Wenn der promovierte Betriebswirt Gideon Joffe aller Voraussicht nach am Mittwochabend vom neuen Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zum Vorsitzenden gewählt wird, beginnt seine zweite Amtszeit – trotz vieler Vorwürfe. An Joffe scheiden sich die Geister. Immer wieder entzündet sich an seiner Person Kritik. Zum einen soll Joffe während seiner ersten Amtsperiode von 2005 bis 2008 zumindest einen Teil des hohen Schuldenberges in der Gemeinde angehäuft haben, weil auch er die - vertraglich zugesicherten – hohen Altersbezüge für Mitarbeiter großzügig gewährte.
Zum anderen wirkte er seit Dezember 2010 für ein knappes Jahr als Geschäftsführer der Treberhilfe Berlin gGmbH. Dort zog Joffe das Interesse auf sich, weil er als einer der vielen Nachfolger von Harald Ehlert tätig war, jenem „Sozialunternehmer“ – so nannte sich Ehlert seinerzeit selbst -, der als „Maserati-Harry“ bekannt wurde.
Viele offene Fragen ranken sich um Joffe
Bis heute sind viele Dinge aus Joffes Amtszeit bei der Treberhilfe ungeklärt. Unter anderem, ob Ehlert nach seinem Rückzug als Geschäftsführer im Frühjahr 2010 weiter für das von ihm gegründete Unternehmen arbeitete und mit besonderen Projekten betraut wurde. Zuletzt behauptete Ehlert dies bei einer letztlich gescheiterten Güteverhandlung vor dem Landesarbeitsgericht Ende Januar. Dort streitet er sich mit dem Träger der Neuen Treberhilfe, dem Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf, der ihm im Dezember 2011 eine vorsorgliche Kündigung ausgesprochen hat. Ehlert fordert indes die Übernahme.
Mitte November 2011 hatte die alte Treberhilfe Planinsolvenz angemeldet und wurde anschließend von dem Diakonieverein übernommen. Die Verbindlichkeiten betrugen zu diesem Zeitpunkt 4,5 Millionen Euro. Wann Joffe und der später hinzu gekommene weitere Geschäftsführer Stephan Hildebrand ausschieden, ist bislang unklar. Zumindest Anfang Januar prüften die Berliner Insolvenzverwalter mögliche Ansprüche gegen Joffe. Ein übliches Verfahren.
Offen ist auch, ob Grundstücksverkäufe aus Joffes Zeit in Berlin und Caputh rechtlich sauber vonstatten gingen. In einem Fall soll der Käufer Ehlert gewesen sein. Nach bisherigem Stand verkaufte ihm Joffe die Villa der Treberhilfe in Caputh samt dazu gehörigem Bootshaus. Die Insolvenzverwalter prüften auch die Angemessenheit des Kaufpreises. Nach Zeitungsberichten von Ende 2011 soll Ehlert beide Immobilien unter Wert bekommen haben.
Bis auf die Ausnahme einer Pressekonferenz auch nach seinem Amtsantritt war Joffe für Fragen zu diesen und anderen Vorgängen bei der Treberhilfe regelmäßig abgetaucht.
Befürworter verweisen auf das Wahlergebnis
Lala Süßkind hat als bisherige Vorsitzende für Joffes neuen Griff nach dem Vorsitz nur Kopfschütteln übrig. Joffe seinerseits wirft ihr einen „Abbau der Gemeinde“ vor. Sie trage für die Schließung der jüdischen Realschule Verantwortung. Die von ihr geplante Schließung des neu eröffneten Altenheimes sei nur Dank zahlreicher Proteste verhindert worden. Immobilien seien in Millionenhöhe ohne Ausschreibung verkauft worden. Auch die teure Anschaffung von 14 Dienstwagen moniert er. Mit seiner Wahl hingegen könne „wieder Ordnung hergestellt“ werden.
Milder wird die Causa Joffe von Andreas Nachama beurteilt. Der Historiker und Rabbiner war zwischen 1997 und 2001 Vorsitzender der Gemeinde. Er sagt: „Gideon Joffe ist in Berlin aufgewachsen. Man darf nicht vergessen: er hat eine große, große Mehrheit der Stimmen bekommen. Die Wähler wissen, was er für eine Politik betreibt. Das ist Demokratie. Alle wissen, für was er steht. Wir sollten nicht vergessen: Der bisherige Vorstand ist, soweit er überhaupt wieder angetreten ist, fast komplett abgewählt worden. Das spricht ja auch für sich.“ Er traue es Joffe zu, eine Lösung für alle Fragen zu finden. Auch, weil dieser Betriebswirt sei.
Geboren wurde Joffe 1972 in Tel Aviv als Kind lettischer Juden. Im Alter von vier Jahren zog er mit seiner Familie nach Berlin. Joffe studierte Betriebswirtschaftslehre. Parallel absolvierte er das EU-geförderte Graduiertenstudium „Assistent für China-Business“. Joffe, der Chinesisch spricht, war nach seiner Promotion als Dozent für chinesische Unternehmenskultur tätig und arbeitet seit 2001 als Berater auf diesem Feld.
dapd/nbo


