Hauptstadtflughafen BER

Flugrouten werden nach sechs Monaten überprüft

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Katrin Schoelkopf

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Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer ist mit der Entscheidung der Deutschen Flugsicherung zufrieden. Trotzdem möchte er die BER-Flugrouten nach einem halben Jahr nochmals überprüfen lassen, denn die Menschen in den von Fluglärm betroffenen Gemeinden sind alles andere als glücklich.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat das Flugroutenkonzept für den künftigen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld als „guten Erfolg“ bezeichnet. „Ich würde hier nicht von einem Kompromiss sprechen, sondern von etwas viel, viel Besserem“, lobte der Minister am Dienstag das Konzept. Das sei „um Lichtjahre, um Dimensionen entfernt“ vom ersten Vorschlag und bringe die wirtschaftlichen Interessen des Flughafens in Einklang mit Erwartungen der Bevölkerung. Durch seine Intervention, Gespräche mit den Bürgern und den Druck auf die Deutsche Flugsicherung hätten die Interessen der Bürgerinitiativen letztlich Eingang in die neue Flugroutenplanung gefunden.

Nach einem Gespräch mit 20 Vertretern von Bürgerinitiativen kündigte der Minister am Dienstag an, dass ein halbes Jahr nach Inbetriebnahme des BER die Flugrouten anhand der Flugbilder „evaluiert“ würden und überprüft werde, ob Vorgaben im Sinne der Anwohner auch eingehalten würden.

Die Deutsche Flugsicherung hatte das Flugroutenkonzept am Montag in Schönefeld vorgestellt. Vorgesehen ist, Berlins Südosten und Südwesten zu überqueren und Potsdam zu umfliegen. Über die Wannseebrücke führt die Route für Maschinen, die von der Nordbahn des BER in Richtung Westen starten, ihr Ziel aber im Norden, Nordosten oder Osten haben. Flugzeuge können aber bereits zuvor über Stahnsdorf, Kleinmachnow und Teltow Richtung Osten abdrehen. Täglich sind das über Wannsee und den Umlandgemeinden voraussichtlich 48 Flüge. Die Jets müssen in Wannsee eine Höhe von 2400 Meter erreicht haben. Andernfalls werden sie um Potsdam herumgeführt. Über dem Müggelsee im Südosten Berlins fliegen die Maschinen dagegen mit 1100 Meter nur halb so hoch. Dort wird mit 122 Flügen gerechnet.

Proteste in Müggelsee-Region

Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Klaus-Dieter Scheurle, der zugleich auch Aufsichtsratvorsitzender der Deutschen Flugsicherung ist, sieht hier wenig Chancen auf Abhilfe. Die Flüge würden über den Müggelsee geführt, um Erkner zu schonen, das bereits von den Anflügen belastet ist. In der Müggelsee-Region gibt es massive Proteste gegen die neuen Flugrouten. Bürgerinitiativen wiesen am Dienstag daraufhin, dass die Müggelsee-Gegend viel stärker betroffen sein wird als der Wannsee. Das Bündnis Südost kündigte an, Unterschriften für ein Volksbegehren gegen die Flugrouten zu sammeln. „Völlig indiskutabel“ nannte der Fraktionsvorsitzende der Linke im Bundestag, Gregor Gysi, das Flugroutenkonzept. „Ost wird gegen West ausgespielt, und zwar zum erheblichen Nachteil des Ostens.“ Am Müggelsee drohe unerträgliche Lärmbelästigung.

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Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) forderte, dass möglichst viele Maschinen von der Südbahn starten, um Berliner Ortsteile wie Bohnsdorf, Karolinenhof und Müggelheim vor Lärm zu schützen. Der Bezirk Treptow-Köpenick lehnt ebenfalls die Überflüge über dem Müggelsee ab. „Mit den vorgesehenen 122 Starts pro Tag erfolgt eine totale Abwertung der umliegenden Wohnquartiere und eines der größten Naherholungsgebiete Berlins“, heiß es aus dem Bezirksamt.

Widerstand im Berliner Südosten

Widerstand gegen die neuen Flugrouten kommt aber nicht nur aus dem Berliner Südosten, sondern auch aus den Umlandgemeinden Kleinmachnow, Teltow, Stahnsdorf im Südwesten Berlins. Diese Gemeinden müssen mit Überflügen rechnen, wenn Maschinen von der Nordbahn des BER gen Westen starten, aber deren Ziel im Nordosten oder Osten liegt. Die Kleinmachnower Bürgerinitiative kündigte Klage an. Auch die Gemeinde Rangsdorf will bei der Europäischen Union Beschwerde gegen die neuen Flugrouten einlegen. Rangsdorf und das dortige, von der EU geschützte Vogelschutzgebiet wäre bei Westabflügen von der BER-Südbahn vom Fluglärm betroffen.

Die Fluggesellschaften sind dagegen zufrieden mit der Planung der Deutschen Flugsicherung. „Ein Kompromiss, mit dem wir leben könnten“, sagte Air Berlin-Sprecher Uwe Berlinghoff. Auch die Lufthansa unterstützt das DFS-Konzept. Die Flughafengesellschaft hält die Routen für weniger lärmintensiv als die in der Planfeststellung für den BER zugrunde gelegten gradlinigen Routen.

Staatssekretär Scheurle kündigte an, dass er sich dafür einsetzen will, dass bei den Anflügen über den Havelseengemeinden „noch etwas zu ändern“ ist. Die Gemeinden rund um Werder befürchten, bei hohem Flugverkehrsaufkommen und Ostwindlage massiv überflogen zu werden. Scheurle will sich mit der dortigen Bürgerinitiative in zwei Wochen zusammensetzen. Kritik übte Bundesverkehrsminister Ramsauer an der Flughafengesellschaft und dem Brandenburger Infrastrukturministerium. Diese seien verantwortlich für das „Flugroutendilemma“ der vergangenen Monate. „Der Flughafen als Antragsteller hätte die Frage der Flugrouten intensiv zum Bestandteil des Planfeststellungsverfahrens für den neuen Flughafen machen müssen“, so Ramsauer. Er verwies auf den Planfeststellungsantrag von 1999. „Auch die Genehmigungsbehörde in Brandenburg hätte das damals verlangen müssen.“ Stattdessen sei man ein Verfahren eingegangen, ohne die Auswirkungen zu berücksichtigen.

Streit um Nachtflugverbot

„Schlimmer“ sei, dass den Menschen der Geradeausflug bis zum vergangenen Herbst suggeriert worden sei, sagte Ramsauer. In der Planfeststellung gradlinige Routen zugrunde gelegt worden. Dass diese aber aus Sicherheitsgründen abknicken müssen und über andere Gemeinden und Berliner Bezirke führen als zunächst angenommen war, wurde erst am 6. September des vergangenen Jahres öffentlich. Damals hatte die Deutsche Flugsicherung ihre erste Flugroutenplanung für den BER vorgelegt, was zu massiven Protesten führte. Ramsauer sagte am Dienstag, dass er ein totales Nachtflugverbot, wie es Bürgerinitiativen für den BER fordern, ablehne. Auch wenn der BER sich in den nächsten fünf Jahren nicht zum „großen internationalen Drehkreuz“ entwickeln werde, brauche er die Nachtrandzeiten. Denn in 15 Jahre könne die Entwicklung ganz anders aussehen, so der Minister.