Bus und Bahn

Wie Sie sich und andere vor Gewalt schützen

Wie soll man sich verhalten, wenn man Zeuge eines Überfalls oder einer Schlägerei wird? Die Unsicherheit ist groß. Berliner Polizei, Bahn und BVG geben Tipps.

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Polizei, Bahn und BVG beraten Fahrgäste, wie sie sich gegen Gewalt in Bahnen und auf Bahnhöfen schützen können.

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Bahnhof Alexanderplatz, nachmittags um vier. Eigentlich keine Zeit zum Stehenbleiben. Jeder will schnell weiter, nach Hause, zum nächsten Zug oder zum Einkaufen. Sandra Holznagel steht auf dem Bahnsteig der U8 mitten im Berufsverkehrsgewimmel. Und tatsächlich vermag sie den einen oder anderen zum Stehenbleiben zu bewegen. Mit einem gewinnenden Lächeln und einer freundlich-direkten Ansprache. Die Mission der jungen Polizistin: Angst vertreiben, Mut machen, Selbstvertrauen geben. „Nicht runterschauen, nicht wegschauen – da zeigt ihr dem Täter nur, dass ihr Angst habt. Damit macht ihr ihn doch erst stark.“ Eindringlich redet die Polizeikommissarin mit zwei jungen Mädchen, die selbst schon Gewalt in der U-Bahn erlebt haben. Obwohl sie in der Gruppe unterwegs waren, erzählen sie, sei plötzlich einer gekommen, habe erst gepöbelt und dann einem Jungen brutal auf den Kopf geschlagen. Ohne erkennbaren Anlass, einfach so.

„Wichtig ist, darauf sofort zu reagieren: Den Täter laut ansprechen – ‚Hören Sie auf damit' – und möglichst schnell die Polizei alarmieren“, sagt Sandra Holznagel. Die 34-Jährige weiß selbst, wie schwer es ist, in einer Gefahrensituation mutig zu reagieren. Auch sie habe schon einen ähnlichen Vorfall erlebt, als sie in Zivil an einer Straßenbahn-Haltestelle stand. „Da kam plötzlich einer auf mich zu: Groß, kräftig, mit Narben im Gesicht und brüllt mich an: Du kriegst jetzt was auf die Fresse!“, erinnert sie sich. Ihre Reaktion: „Ich hab' laut gerufen: ‚Da kommt doch die Bahn schon wieder zu spät, so ein Mist!' – Der Typ hat da erst irritiert geguckt, dann aber selbst über die BVG mit rumgemeckert, die Gefahr war erst mal vorbei“, so Sandra Holznagel. Und sie sagt auch, dass solch ein Ablenkungsmanöver nicht immer funktioniert. Jede Situation sei eben anders.

Dennoch hat die Berliner Polizei versucht, ein paar allgemeine Verhaltensregeln zusammenstellen. Ganz oben steht da der Grundsatz: „Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.“ Das heißt zunächst: Abstand halten, nicht selbst den Täter angreifen und damit zu einer Eskalation der Situation beitragen. „Wegsehen oder weglaufen ist keine Lösung: Suchen Sie Mitstreiter und verständigen Sie umgehend die Polizei. Stellen Sie sich zwischen Opfer und Täter und bieten Sie Hilfe an. Greifen Sie ein und machen Sie klar, dass Gewalt keine Privatangelegenheit ist“, heißt es in dem Ratgeber, den Sandra Holznagel am Dienstagnachmittag gemeinsam mit ihren Kollegen von der Polizei, der Bundespolizei sowie von BVG und Bahn auf drei Berliner Bahnhöfen und in U-Bahn-Zügen verteilt.

Die Aktion ist Teil einer gemeinsamen Initiative der Polizei und der Verkehrsunternehmen für mehr Zivilcourage. Mit ihr sollen Fahrgäste ermutigt werden, selbst etwas für mehr Sicherheit in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun. „Viele Fahrgäste wollen schon helfen, aber sie wissen oft nicht genau, was sie tun sollen“, sagt Silvia Chafei, Präventionsbeauftragte der BVG. Auch sie verteilt die kleinen Hinweiskärtchen, auf denen die „6 Regeln für den Ernstfall“ stehen.

So sollten Sie sich verhalten - Regeln für den Ernstfall

Helfen: Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen – jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen, dass eine Straftat vereitelt oder „gebremst“ wird.

Fordern: Ich fordere andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf – nicht warten, bis irgendjemand etwas unternimmt. Besser direkt ansprechen: „Sie, der Herr im Polo-Hemd, helfen Sie mir!“

Einprägen: Ich beobachte genau und präge mir die Täter-Merkmale ein – oft sind es vermeintliche Nebensächlichkeiten, die am Ende den Ausschlag geben, ob ein Täter überführt wird.

Anrufen: Ich organisiere Hilfe unter Notruf 110 – je schneller die Polizei informiert wird, desto besser können die Täter ermittelt werden.

Kümmern: Ich kümmere mich um Opfer – bei ihnen kann jede Sekunde über Leben und Tod entscheiden.

Bleiben: Ich stelle mich als Zeuge zur Verfügung – viele Täter kommen ohne Strafe davon, weil sich Zeugen nicht bei der Polizei melden. (Quelle: www.aktion-tu-was.de )

Gefühl der Angst macht sich breit

Zwar ist die Gefahr, in Bussen und Bahnen Opfer einer Straftat zu werden, unter objektiven Gesichtspunkten eher gering. Doch die jüngsten, durch Videokameras in allen Einzelheiten dokumentierten brutalen Übergriffe zum Beispiel im Februar im U-Bahnhof Lichtenberg oder Ende April im U-Bahnhof Friedrichstraße erzeugen ein ganz anderes Bild. Ein Gefühl der Angst macht sich breit.

Diese Erfahrung hat auch Sandra Holznagel in ihren vielen Gesprächen auf dem Bahnhof Alexanderplatz gemacht. Die Polizistin von der Polizeiwache an der Pankstraße in Gesundbrunnen ist seit einem Jahr speziell in der Kriminalitätsvorbeugung eingesetzt. Der Angst der U-Bahn-Fahrgäste versucht sie auch mit ein paar allgemeinen Verhaltensregeln zu begegnen. „Wenn Sie ein mulmiges Gefühl haben, wechseln Sie den Wagen. Steigen Sie möglichst weit vorn, in der Nähe zum Fahrer ein. Nicht den Platz am Fenster nehmen, da kommen Sie im Zweifel nicht mehr weg. Setzen Sie sich zum Gang hin“, sagt sie einer älteren, verunsicherten Frau. Und warnt zugleich vor der Mitnahme von Pfeffersprays und anderen Waffen. „Mancher Täter wird so noch provoziert. Und ehe Sie das Spray rausgekramt haben, schlägt er schon zu“, sagt sie. Besser sei, einen sogenannten Körperalarm bei sich zu tragen, der mit einem akustischen Signal anderen Fahrgästen die mögliche Notsituation signalisiert.