BER-Vorschläge

Neue Flugrouten - ein Gewinner, viele Verlierer

Potsdam wird nach den Vorschlägen der Deutschen Flugsicherung vollständig umflogen – andere Gemeinden sind dagegen künftig heftig vom Fluglärm betroffen. Christine Richter über Gewinner, Verlierer und die neuen Flugrouten des Großflughafens BER.

Es gibt einen Gewinner und eine Menge Verlierer: Potsdam wird nach den Vorschlägen der Deutschen Flugsicherung (DFS) bei den Starts vom Großflughafen BER ganz umflogen – andere Gemeinden wie Kleinmachnow oder die Region um den Müggelsee sind dagegen künftig heftig vom Fluglärm betroffen. Ein Kompromiss, so sagen die Experten der Flugsicherung und auch die Mitglieder der Fluglärmkommission. Ein Kompromiss, sicherlich. Aber natürlich einer, der für viele Menschen viel Lärm bedeutet. Und oftmals einen Lebenseinschnitt. Wer in Kleinmachnow wohnt oder in Stahnsdorf, der muss nun erleben, wie der Lärm den Alltag bestimmt, wie sein Haus plötzlich an Wert verliert, wie eine begehrte Region an Attraktivität verliert.

Natürlich – der mühsam gefundene Kompromiss ist besser als die Vorschläge vom 6.September. Damals wollte die Flugsicherung die Maschinen noch tief über Berliner Stadtgebiet, beispielsweise über Wannsee und Lichtenrade, fliegen lassen, und auch Potsdam wäre betroffen gewesen. Dass es so schlimm nicht kommt, dass der Lärmteppich sich nun über eine größere Fläche verteilt, dass die Flugzeuge eine Mindesthöhe einhalten müssen, das ist vor allem dem Einsatz der Bürger und der gut organisierten Bürgerinitiativen zu verdanken. Es war richtig, dass die Menschen, die plötzlich von der DFS-Routenplanung und damit von extremem Fluglärm betroffen waren, sich so deutlich gewehrt haben. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der ja auch Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft ist, kümmerte sich zunächst überhaupt nicht um das Problem. Er ignorierte es. Erst als die Menschen auf die Straße gingen, erst als klar wurde, dass dieses Thema im Wahlkampf eine Rolle spielt, wurde Wowereit aktiv. Wenn er die nun vorgelegte Planung als „Erfolg“ bezeichnet, dann sollte er ehrlich zugeben, wessen Erfolg das ist: Es waren die engagierten Berliner und Brandenburger, die den entscheidenden Druck auf die Planer machten.

Wirklich Grund zum Feiern gibt es aber nicht. Jedenfalls nicht für all die Menschen, die in den künftigen Flugschneisen leben. Viele konnten jahrelang davon ausgehen, dass die Flugzeuge vom neuen Hauptstadtflughafen geradeaus starten werden, dass sie vom Lärm der abfliegenden Maschinen gar nicht betroffen sind. Diese über Jahre unwidersprochene Erwartung hat sich nicht erfüllt, denn auch die korrigierten Routen führen über Berlin – beispielsweise über die Wannseebrücke nach Norden, auch wenn die Jets dann schon in 2400 Meter Höhe fliegen sollen. Oder Richtung Südosten in Richtung Erkner. Oder in Richtung Nordosten über den Müggelsee hinweg. Sie sorgen sich zu Recht um ihre Kinder, um ihre Gesundheit, um ihre Lebensqualität. Ein Problem, das sich aber leider kaum lösen lässt. Denn Berlin, Brandenburg und auch die Bundesregierung haben sich für einen stadtnahen Flughafen entschieden. Und der bringt, so bitter es für die betroffenen Anwohner ist, eben auch Lärm in Stadtnähe.

Manch einer verweist jetzt darauf, dass es ja nur wenige Maschinen am Tag seien, die in die eine oder andere Richtung starten werden. Aber da gebe sich niemand einer Illusion hin: Sinn des Großflughafens in Schönefeld ist es, ein internationales Drehkreuz zu werden. Die Airlines wollen wachsen und noch mehr Passagiere befördern. Und mehr Flüge bedeuten mehr Lärm. Für ganz viele Menschen.