Wintereinbruch

Wie sich die Berliner gegen die Kälte schützen

Eine Kältewelle soll Berlin und Brandenburg zum Ende der Woche Temperaturen von bis zu minus 17 Grad Celsius bescheren. Die Suche nach warmer Kleidung treibt die Hauptstädter in die Geschäfte. Zum Glück ist seit Montag Winterschlussverkauf.

Foto: Franka Bruns

Das Glück ist womöglich nur ein, zwei Regalmeter entfernt. Reto Oettl (29) steuert zielstrebig einen Warentisch im Karstadt-Einkaufszentrum am Kurfüstendamm an. Vorbei an bunten Schals, die an Metallstangen baumeln, reduzierten Winterjacken, Mützen und Ohrwärmern konzentriert der 29-Jährige seinen Blick auf das, was er sucht: den richtigen Handschuh. Sein „Kleidungsstück zum Glück“, wie Reto Oettl sagt.

Dieses Stück zum Glück sieht für jeden Einkäufer anders aus. Und so unterschiedlich die textilen Bedürfnisse, so unterschiedlich auch die Taktiken und Kleidungsarten, die die Berliner entwickeln, um sich vor der drohenden Kälte in den nächsten Tagen zu schützen. Reto Oettl gehört zum Beispiel der Kategorie an, die auf professionelle und moderne Wintermode setzt. Dazu gehören atmungsaktive Hemden aus Spezialfasern, die 150 Liter Wasser aushalten, bevor der Träger Wasser auf der Haut spürt. Reto Oetll ist der Typ Hightech.

Wie der 28-Jährige suchten am Montag viele Berliner nach reduzierter Ware. Ein gutes Geschäft erhofft sich indes nicht nur die Kundschaft, sondern auch der Handelsverband (HDE) Berlin-Brandenburg von den nächsten Tagen. Die vorausgesagten arktischen Tiefsttemperaturen treiben die Menschen in die Läden, um sich mit winterfesten Klamotten auszustaffieren, und der eisige Ostwind weht das Geld in die Kassen. „Das ist eine vielversprechende Rückkehr des Winters, die uns sicherlich ein großes Abschlussfinale beschert“, sagt Nils Busch-Petersen, der Hauptgeschäftsführer des HDE Berlin-Brandenburg, der Spitzenorganisation des hiesigen Einzelhandels. Durch die milden Temperaturen in den vergangenen Wochen sei viel Wintermode in den Regalen liegengeblieben. Das soll sich jetzt ändern. Von einem „Preisfeuerwerk“, spricht Busch-Petersen, bei dem es Rabatte bis zu 50 Prozent gebe. Und: „Vor allem Winterbekleidung, Wintersportartikel und sehr modische Artikel sind reduziert.“

Reto Oettl mustert die Handschuhe im Kaufhaus. Der junge Mann legt die Stirn in Falten und signalisiert seiner Freundin, das Geschäft zu wechseln. Über den Kurfürstendamm geht es in ein Outdoor-Geschäft. Seine Ansprüche sind hoch: „Ich suche spezielle, sehr leichte Kunststoffhandschuhe, die an den Fingern besondere Kontaktflächen für mein Handy haben.“ Um den Touchscreen seines Mobiltelefons bedienen zu können, braucht er solche. „Aber keine Sorge“, sagt er. „Warm halten die auch.“ Ansonsten ist Oettl ausgestattet wie ein Extremsportler. Wenn er von seiner Jacke „DryTech“ spricht, hört es sich an, als spreche er von den Spezifikationen eines Computers: 2,5-Lagen-Gewebe, "15000er Wassersäule“: Hightech-Stoff-Jargon.

Traditioneller hält es da Nora Grünert mit der Wintermode. Sie steht einige Meter von Oettl entfernt, parkt den Kinderwagen am Regal. „Wir setzen auf Wollmütze aus Stoff, gerne auch auf selbstgestrickte Schals“, sagt Nora Grünert zieht der kleinen Ida (1) die Strickmütze zurecht. Der 14-jährige Sohn Linus trägt einen blauen Wollpullover mit eingenähtem Muster. „Der hält warm genug“, sagt der Schüler. Wenn es richtig kalt wird, dann packt die Familie die Fellmützen aus. Die sogenannten Russenmützen mit Pelzklappen. Gegen russische Kälte hilft nur russische Kleidung. „Das Wichtigste aber“, sagt Nora Grünert, „ist ein gutes Immunsystem.“ Ihre Familie zählt zu der Kategorie: naturverbunden, in der Natürlichkeit zählt.

Nur der Typ „sorglos“ friert nicht

An Marco M. (45) ist der Winterschlussverkauf irgendwie vorbeigegangen. Er steht an der Kasse einer teuren Boutique auf dem Kurfürstendamm. Er blickt auf den Fußboden, denn dort hechelt die, um die es hier wirklich geht: Donatella (1), eine Mopsdame, trägt den Stoff gerade ein. Ihr Herrchen, Chef einer Werbeagentur, hat ihr einen babyblauen Pullover aus Cashmere spendiert. Marco M. trägt einen Mantel, den er bei einem italienischen Designer hat machen lassen. „Das ist keine Marke, der kommt aus Mailand“, sagt er. Winterschlussverkauf? Nicht seine Sache, sagt der 45-Jährige. In dem Mantel sei ihm warm genug, schließlich fahre er sowieso nur Auto. Meier ist der Typ sorglos.

Anders ergeht es Patrick Salenz und Claudia Münch. Die zwei Verkäufer kämpfen gegen den kalten Wind an, der über den Kudamm fegt. „Bei solchen Temperaturen ziehe ich mir gerne mal zwei paar Socken übereinander“, sagt Salenz. Genau wie seine Begleitung Claudia arbeitet er bei einem großen Modeunternehmen. „Wir haben uns angewöhnt zu kombinieren, um der Kälte zu trotzen“, sagt er und zwinkert mit den Augen. „Dann ziehe ich zum Beispiel noch einen Kapuzenpullover über die Strickjacke – warum denn nicht?“ Und so, sagt der 32-Jährige, könne er auch noch weiterhin seine Lieblingssachen anziehen. Er trägt eine enggeschnittene Jeans und modische Schuhe, Chucks. „Jeder muss seine Prioritäten setzten“, sagt er und lacht. Darunter trage er eine lange Unterhose und ganz hässliche Wollsocken – aber das sieht ja keiner. „Das ist der sogenannte Zwiebellook“, und der sei zeitlos.