Videoüberwachung

Am Kottbusser Tor herrscht bald Big Brother

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Markus Falkner und Benjamin Gajkowski

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Der U-Bahnhof Kottbusser Tor soll Berlins „Musterbahnhof" für Videoüberwachung werden. Probleme könnte noch der Datenschutz machen. Doch viele Fahrgäste und Kioskbetreiber wollen Kameras.

Für Idge Yadigan beginnt jeder Arbeitstag gleich: mit Ekel. Denn Spucke liegt da vor ihrem kleinen Blumengeschäft direkt im U-Bahnhof Kottbusser Tor, Urin und Bierlachen, Erbrochenes auch. „Als wenn das hier eine Toilette wäre“, sagt die 55-Jährige, die schon seit 1982 hier Rosen, Tulpen und ganze Sträuße verkauft. Montags bis sonnabends steht sie ab sieben Uhr hinter ihrem kleinen Tresen, sonntags erst eine Stunde später, immer bis 21 Uhr abends, häufig auch länger. Urlaub macht sie nicht. „Wer soll dann meinen Laden führen?“ Und wenn sie dann jeden Morgen gegen sechs ihren Laden aufschließt, könnte sie sich jedes Mal schütteln. „Da kann ich erst einmal Eimer und Lappen holen und wischen“, sagt Yadigan. „Diese Lachen verscheuchen mir ja ansonsten die ganzen Kunden. Wer will denn in einem Laden einkaufen, vor dem es so aussieht?“, fragt sie empört.

Der Umsteigebahnhof der Linien U8 und U1 in Kreuzberg ist kein heimeliger Ort, das wissen Fahrgäste, Anwohner, Polizei und Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das Umfeld gilt als sozialer Brennpunkt, die Station als Kriminalitätsschwerpunkt. Drogensüchtige, Dealer, Trinker gehören zum täglichen Bild im und um den Bahnhof. Selbst wenn nichts passiert, ist das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste oft empfindlich gestört. Videokameras im Bahnhof würde Idge Yadigan daher für eine gute Idee halten. „Dann ist es hier bestimmt sauberer“, sagt Yadigan. „Viel sauberer. Denn dann trauen die Leute sich nicht mehr so viel.“

Daran glauben auch die BVG und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Der U-Bahnhof Kottbusser Tor soll daher zum „Musterbahnhof“ für die Videoüberwachung „zur Erhöhung der Sicherheit“ werden, so heißt es in einer Mitteilung der Senatsverwaltung. Die Pläne sind seit Jahren bekannt. Jetzt soll der Umbau nach der Ankündigung „kurzfristig erfolgen“. Vier Millionen Euro aus den wegen der Krise bei der S-Bahn eingesparten Zuschüssen stellt das Land dafür und für den Umbau der Treppen zur Verfügung. BVG-Sprecher Klaus Wazlak bestätigt, dass die Vorbereitungen laufen. Derzeit prüfe die BVG, welche technische Ausstattung nötig und finanzierbar sei.

Ursprüngliche Planungen sahen eine faktische Rundumüberwachung vor. Während auf anderen BVG-Stationen meist nur der Bahnsteig von Videokameras beobachtet wird, soll am Kottbusser Tor bis in den kleinsten Winkel überwacht werden – Bahnsteige, Treppen, Ein- und Ausgänge ebenso wie die verschachtelten Zwischenebenen mit den kleinen Läden. Geplant war weiter der Einsatz beweglicher Kameras, die auch über eine Zoomfunktion verfügen sollten. Big Brother im Herz von Kreuzberg.

Kein Wunder, dass sich Kritiker schon vor Jahren um den Datenschutz sorgten. Liest man die Ankündigung der Senatsverwaltung vom Montag, ist das Problem gelöst. Der Ausbau zum Video-Musterbahnhof erfolge „in Absprache mit dem Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit“, heißt es dort. Doch die Sache hat einen Haken: In der Datenschutzbehörde weiß man davon nichts. Offiziell sei er zuletzt 2008 mit dem Thema befasst gewesen, bestätigt Alexander Dix, Datenschutzbeauftragter des Landes. Dix hatte seinerzeit auf gesetzliche Probleme hingewiesen – vor allem in Bezug auf die damals geplante Technologie zur Gesichtserkennung. Grundsätzlich sei eine flächendeckende Videoüberwachung des Bahnhofs gesetzlich möglich, sagt Dix. Allerdings erwarte er, an den Planungen rechtzeitig beteiligt zu werden.

Fahrgäste wollen Kameras

Die Datenschützer würden „zu gegebener Zeit“ informiert, sagt Wazlak. Die Planungen bei der BVG seien derzeit noch nicht abgeschlossen. Seit 2008 werde im Bahnhof schon gebaut. Erst im Zuge der Fertigstellung werde 2011 auch der Einbau der Videotechnik voraussichtlich akut.

Die meisten Fahrgäste und Ladeninhaber würden die Überwachung des Bahnhofs wohl begrüßen. Herr Canurlu sieht das genau so wie Blumenverkäuferin Yadigan. Er besitzt einen Kiosk, direkt unten bei den Schienen. „Die haben bei mir eingebrochen. Vor ein paar Monaten war das“, sagt Canurlu. „1500 Euro Schaden. Und die Polizei sagt bloß, dass die Täter nicht ermittelt werden konnten. Gab ja keine Bilder von denen. Mit einer Videokamera wäre das nicht passiert. Dann wären die Täter ja gefilmt worden.“

U-Bahn-Nutzer Ates Harkan aus Mitte kann sich sogar vorstellen, dass Videokameras Täter nicht nur überführen, sondern auch abschrecken könnten. „Möglicherweise gibt es dann hier weniger Straftaten“, sagt der 38-Jährige. „Doch das Beispiel aus München zeigte auch, dass die den Rentner trotz Kameras verprügelt haben. Aber zumindest konnten die Täter danach ermittelt werden.“ Svenja Bergmann aus Tempelhof glaubt nicht an die Abschreckungswirkung. „Wenn ich überfallen werden sollte, helfen mir die Kameras nicht“, sagt die 24-Jährige. „Höchstens danach, damit die Polizei die Täter fassen kann.“ Der Bahnhof Kottbusser Tor bleibt für sie bis auf Weiteres ein bedrohlicher Ort. Vor allem abends: „Da fühle ich mich hier nicht wohl“, sagt sie. „Wenn es dunkel wird, lasse ich mich von hier abholen.“