Berlin-Mitte

Jüdische Mädchenschule wird zum Kunstzentrum

Ein lichter, heller, eleganter Bau der Neuen Sachlichkeit: Die Jüdische Mädchenschule in Berlin-Mitte ist architektonisch wieder das, was sie ursprünglich einmal war. In dem Gebäude öffnen Ableger der Galerien Eigen + Art und Camera Work. Und Lokale gibt es auch.

Nun sind sie also vorbei, die Zeiten des morbiden Retro-Schicks. Zum letzten Mal besuchten wir die unsanierte, ehemalige Jüdische Mädchenschule im Herzen der Auguststraße im Jahr 2006, die Berlin-Biennale hatte dieses Refugium des Übergangs temporär für die Kunst annektiert.

Damals hatte die Bespielung von urbanen Ruinen und Freiflächen durch Künstler noch Hochkonjunktur. Auf dieser Folie des Vergangenen spiegelte sich das melancholische Lebensgefühl einer Stadt, die mit sich noch nicht fertig war. Nathalie Djurburgs Knetgummi-animierten Horrorfigürchen spukten auf einer düsteren Leinwand irgendwo in einem dieser leeren Klassenräume herum.

Das ist vorbei. Mittlerweile ist Djurburg eine bekannte Künstlerin, und die Jüdische Mädchenschule architektonisch wieder das, was sie ursprünglich einmal war. Ein lichter, heller, eleganter Bau der Neuen Sachlichkeit, entschlackt von diversen hässlichen Resopal-Einbauten und Zwischenwände aus DDR-Zeiten.

Mehr Bauleiter als Galerist

Und das Schöne ist, dass das rot verklinkerte Gebäude, nach wie vor im Besitz der Jüdischen Gemeinde, nach der über einjährigen Sanierung im neuen Leben durchaus seinen alten Geist bewahren konnte. Michael Fuchs, der Hausherr, war im letzten Jahr definitiv mehr Bauleiter als Galerist. Zusammen mit dem strengen Denkmalschutz ging er behutsam vor. Sogar die alten Linoleumböden wollte er halten, doch die zerbröselten ihm buchstäblich unter den Händen. Von Glattsanierung keine Spur. Die peppig-bunten Kacheln im Eingang sind geblieben, auch die Neonröhren in den Klassenräumen weitgehend original. Und der alte Brecht grüßt weiterhin von der Wand. Die traurige Geschichte bleibt dem Haus eingeschrieben, das 1927/28 von Gemeindebaumeister Alexander Beer entworfen wurde. 1930 zogen hier die Schülerinnen ein, geschlossen wurde die Schule Anfang der 40er Jahre von den Nazis, der Innenhof als "Sammellager" für Deportationen missbraucht. Beer kam 1944 im KZ Theresienstadt um. In der DDR wurde das Gebäude wieder als Schule genutzt, nach der Wende wurde es Mitte der 90er Jahre endgültig geschlossen.

"Ein Haus für neue Kunst und Esskultur", so beschreibt Fuchs sein Projekt. Offen soll es sein, offen für Genuss und die Sinne. Also wird im Erdgeschoß flächendeckend gespeist, und in die oberen Etagen ist Kunst in die Klassenräume eingezogen. Drei Galerien haben hier die Hausmacht: der junge Ableger der Charlottenburger Fotogalerie "Camera Work Contemporary" mit Fotografie, Malerei und Crossover breitet sich auf 500 Quadratmetern aus, Judy Lybke von Eigen + Art rückt mit einem "experimentellen Lab" an und eben Michael Fuchs.

Wer will ihm eigentlich übel nehmen, dass er sich mit den Machern des angesagten "Grill Royal" um Stephan Landwehr und Boris Radczun die Unterstützung von besonders bei Sammlern und Galeristen beliebten Gastronomen gesichert hat? Wohl nur übellaunige Zeitgenossen, die hinter jeder Sanierung gleich den Totalausverkauf historischer Berlin-Immobilien wittern und die versnobte "Grillifizierung" der Berliner Kunstszene fürchten. Natürlich wird sich hier ein spezieller Teil der Kunstsociety selbst feiern, ja, und die Preise im Restaurant sind nichts für Backpacker. Mit diesem Kunsthaus kriegt die Auguststraße mit den Kunstwerken und der Privatsammlung "me Collectors Room" Verstärkung. Einst war sie Berlins unumstrittende Galerienmeile, heute muss sie um Kunstliebhaber kämpfen.

Die erwartete Mitte-Coolness aber, die ist in der Auguststraße 11-13 nicht zu finden. Gemütlichkeit, ja, geradezu ein neuer Sinn für Heimat scheint hier eingezogen zu sein. Fehlt eigentlich nur noch der Kamin. Im "Kosher classroom" hängt ausgestopftes Viechzeug an den Wänden. Holzgetäfelte Türrahmen, tiefgrüne Sitzmöbel im Restaurant Pauly-Saal, eingerichtet in der sehr hohen ehemaligen Turnhalle. Hingucker sind die riesigen Lüster aus honiggelbem Glas – mundgeblasen in der namensgebenden italienischen Murano-Manufaktur, angefertigt nach einem Entwurf von Landwehr. Gekocht werden soll in der offenen Küche in "großen Töpfen", die Gerichte wegkommen "vom Diktat des einzelnen Teller." Ach ja, deutsche Küche soll es geben. Wie bitte? Ja, zubereitet mit den saisonalen Produkten aus der Region. Worte wie "gepökelt" und "eingeweckt" fallen. Neue Zeiten, alte Zeiten.

Friedrich der Große in der Aula

Klar, Michael Fuchs muss sich mit diesem Konzept beweisen. Dazu hat er Zeit, sein Vertrag läuft auf zwanzig Jahre mit einer Option auf weitere zehn. "Die Zeit brauche ich", sagt er lachend. Fünf Millionen, sagt er, habe er investiert.

Verständlicherweise hat er für sich den schönsten Galerieraum des Hauses reserviert, die Aula mit einer Deckenhöhe von sieben Metern, 120 Quadratmeter groß. So ein Ort will durch die Kunst erobert sein. Sie muss stark sein, sonst dominiert die Architektur. Der erste Auftritt ist eine Hommage an Berlin und ein Gruß von Pop-Ikone Andy Warhol. Zwei riesige Siebdruck-Porträts des Preußenkönigs teilen sich mit einer verrückten Frank-Stella-Wandskulptur herrschaftlich die Halle. Im Klassenraum daneben treffen die zarten Aquarelle der Cecily Brown auf einen Tiepolo. "Alt und neu" möchte Fuchs in Dialog setzen. Das allein macht freilich kein Programm aus. Daran wird der Galerist feilen müssen. Diese Zeit sollte man ihm geben. Bauherr Fuchs muss erst mal den Estrich hinter sich lassen.

Kunst und Gastronomie

Gastronomie: Die Betreiber des bekannten Restaurants "Grill Royal" laden in den "Pauly Saal" in der ehemaligen Turnhalle. Nebenan gibt es in "The Kosher Classroom" koscheres Essen. In dem kleinen Deli von Mogg & Melzer sollen künftig Pastrami und andere Spezialitäten to go verkauft werden. Eröffnung ist am Donnerstagabend, pünktlich zum Auftakt der Berlinale.

Adresse: Ehemalige Jüdische Mädchenschule, Auguststr. 11-13, Berlin-Mitte. Tel.: (030) 22002550. Pauly Saal und Bar: täglich ab 12 Uhr. The Kosher Classroom: Donnerstag & Samstag a la Carte, ab 18 Uhr. Freitag: Shabbat Dinner, Beginn 19.30 Uhr. Sonntag: Brunch 11-17 Uhr.

Galerien: Camera Work Contemporary: Mo-Sa 11-20 Uhr. Michael Fuchs Galerie: Di-Sa 11-18 Uhr. Eigen & Art Lab: Eröffnung mit dem britischen Künstler Ryan Mosley, ab 29. März 2012. Di-Sa 11-18 Uhr.

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