Berlin-Besuch

„John F. Kennedy wollte den Menschen ein Kamerad sein“

Anthony Kennedy Shriver spricht mit der Berliner Morgenpost über seinen berühmten Onkel John F., über dessen Unterschied zu US-Präsident Ronald Reagan und die Liebe zu Berlin.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Anthony Kennedy Shriver, 47, hatte bei dieser Familie wohl keine andere Wahl, als auch etwas Außerordentliches zu leisten. Er ist der Neffe von John F. Kennedy, seine Mutter Eunice (1921-2009) war die jüngste Schwester des US-Präsidenten und Gründerin der Special Olympics. Für ihr Engagement erhielt sie viele Auszeichnungen.

Das Verhältnis zu ihrem Bruder war so eng, dass sie ihn auch auf seiner Reise durch Deutschland begleitete. Ihrem Sohn Anthony, der zwei Jahre nach dem Tod seines Onkels geboren wurde, erzählte sie immer wieder von dem legendären Berlin-Besuch. 1989 gründete Anthony Kennedy Shriver die Non-Profit-Organisation „Best Buddies“, die sich für die Integration und soziale Teilhabe von Menschen mit einer geistigen Behinderung einsetzt.

Die Idee ist einfach: „Best Buddies“ vermittelt Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. So erfolgreich, dass es die Organisation inzwischen in 40 Ländern gibt. Der Hauptsitz ist in Miami, Florida. Dort rufen wir auch Anthony K. Shriver an, um etwas von der Sicht eines Familienmitgliedes auf John F. Kennedy zu erfahren. Diana Zinkler sprach mit ihm über seinen Über-Onkel und darüber, was es bedeutet, den Namen Kennedy zu tragen.

Berliner Morgenpost: Herr Kennedy Shriver, was hat Ihnen Ihre Mutter über Ihren Onkel erzählt?

Anthony Kennedy Shriver: Vor ein paar Jahren waren wir noch einmal zusammen in Berlin. Sie zeigte mir die Orte, an denen sie damals waren. Und sie erinnerte sich sehr gut daran, wie er vor dem Schöneberger Rathaus gesprochen hat. Niemand hatte damals, ihn eingeschlossen, die positiven Reaktionen auf seine Rede erwartet. Sie sagte, dass dieser einzigartige Satz eine Widerspiegelung seines Charakters, seiner Werte und seiner Ansichten war. Er war den Menschen immer zugewandt und suchte Kontakt vor allem zu denen, die vor Schwierigkeiten standen, die sich nicht geliebt fühlten oder benachteiligt waren. Er hatte die brillante Fähigkeit, sich in die Situation anderer einzufühlen, er wollte den Menschen ein Kamerad sein. Und so kam dieser Satz zustande.

Wie empfand er die Reaktionen?

Er merkte, dass die Berliner es zu dieser Zeit sehr schwer hatten. Er war aber trotzdem so überrascht über die Unterstützung, die er bekam, und wirklich überwältigt über die Kraft, die dieser eine Satz hatte. Er fühlte sich nach der Reise wirklich ein paar Meter größer, inspiriert und beeindruckt von dem Enthusiasmus und der Energie der Berliner, trotz der schwierigen Umstände, in denen sie lebten. Vor allem der Optimismus, mit dem die Berliner in die Zukunft blickten, ergriff ihn. Die Menschen fühlten vielleicht auch genau das: Wenn er sagt, er ist einer von uns, dann vergisst er uns und unsere Situation auch nicht.

Wie war es für Sie, mit so einem Vorbild in der Familie aufzuwachsen? Mehr eine Last oder ein Geschenk?

Ich bin so dankbar für alles, was ich in meinem Leben habe, für meine Familie, für die Vorbilder darin und all die Anerkennung, die wir bekommen. Meine Familie hat aber tatsächlich eine Besonderheit, wir sind Macher und jeder von uns ist engagiert. Und das ist vielleicht ein Unterschied zu vielen Entscheidern heute, es wird zu viel geredet und zu wenig getan. Aber natürlich ist das auch eine Herausforderung. Aus einer Familie zu stammen mit Präsident John F. Kennedy, mit Robert Kennedy, meiner Mutter Eunice, meinem Vater. Sie sind alle Giganten und haben Großes für die Gemeinschaft geleistet. Wenn man der Sohn von Elvis Presley ist, ist es schwer auch Sänger zu werden. Die Messlatte liegt eben hoch, deswegen ist es nicht gut, sich mit Präsident Kennedy zu vergleichen. Man muss sich darauf konzentrieren, welche eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten man hat. Das gilt für jeden. Wenn man den Unterschied in seiner Straße, bei seinem Verein, in seinem kleinen Bereich macht, dann reicht das schon aus. Das ist der einzige Weg, den man im Leben gehen kann, ansonsten wird man verrückt.

Ihre gesamte Familie ist wirklich außerordentlich engagiert, woher kommt das?

Man kann wirklich viel über uns sagen, aber wir sitzen nicht rum. Und vielleicht sind wir auch nicht besonders geduldig und suchen immer nach Veränderung. Meine Mutter hasste es, wenn wir Kinder Fernsehen geschaut haben, da ist sie richtig unangenehm geworden. Sie sagte: ,Lest ein Buch, geht raus, Tennis spielen, macht irgendwas, verbessert euch, helft anderen und bekommt etwas zurück.‘ In unserer Familie gibt es die Losung: ,Mach etwas mit den Talenten, die Gott dir gegeben hat.‘ Das muss nicht auf einer globalen Ebene passieren, das kann auch im Kleinen sein. Aber tue etwas. Das kommt wohl von meinen Großeltern, die sehr religiös waren. Nimm’ teil am Spiel, egal, ob du verlierst oder gewinnst. Aber sei dabei.

Ihr Onkel war der erste, dessen Worte die Berliner Mauer haben bröckeln lassen. Seinem Beispiel folgten dann noch andere.

Aber er hat es mit einer ganz anderen Art versucht als beispielsweise Präsident Reagan. Er war kein aggressiver Typ. Er wollte Dinge durch die richtige Haltung und durch Ideale bewegen, mit Hilfe einer guten Seele und harter Arbeit. ‚Ich bin ein Berliner‘ ist ein ganz anderes Statement als ,Tear down this wall‘ (,Reißen Sie die Mauer nieder.‘ Anm. d. R.). Er wollte die Menschen zu Frieden und Anteilnahme anstiften und nicht zu Aggression. Das ist es, was die Menschen an ihm bewundert haben. Durch diese Haltung ist er einer der am meisten respektierten Präsidenten in der Geschichte der USA geworden. Das sind zwei unterschiedliche Botschaften gewesen, die die Art des Führens der beiden Staatsoberhäupter gut widerspiegelt.

Wenn Sie Ihren Onkel heute treffen könnten, was würden Sie ihn fragen? Oder was würden Sie mit ihm unternehmen wollen?

Das Besondere an ihm ist für mich immer gewesen, über was für ein unermüdliches Reservoir an Energie er verfügte. Tag für Tag, Jahr für Jahr unterstützte er andere Menschen dabei, ihre Träume zu verwirklichen. Mit seiner Regierung tat er alles dafür, die Ziele und Träume der Menschen zu ermöglichen. Ich würde ihn fragen: Woher nimmst du die Energie, die Geduld, die Entschlossenheit und Leidenschaft, mit dem weiterzumachen, was du schon jeden Tag tust? Er widmete sein Leben komplett dem Dienst an der Gemeinschaft. Das war so bemerkenswert und muss zugleich so anstrengend für ihn gewesen sein. Er war unermüdlich und hat nicht an sich und seine Gesundheit gedacht. Das war sein Weg. Dazu ging seine Karriere sehr schnell, in kurzer Zeit wurde er vom Kongressabgeordneten zum Präsidenten. Er hat immer an andere gedacht, und das ist eine Qualität, die ich heute bei vielen Staatsoberhäuptern vermisse. Es geht in erster Linie meistens um sie selbst, um ihr Ego, ihren Erfolg und ihr Fortkommen in der politischen Welt.

Mit Ihrer Stiftung „Best Buddies“ vermitteln Sie weltweit Partnerschaften zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Wie ist „Best Buddies“ in Deutschland vertreten?

Wir haben 2006 in Deutschland begonnen, aber schon 2008 mit Beginn der Finanz-Krise haben wir die meisten unserer Sponsoren wieder verloren. Aber im August planen wir einen Relaunch und starten neue Kooperationen mit der Marburger Organisation „Spectrum“ und „Lebenshilfe“. Im November komme ich nach Berlin, um neue Sponsoren zu werben. Denn ich liebe Berlin, es ist eine wundervolle Stadt und ich liebe die Deutschen.

Sie haben über die Energie Ihres Onkels gesprochen, wie motivieren Sie sich?

Es ist das, was ich von den Menschen zurückbekomme, für die ich arbeite. Ich versuche, mich möglichst oft mit den Buddies zu treffen, höre ihnen zu, spreche mit ihren Eltern, kümmere mich um die Probleme, die sie haben. Und dabei motiviert mich ihre Wertschätzung für unsere Arbeit. Dann habe ich das Gefühl, noch mehr tun zu wollen. Ihre Anerkennung ist für mich wie das Öl, das das Feuer immer weiter brennen lässt. Es geht immer um die Verbindung zu den Menschen und das darf man nie vergessen, ob man nun Präsident ist oder nicht. Gerade als Präsident muss man auf die Straße gehen und die Menschen treffen. Das ist es. Sonst verliert man die Haftung.

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