Verkehrssicherheit

Berliner Polizei macht Jagd auf Fixie-Räder

Sie haben keine Bremsen, keine Klingel und keine Schutzbleche. Außerdem fehlt ihnen das Licht. Dennoch sind sogenannte Fixie-Räder der Renner bei Kurierfahrern und anderen Pedalrittern. Die Berliner Polizei ist darüber entsetzt - und zieht immer öfter diese Räder ein.

Irgendetwas fehlt. Die Fahrräder wirken sportlich und elegant. Erst auf den zweiten Blick fällt auf: Sie haben keine Bremsen. Außerdem weder Gangschaltung noch Licht, Schutzbleche oder Klingel.

Trotzdem oder gerade deswegen sorgen sogenannte Fixie-Räder für Begeisterung bei Fahrradkurieren und anderen jungen Männern in den Großstädten der Welt. Fahrrad pur im täglichen Kampf durch den Asphaltdschungel. Entsetzt ist hingegen die Polizei. In Berlin nahm sie jetzt die Jagd auf die Fixies auf. Statt Verwarnungen zu verteilen, ziehen die Beamten seit einigen Wochen die Räder ein. Die Sammlung wird immer größer.

"Es würde mir schon wehtun, wenn ich das Rad jetzt abgeben müsste", sagt der 26-jährige Adam. Seit sechs Jahren durchkreuzt der drahtige Mann mit Rastalocken und Kinnbart als Fahrradkurier die Hauptstadt. Das Fahrgefühl sei ganz anders als bei normalen Rädern, meint er. In der Szene der Fahrrad-Enthusiasten sind Fixies Kult. Es gibt mit Rap unterlegte Videos mit Rad-Kunststücken. Ein Kurzfilm bei YouTube heißt in Anlehnung an eine bekannte Serie "Fix and the City".

Fixies sind Nachfolger von Bahnrädern der Profifahrer. Pedale und Hinterrad sind über die Kette fest (englisch: fixed) verbunden. Es gibt keinen Leerlauf und keine Rücktrittbremse. Rollt das Fahrrad, drehen sich auch die Pedale. Anhalten ist nicht ganz einfach - weil viele Fixie-Puristen eben auch auf Bremsen verzichten. Damit verstoßen sie gegen die Straßenverkehrsordnung.

Für Adam, der in enger blauer Jacke mit Reklame-Aufdruck und umgehängtem Kurier-Rucksack täglich 100 Kilometer fährt, ist das angeblich kein Problem. "Bremsen geht wie beim Dreirad, das man als Kind hatte", sagt er. "Wenn man langsamer tritt, wird man langsamer. Und wenn man aufhört, bleibt man stehen." Bei höheren Geschwindigkeiten legen sich Fixie-Fahrer nach vorne, verlagern das Gewicht weitgehend auf das Vorderrad und bremsen über die Pedale das Hinterrad ruckartig ab. Mit blockiertem Reifen kann man auch so nach einiger Zeit zum Stehen kommen.

Bereits 17 Räder eingezogen

Rainer Paetsch, bei der Berliner Polizei für Verkehr zuständig, regt diese Einstellung auf: "Bei einigermaßen durchschnittlicher Intelligenz muss klar sein, dass ein Rad gänzlich ohne Bremsen im dichten Großstadtverkehr immens gefährlich ist." Neben Sportwagen, Motorrädern und zahllosen Rollern stehen in einer riesigen Halle der Polizei inzwischen auch 17 Fixies. Und die Sammlung wächst.

Fahrradkurier Adam hält nichts von der Gefahrenanalyse. Er lächelt und meint: "Ich glaube, die Polizei fährt die Räder nicht, und deswegen haben sie nicht so viel Ahnung." Polizist Paetsch steigt in seiner Halle auf ein hellgrünes beschlagnahmtes Fixie. Etwas wackelig dreht er eine Runde. "Ich fahre jeden Tag Fahrrad", sagt er. "Aber das braucht ein Höchstmaß an Kraft und Konzentration. Es ist wahnsinnig schwer und unverantwortlich." Er berichtet von Kollegen im Streifenwagen, die Fixie-Fahrer stoppen wollten und von diesen gerammt wurden, weil sie nicht so schnell bremsen konnten.

An die Einsicht der Fixie-Fans glaubt die Polizei nicht. "Man will "in" sein und man gehört einer bestimmten Szene an", sagt Paetsch. "Es gibt einen Kick, mit so einem Rad zu fahren." Daher will die Polizei die beschlagnahmten Räder lieber behalten. Ob das rechtlich machbar ist, sei nicht sicher, gibt Paetsch zu. "Das muss im Zweifelsfall das Verwaltungsgericht entscheiden."

Die Fahrradkuriere haben ihre Gegenwehr längst organisiert. Natürlich warne man sich über Funk vor der Polizei, sagt Adam. "Man hört immer sofort, wo die stehen, und umfährt die Kontrollen."

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