Ein Jahr nach Eröffnung

U-Bahnhof Brandenburger Tor sanierungsbedürftig

Oben Tor, unten Tropfsteinhöhle: Nur ein Jahr nach seiner Eröffnung ist der Bahnhof der Line U55 am Pariser Platz bereits ein Fall für die Sanierung. Eindringendes Wasser verunsichert die Fahrgäste.

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Blätternde Farbe an der Decke, kleine Wasserrinnsale an den Wänden und Risse im Terrazzo-Fußboden der Vorhalle: Nicht einmal ein Jahr nach seiner Eröffnung scheint der U-Bahnhof "Brandenburger Tor“ bereits sanierungsbedürftig zu sein. Speziell die Anzeichen, dass Wasser in das Bauwerk eindringt, sorgen derzeit bei nicht wenigen Fahrgästen für Verunsicherung. Liegt doch die Endhaltestelle der Mini-Linie U55 bis zu 25 Meter tief unter der Erdoberfläche. Ein Wassereinbruch in dieser Tiefe, so die Befürchtung, könnte verheerende Folgen haben.

Aus Sicht der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) stellen die Leckagen in der Tunnelwand keine akute Gefahr dar. „Dass Wasser eindringt, ist ärgerlich, aber kein Sicherheitsproblem“, versucht BVG-Sprecherin Petra Reetz die Gemüter zu beruhigen. Auch an anderen Stellen im Netz der Berliner Untergrundbahn komme es immer wieder zu kleineren Lecks, die dann mit einem speziellen Abdichtverfahren geschlossen werden. Dazu würden Löcher in die Tunnelwand gebohrt, in die schnell aushärtendes Epoxidharz gepresst wird. Im Fall des U-Bahnhofs „Brandenburger Tor“ seien die Baufirmen noch in der Gewährleistungspflicht, sie müssten daher jetzt die Schäden beseitigen.

Der Essener Baukonzern Hochtief, der gemeinsam mit dem bayerischen Unternehmen Max Bögl die unterirdische Station im Rohbau errichtet hat, bestätigte gestern die Schadensmeldung. Laut Hochtief-Sprecher Bernd Pütter gibt es aber lediglich „eine feuchte Stelle, so groß wie ein DIN-A4-Blatt, aus der es auf den Gleisbereich tröpfelt“. Diese „kleine Undichtigkeit“ werde nach Abstimmung mit den Verkehrsbetrieben in Kürze beseitigt.

Die BVG spricht allerdings nicht nur von einer, sondern gleich von mehreren Stellen, über die Wasser in den erst am 8.August 2009 eröffneten Bahnhof eindringe. Doch nicht nur in dieser Frage liegen die Auffassungen der Verkehrsbetriebe und der Bauunternehmen offenbar weit auseinander.

Baukosten-Streit geht vor Gericht

So wird bereits seit Monaten über die eigentlichen Kosten für den tief unter der Erdoberfläche liegenden Bahnhof gestritten. Während die BVG darauf verweist, einst einen Festpreis von knapp 30 Millionen Euro für den Rohbau vereinbart zu haben, machen die in einer Arbeitsgemeinschaft verbundenen Bauunternehmen Hochtief und Max Bögl erhebliche Nachforderungen geltend. Von bis zu 40 Millionen Euro ist inzwischen die Rede. Müsste die BVG diese Summe nachzahlen, würden sich die Kosten für den Rohbau im Nachhinein mehr als verdoppeln.

Nach monatelangem Hin und Her über die Anerkennung von Kosten will der Baukonzern Hochtief nun juristisch gegen die BVG vorgehen. „Die Sache geht jetzt vor Gericht“, kündigte Hochtief-Sprecher Bernd Pütter gestern an. Spätestens im Herbst werde Klage gegen das landeseigene Berliner Unternehmen eingereicht.

Dort reagierte man gestern gelassen auf die Ankündigung. Es habe eine Ausschreibung gegeben, die Hochtief und Max Bögl auf Basis eines konkreten Festpreisangebots gewannen. Das Angebot könne nicht durch hohe Nachforderungen im Nachhinein aufgehoben werden, heißt es.

Gerade bei Großprojekten ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass im Nachhinein über die Höhe der Baukosten erbittert gestritten wird. Nicht selten versuchen Unternehmen, mit einem sehr günstigen Angebot erst einmal eine Ausschreibung zu gewinnen, um später mithilfe von Nachforderungen doch noch in die Gewinnzone zu kommen.

Im Fall des U-Bahnhofs „Brandenburger Tor“ begründen die Baufirmen ihre Nachforderungen zum einen mit dem schwierigen Baugrund, in dem die Station errichtet werden musste, zum anderen mit zusätzlichen Anforderungen, die die Bauherrin BVG gestellt habe. Beides habe erheblichen materiellen Mehraufwand und teure Bauzeitverzögerungen zur Folge gehabt. Hochtief verweist unter anderem darauf, dass die Bauleute bei ihrer Arbeit tief unter dem Pariser Platz auf eine Schicht aus „sehr dicht gelagerten Steinen und Blöcken“ gestoßen seien. Diese Schicht, die die Tunnelarbeiten sehr erschwert habe, sei in dem von der BVG zur Verfügung gestellten geologischen Gutachten nicht verzeichnet gewesen.

Die Baufirmen machen zudem geltend, dass es nach einem Wassereinbruch in der Baugrube Anfang 2006 seitens der BVG Forderungen nach höheren Sicherheitsaufwendungen gegeben habe. Besonders folgenschwer sei aber die Entscheidung des Senats und der BVG gewesen, die Bauarbeiten während der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2006 zu unterbrechen. Um die WM-Fanmeile am Brandenburger Tor nicht zu gefährden, waren die Bauarbeiten nicht nur für mehrere Monate unterbrochen worden. Zusätzlich mussten die Unternehmen die Baugrube am Pariser Platz verschließen und ihre Baustelleneinrichtungen demontieren.

Die Berechtigung dieses Teils der Forderungen bestreitet in der Sache auch die BVG nicht. Wohl aber die Höhe der Nachzahlung. Dem Vernehmen nach sehen die BVG-Verantwortlichen höchstens einen Nachschuss im einstelligen Millionenbereich als vertretbar an. Hochtief-Sprecher Pütter will die genaue Höhe der Nachforderungen der Bauunternehmen nicht beziffern, bestätigt gestern aber, dass diese im zweistelligen Millionenbereich liegen. Nach dem Scheitern der Verhandlungen haben nun die Richter das letzte Wort.