsitzende gilt als Gegner des Sparprogramms, das Süsskind der überschuldeten Gemeinde auferlegt hatte. Vor allem Gemeindemitarbeiter hatten sich gegen Pensionskürzungen gewehrt. Joffe wurde erst nach stundenlangen Debatten gewählt. Die Opposition hatte versucht, die Wahl zu verhindern, da gegen Joffe Ermittlungen wegen Insolvenzverschleppung bei der Berliner Treberhilfe laufen, deren Geschäftsführer er bis Dezember 2011 war. Sie sieht Joffe für die Position als belastet an. Joffe erklärte, er sei mit großer Mehrheit von den Gemeindemitgliedern gewählt worden. Zu den Vorwürfen äußerte er sich nicht.
Die jüdische Gemeinde in Berlin wird von großen finanziellen Problemen belastet. Von dem Haushalt 2012 in Höhe von 27,5 Millionen Euro gehen 16 Millionen auf das Konto von Personalkosten und Renten. Die Gemeinde muss zuviel ausbezahlte Betriebsrenten an das Land Berlin zurückzahlen. Der Senat ist bereit, einen Teil der Schulden zu erlassen, wenn das Sanierungskonzept durchgesetzt ist.
Der 1972 in Tel Aviv geborene Joffe zog als Kind mit seiner aus Lettland stammenden Familie nach Berlin. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und war als Berater für Geschäftsbeziehungen mit China tätig.
dapd/nbo


