Gedenken

John F. Kennedy - ein Name, der verpflichtet

John F. Kennedy zu Ehren wurden Berliner Orte nach ihm benannt. Aber was ist dort noch von seinen Werten und seinem Geist zu spüren? Antworten geben die Hüter seines Andenkens.

Mal angenommen, er säße tatsächlich irgendwo da oben im Himmel: John F. Kennedy. Vielleicht erinnerte er sich dieser Tage an Berlin. An die Rede, die er hier vor 50 Jahren gehalten hat. Und er fragt sich, was von all dem Ruhm bleibt. Ob dort unten noch irgendwer an ihn denkt, beispielsweise in Berlin. Er schaut über die Stadt, und sein Blick bleibt als erstes in Dahlem hängen. Er liest: John F. Kennedy Institut. Sieh einer an. Sein Blick schweift weiter, nach Zehlendorf.

Na bitte, eine Schule, die seinen Namen trägt. Er wendet sich nordwärts und entdeckt in Wittenau ein nach ihm benanntes Seniorenheim. Seine Miene bewölkt sich etwas, aber sie hellt sich gleich wieder auf: In Mitte haben sie ihm sogar ein Museum gebaut. Kennt man da oben im Himmel noch Stolz? Wir wissen es nicht. Auf einer kleinen Tour zu den Kennedy-Orten dieser Stadt zeigt sich, dass er es aber sein könnte und wie sehr seine Worte in dieser Stadt und bei ihren Bewohnern nachwirken.

Das Institut – Liebe und Normalität

Das geht ja gut los. Die amerikanische Fahne hängt falsch. In der Bibliothek, ausgerechnet gegenüber der Büste von John F. Kennedy. Irwin Collier erklärt es der Mitarbeiterin der Bibliothek geduldig. Das blaue Feld muss links sein, nicht rechts. Man muss sie umdrehen. „Aber wenn man die Fahne umdreht, sieht man doch das aufgenähte Stoffemblem des Herstellers“, entgegnet sie. „Vielleicht ist die Fahne falsch produziert worden.“ Gemeinsam begutachten sie das Stück noch einmal und stellen fest: Das Hersteller-Logo ist auf der richtigen Seite aufgenäht, die Fahne einfach nur verkehrt herum aufgehängt worden.

Irwin Collier ist überhaupt nicht verärgert. Er scheint die Situation eher komisch zu finden. Vor kurzem, erzählt er, hätten sich einige Professoren vor der Fahne fotografieren lassen. Einer von ihnen stellte das Bild auf seine Facebook-Seite, kurze Zeit später blinkte ein Kommentar auf: „Leute! Kennedy-Institut – und ihr hängt die Fahne falsch.“

Collier ist der Chef hier, Institutsratsvorsitzender heißt das offiziell. Seit zwei Jahren leitet er das John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien. In seinem Büro sieht man eine Postkarte mit dem Bild Friedrichs des Großen und ein gerahmtes Bild des Ökonomen John Maynard Keynes. Collier ist Wirtschafts-Professor, er hält auch noch Vorlesungen.

Als Kennedy seine Berliner Rede hielt, war Collier elf Jahre alt und ein „stolzer Pfadfinder“ im US-Bundesstaat Ohio. Den Namen des späteren amerikanischen Präsidenten hörte er erstmals während des Wahlkampfs. Kennedy trat gegen den Republikaner Richard Nixon an, und Colliers Familie war gespalten. „Mein Vater war Demokrat, meine Mutter für die Republikaner. Es gab bei uns Wahlbuttons für Kennedy und welche für Nixon.“ Die Ehe der Eltern hielt die politische Uneinigkeit aus. „Das war damals noch nicht so polarisierend wie heute.“ Er selbst war seinerzeit acht Jahre alt.

>>> Lesen Sie alles zum Thema John F. Kennedy in unserem Themen-Special! <<<

Collier führt durch das Haus. Erst vor kurzem ist renoviert worden. Die Wände sind noch kahl. „Es sieht etwas langweilig aus, aber es wird noch Kunst aufgehängt“, sagt Collier. Rund 400 Studenten lernen hier amerikanische Geschichte, Kultur, Literatur, Politik, Soziologie oder Wirtschaft. Wer den Abschluss, den Bachelor in North American Studies, macht, kann sich fließend in dieser Sprache verständigen.

Bis zu Kennedys Tod hieß das Haus schlicht Amerika-Institut. Geleitet wurde es von Ernst Fraenkel, einem Juristen und Politologen, der in der Nazizeit Deutschland verlassen musste und in die USA emigrierte. „Er ist dann nach dem Krieg zurückgekommen und wollte seinen Landsleuten Demokratie à la Amerika beibringen“, erzählt Collier.

1963 wurde das Institut nach Kennedy benannt. Es war das Jahr seiner berühmten Berliner Rede, und es war das Jahr, in dem er in Dallas ermordet wurde. Dann kam das Jahr 1968. Damals, sagt Collier, hätten nicht wenige in Deutschland und den USA dem Haus einen dritten Namen gegeben: Institut für antiamerikanische Studien.

Wie aber ist es um das deutsch-amerikanische Verhältnis heute bestellt? Fragt man Collier, ob es sich seit dem Kennedy-Besuch in Berlin verändert habe, sagt er: „Damals war es eine bedingungslose Liebe zu Amerika. Die Politik der Amerikaner war ganz mild im Vergleich zu der der Sowjetunion. Man muss nur einmal die Erfahrungen deutscher Kriegsgefangener in Amerika denen in der Sowjetunion gegenüberstellen.

Im Bewusstsein der Deutschen waren die Amerikaner einfach da, die Entnazifizierung war nicht brutal, man hatte das Leben wieder, ist zurück zur Normalität gekehrt.“ Und heute? „Aus der bedingungslosen Liebe ist eine Liebe mit Bedingungen geworden.“ Das sei eine Normalisierung.

Die Schule – lachen und streiten

Geschichtsunterricht. Zehnte Klasse. Alles in Englisch. Der Lehrer teilt die Klasse in zwei Lager, die einen sind Kommunisten, die anderen Kapitalisten. An die Wand ist per Beamer ein Bild von Kennedy projiziert und dazu ein Auszug aus seiner Berliner Rede: „All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ,Ich bin ein Berliner!“ Jetzt werden andere Porträts gezeigt: Konrad Adenauer, Walter Ulbricht, Harry Truman, Fidel Castro, der nordkoreanische Diktator Kim Il Sung und der südkoreanische Präsident Rhee Syng-man.

Der Lehrer fragt seine Klasse: „Sind das Berliner? Oder könnten sie im Sinne von Kennedys Rede Berliner sein?“ Zehn Minuten Bedenkzeit. Dann muss die kommunistische Seite in der Klasse ihre Leute verteidigen und die andere Seite die ihrigen. Nach zehn Minuten wird vorgetragen – und natürlich sind auch Einwürfe erlaubt. Es wird gestritten und gelacht, aber vor allem diskutiert.

Kurz zuvor trafen die Schüler in der Bibliothek die 76-jährige Jean Hagen. Sie ist die erste amerikanische Lehrerin an der John-F.-Kennedy-Schule gewesen. „Was Kennedy sagte, trifft auch auf mich zu: Ich bin auch Berliner geworden“, erzählt sie. In Amerika hatte sie Hans Hagen kennengelernt. Er war Berliner, ein Austauschschüler „und er wollte irgendwas mit nach Deutschland nehmen“. Er nahm sie mit.

Viele Schüler haben amerikanischen Hintergrund

Den Schülern erklärt sie nun: „Als ich in Pension ging, habe ich gemerkt, die Kinder hier haben keine Vorurteile.“ Sie wendet sich an die Schüler: „Ihr akzeptiert, respektiert alles. Und das wollte Kennedy auch – dass sich alle Menschen tolerieren und respektieren.“ Markus Jungnickel, ein 16-jähriger Schüler meint: „An dieser Schule kann fast jeder Zweitklässler was mit Kennedy verbinden. Vor allem durch die Rede, die Einigkeit zwischen Amerika und Deutschland, die Zusammenarbeit. Und das ist genau das, was diese Schule verkörpert.“

Die Schule trägt den Namen Kennedys seit 1963. Auch hier wurde das als Reaktion auf seine Ermordung in Dallas entschieden. Viele Schüler haben einen amerikanischen Hintergrund. Ein Elternteil kommt aus den USA, einige haben in Amerika gelebt. Die Hälfte der Lehrer ist Amerikaner. Viele kommen für zwei Jahre und sind nach 20 Jahren noch immer hier.

Kathrin Röschel aber, die deutsche Schulleiterin, ist in der DDR groß geworden. Sie studierte an der Humboldt-Universität Mathematik und Physik, als die Mauer fiel. Mit einem Stipendium ausgestattet, ging sie nach New York, lernte die Sprache, unterrichtete später in Washington, D.C. und Texas. Als sie nach Berlin zurückkehrte, wurde sie Lehrerin an der John-F.-Kennedy-Schule.

Seit vier Jahren steht sie ihr vor. So wie sich vor 20 Jahren niemand vorstellen konnte, dass eine Ostdeutsche Bundeskanzlerin würde, so unwahrscheinlich schien es vielleicht auch, dass einmal eine Ost-Berlinerin diese so westberlinische John-F.-Kennedy-Schule leiten würde.

Das Seniorenhaus – die Hoffnung

Er hat ihn noch selbst gesehen. Ganz kurz, am Eichborndamm. Da fuhr er im offenen Wagen vorbei. Werner Doelle war damals 36 Jahre alt. Er arbeitete auf dem Flughafen Tempelhof als Kontrolleur für Waren. „Kennedy“, sagt er, „hat uns allen Mut gegeben.“

Älteren Menschen merkt man das Drama und das Pathos dieser Zeit noch an. Doelle kann seine Tränen nicht zurückhalten. West-Berlin zwei Jahre nach dem Mauerbau, eine geteilte, von vielen guten Geistern verlassene, aufgegebene Stadt, und dann kommt ein amerikanischer Präsident. Ein Hoffnungsschimmer. „Sein Besuch hat gezeigt, dass wir nicht ganz verloren sind in Berlin.“

Und Karl-Heinz Hoffmann, 77, ergänzt: „Wir waren eingesperrt. Zwar sind wir nicht verhungert, aber es war schon ein Unterschied zu heute. Ich war von den Menschenmassen beeindruckt, wie sie ihn begrüßt haben.“ Doelle und Hoffmann gehören zu den 180 Bewohnern im Seniorenhaus John F. Kennedy. Allgemeine Pflege, Kurzzeitpflege und Gerontopsychiatrie wird angeboten.

Im Foyer prangt der Schriftzug des amerikanischen Präsidenten groß an der Wand. Die Einrichtung ist 2010 gebaut worden. „Kennedy steht wie kaum ein anderer für Freiheit und Selbstbestimmtheit, also Grundwerte, die unsere Gesellschaft verbinden. Diese Grundwerte sollen die Bewohner des Hauses JFK in ihrem Alltag erleben“, erklärt Vivantes-Mitarbeiterin Judith Sefzik.

Der 86-jährige Werner Doelle redet von Amerika. Er war nie dort, aber dieses Gefühl und die Sachen, die die Amerikaner damals mit nach Deutschland brachten, kann er nicht vergessen. „Meine Kinder haben ihre Mütze immer wie die Amerikaner getragen, mit dem Schirm nach oben.“ Und auch er wollte amerikanisch aussehen.

„Ich habe mir einen Parka und Stiefel in einem Army-Shop gekauft.“ Und dann gab es noch Kaugummis, Cola im Kühlschrank und amerikanische Zigaretten. Das waren die Sachen, aber das Gefühl, das kam durch Kennedy. „Wenn er überlebt hätte und noch mal nach Berlin gekommen wäre, hätte man ihn wieder so begeistert empfangen.“

Das Museum – sein privates Leben

Hier sind sie – die Sachen. Die, die Kennedy selbst getragen oder benutzt hat. Ein weißes Hemd, eine Aktentasche von Hermès, ein Schlüsselbund aus dem Weißen Haus. Dann der Pillbox-Hut, den Jackie Kennedy trug, als Adenauer zum Staatsbesuch nach Washington kam. Auf 600 Quadratmetern in der Auguststraße in Mitte präsentiert sich das zweigrößte Kennedy-Museum der Welt, nach der Kennedy Public Library in Boston.

Fotos, Unmengen von Fotos, viele sehen wie familiäre Schnappschüsse aus. Man hat das Gefühl, durch ein Familienalbum zu blättern. So scheine es, aber so sei es nicht, erklärt Alina Heinze, die durch die Ausstellung führt. Es waren inszenierte Fotoshootings. Auch das gehört zu Kennedys Ruhm. Er war der erste Präsident, der auch sein privates Leben mit Jackie und den Kindern, mit seiner großen, alten Familie, mit Kirchgang und Strandurlaub, perfekt inszenierte.

Und man staunt: Wow, war der Präsident modern. Er ginge heute modisch locker durch. Er trug sogar Chucks. Gerade vor diesem Foto bleiben Schulklassen gerne stehen und finden den Präsidenten ziemlich cool.

Jackie Kennedy sorgte nach seinem Tod dafür, dass nichts wegkam, was an ihren Mann erinnerte. Selbst die vielen Kritzeleien, die er beim Telefonieren machte, erzählt Alina Heinze, bewahrte sie auf. „Am Anfang wurden die noch weggeschmissen, bis Jackie Kennedy sagte, es muss alles archiviert werden.“

Es gebe einen großen Fundus an Notizen, schriftlichen Anweisungen, Korrespondenzen. Viel Material stamme aus dem Nachlass von Kennedys Sekretärin Evelyn Lincoln, immer mal wieder werde etwas bei Auktionen angeboten.

Alina Heinze ist 1980 geboren, 17 Jahre nach Kennedys Rede und Tod. Sie ist in Charlottenburg aufgewachsen. Kämen ältere Berliner in das Museum, sagten viele schon an der Kasse: „Ich habe ihn damals übrigens auch gesehen.“ Seine Rede sähen sie dann nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder. „Dann haben sie Tränen in den Augen. Das löst bei mir Gänsehaut aus.“

>>>Interaktive Analyse der Berlin-Rede von John F. Kennedy<<

>>> 50 Jahre Kennedy-Besuch in Berlin - das Themen-Special <<<