Gewaltattacken in Berliner U-Bahnen

Plakate rufen zu Zivilcourage auf U-Bahnhöfen auf

Nach mehreren Gewaltattacken in Berliner U-Bahnen sollen Plakate mit der Botschaft "Jeder kann anderen gegen Schläger helfen" zur Zivilcourage aufrufen. Die rund 500.000 Euro teure Kampagne ist Teil eines Maßnahmenpakets, mit dem BVG und Senat den Nahverkehr sicherer machen wollen

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Nach mehreren Gewaltattacken haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), der Senat und die Polizei am Dienstag eine Kampagne für Zivilcourage gestartet. In zunächst mehr als 100 U-Bahnhöfen und später auch in Wartehallen werden Plakate zu sehen sein mit der Botschaft: Jeder kann anderen gegen Schläger helfen. „Wir wollen nicht, dass die Leute den Helden spielen und selbst eingreifen, sondern dass sie über die Notrufsäulen auf den Bahnhöfen oder die Sprechtasten in den Straßenbahnen professionelle Hilfe holen“, sagte BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta. Natürlich könne man auch zum Handy greifen.

Die rund 500.000 Euro teure Kampagne ist Teil eines im Mai beschlossenen Maßnahmenpakets, mit dem BVG und Senat den Nahverkehr sicherer machen wollen. Zuvor hatten mehrere brutale Misshandlungen auf U-Bahnhöfen die Öffentlichkeit aufgewühlt, vor allem eine Schlägerei an Ostern auf dem Bahnhof Friedrichstraße. Dem Tatverdächtigen, einem 18 Jahre alten Schüler, wird vom 23. August an vor dem Berliner Landgericht der Prozess gemacht. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag und schwere Körperverletzung.

„Wir wollen erreichen, dass Menschen nicht achtlos vorbeigehen, wenn Straftaten verübt werden“, sagte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) bei der Vorstellung der Kampagne auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz. Unter dem Motto „Deine Waffe gegen Gewalt“ zeigen die Plakate Menschen mit abgespreiztem Daumen und Zeigefinger - den Fingern, mit denen man den Notruf auslösen oder sein Handy bedienen kann. Zudem verteilt die BVG Flyer, in denen Fahrgäste über Sicherheitseinrichtungen in Bussen und Bahnen informiert werden und Verhaltenstipps für den Notfall erhalten.

Der Dozent für Polizei- und Sicherheitsmanagement an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR), Prof. Hans-Gerd Jaschke, vertrat die Ansicht, dass Hilfeleistungen im öffentlichen Bewusstsein mehr Anerkennung und Wertschätzung erhalten müssten. Nicht immer sei Angst der Grund, wenn Menschen bei Gewalttaten wegschauten. Mitunter wollten sich Menschen einfach nicht ihren Terminkalender durcheinanderbringen lassen. Auch Arbeitgeber reagierten mitunter ungnädig, wenn ein Mitarbeiter zu spät zur Arbeit erscheine, weil er sich etwa als Zeuge zur Verfügung gestellt habe. Dies müsse sich ändern.

Zu dem Maßnahmenpaket gehören auch die Neueinstellung von Polizisten und BVG-Mitarbeitern. Zudem investiert die BVG allein etwa zwölf Millionen Euro in neue Technik, in erster Linie in die Installation von Überwachungskameras. Sechs U-Bahnhöfe - Frankfurter Tor, Alt-Tegel, Friedrichstraße, Johannisthaler Chaussee, Gesundbrunnen und Schönleinstraße - sollen bis Jahresende mit zusätzlichen Videokameras ausgestattet werden, weitere 14 Bahnhöfe werden im nächsten Jahr folgen.

Außerdem will die BVG in den nächsten Wochen und Monaten auf allen ihren 173 U-Bahnhöfen die Hinweise auf Videoüberwachung deutlich vergrößern und auch auf den Fußböden anbringen. Das landeseigene Verkehrsunternehmen verspricht sich davon eine abschreckende Wirkung auf aggressive Zeitgenossen. Auf Schläger, die reichlich Alkohol oder Drogen intus haben, hält Jaschke die abschreckende Wirkung aber eher für gering.