John Kornblum war 20 Jahre alt, als sein Präsident durch Deutschland reiste. Kornblum war damals in den letzten Zügen seines Studiums an der Michigan State University. Deutsch und Politikwissenschaften waren seine Disziplinen, die er mit einem Bachelor abschloss. Ein Jahr, nachdem Kennedy in Texas erschossen wurde, trat John Kornblum in den diplomatischen Dienst Amerikas ein.

Auf dem Höhepunkt seiner diplomatischen Karriere kam er 1997 nach Berlin als Botschafter der Vereinigten Staaten. Zum Ende seiner Amtszeit wechselte Kornblum 2001 zur Investmentbank Lazard. Seit 2009 arbeitet er als Berater für die Kanzlei Noerr und sitzt in den Aufsichtsräten von ThyssenKrupp und der Bayer AG.

Jochim Stoltenberg sprach mit ihm über die Wirkung von John F. Kennedys Berlin-Besuch in den USA und die heutige Anziehungskraft von Berlin auf die jungen Amerikaner.

Berliner Morgenpost: Sie waren noch Student, als John F. Kennedy so unvergessen vor dem Schöneberger Rathaus zu den Berlinern sprach. Schon ein Jahr später traten Sie in den diplomatischen Dienst Amerikas ein. Können Sie sich erinnern, auf welches Echo die Berliner Rede damals in den USA stieß?

John Kornblum: Oh ja. Über den Besuch wurde sehr breit berichtet. Die Szene vor dem Schöneberger Rathaus war sehr wichtig. Die Berlin-Krise Ende der 50er-Jahre, dann der Bau der Mauer – das waren ganz wichtige Themen in den USA, weil sie Teil der allgemeinen Konfrontation mit der Sowjetunion waren. Und vergessen Sie nicht die Kuba-Krise ein Jahr zuvor. Das alles wurde im Zusammenhang gesehen, als Kennedy nach Berlin kam und der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt war.

Kennedy kam erst zwei Jahre nach dem Mauerbau. Die Berliner waren sehr enttäuscht, dass die amerikanische Schutzmacht nichts gegen den Bau der Mauer tat. War der Besuch auch so etwas wie eine Wiedergutmachung, eine Versöhnungsgeste gegenüber den Berlinern?

Das stimmt wohl. Aber Kennedy ist nicht sofort nach Berlin gekommen, weil er die Lage nicht weiter verschärfen wollte. Bis heute wird debattiert, was er hätte machen sollen. Ich finde das nicht sehr hilfreich. Es wäre ziemlich leicht gewesen, den Stacheldraht wegzureißen. Aber was wäre dann passiert? Eine noch viel stärkere Fluchtwelle hätte sich über Sektorengrenze ergossen. Das hätte ohne Frage zur Gewalt geführt. Und noch ein Punkt war entscheidend. Seit der Luftbrücke 1948/49 und dem Chruschtschow-Ultimatum von 1958 war das Ziel des Westens, West-Berlin zu retten.

Und das politische Signal, das Kennedy aussenden wollte?

Wie wir heute wissen, war der Besuch nicht als Fortsetzung des Kalten Kriegs konzipiert, sondern als Anfang einer neuen Entspannungspolitik. Vier Wochen zuvor hat er bereits in einer Rede in der American University in Washington über eine neue Weltordnung gesprochen. Kennedy wollte eine andere Ost-West-Politik einleiten. Er hat sie nur skizzieren können. Seine Ermordung und dann der Vietnamkrieg haben einen Strich durch den geplanten Strategiewechsel gemacht.

Wie sollte der aussehen?

Kennedys Hauptprojekt waren Rüstungskontrollverhandlungen mit Moskau. Dabei sollte es um ein atomares Teststopp-Abkommen und die Nichtverbreitung von Kernwaffen gehen. Kennedy war noch immer ziemlich erschüttert über die Kuba-Krise. Das führte zu der Kehrtwende – in der Hoffnung, mit einer Entspannungspolitik den Kalten Krieg zu überwinden.

War das der eigentliche Anlass für seinen Deutschlandbesuch mit dem Höhepunkt in Berlin?

Ja. Der Hauptgrund seiner Reise nach Europa war nicht, Berlin zu besuchen, obwohl das ein wichtiger Punkt war. Er kam, um seine neue Ost- und Atlantik-Politik anzupreisen und auch die Verbündeten dafür zu gewinnen. Die atlantische Gemeinschaft dürfe nicht allein auf militärischer Stärke basieren, Europa und Amerika müssten zusammenarbeiten, um die Probleme der Welt zu lösen, wobei er die Handelsbeziehungen ebenso nannte wie die ungelösten Finanzprobleme. Kennedys Agenda von 1963 ist fast punktgleich mit der Agenda 2013.

Und die Berliner Rede?

Da stand natürlich die Macht der Demokratie und damit der Freiheit im Zentrum. Eine auch sehr emotionale Rede, mit der er den Berlinern Mut machen wollte. Die Versöhnung gelang perfekt.

Mehrere Hunderttausend Menschen waren auf den Straßen, um den jungen US-Präsidenten zu sehen. Kennedy wurde von den Berlinern geradezu wie ein Heiliger gefeiert…

Ja, das war alles sehr emotional. Aus Sicherheitsgründen ist Vergleichbares heute unmöglich. Seit der Ermordung Kennedys im November 1963, nur wenige Monate nach seinem Besuch in Berlin, darf kein Präsident mehr in einer offenen Limousine fahren. Aber vergessen Sie bitte nicht den Besuch von Barack Obama, der als Präsidentschaftskandidat der Demokraten im Jahr 2008 nach Berlin kam. Da strömten 200.000 Menschen an die Siegessäule, um Obama zu sehen und ihm zuzuhören.

Zurück zu John F. Kennedy. Sein Besuch war von höchster politischer und emotionaler Bedeutung für West-Berlin. Mit Wirkung auch auf die Menschen jenseits der Mauer?

Ich glaube schon. Die Reportagen der West-Berliner Rundfunksender waren ja im Ostteil der Stadt zu hören. Erst kürzlich traf ich einen Mann, der mir erzählte, wie er sich damals so nah wie möglich dem Brandenburger-Tor näherte, um Kennedy zu sehen, und dafür von den Eltern bestraft wurde. Und es war ja auch kein Zufall, dass sich zwei Tage später der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow in Ost-Berlin bejubeln ließ.

Heute, 50 Jahre später, welche Bedeutung hat der Besuch des damaligen amerikanischen Präsidenten noch?

Es sind mehr als nur die historischen Bilder. Es bleibt die Botschaft von Demokratie und Frieden, die sich in Berlin und Europa erfüllt hat, aber weltweit die gleiche Gültigkeit behält wie damals. Und noch etwas ist bemerkenswert. Immer, wenn nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Richtung einzuschlagen war, standen Berlin und Amerika im Mittelpunkt. Das war 1948/49 so, dann wieder 1959/61, natürlich 1989 und jetzt wieder, da die Zukunft der westlichen Welt eine globalisierte ist, die auf Hightech und Vernetzung gebaut ist. Dabei sind Berlin und Amerika wieder die Hauptpartner.

Welche Partnerschaft zwischen der deutschen Hauptstadt und den Vereinigen Staaten meinen Sie? Das müssen Sie bitte erklären.

Berlin ist für Amerikas junge Generation der Hauptpartner in Europa, nicht Deutschland, sondern diese Stadt. Das neue Berlin hat eine ungeheure Anziehungskraft. Junge Amerikaner kommen in immer neuen Wellen hierher in die deutsche Hauptstadt. Diese nächste Phase der deutsch-amerikanischen Beziehungen, die immer durch Berlin definiert werden, wird weniger stark durch Verträge oder Institutionen wie Nato oder die Europäische Union geprägt, sondern durch die Verbindungen der neuen Netzwerke, der Globalisierung durch die Menschen. Ich glaube, wir kommen in eine sehr, sehr demokratische Phase, in der der einzelne Mensch mehr zu bestimmen hat als je zuvor in der Geschichte.

Ganz im Sinne dessen, was Kennedy vor 50 Jahren vor dem Schöneberger Rathaus als Vision vortrug.

Richtig. Deshalb bleibt die Berliner Botschaft John F. Kennedys weiter aktuell. Um diese Botschaft für die Zukunft zu verbreiten, haben ich und andere das „John F. Kennedy Atlantic Forum“ gegründet. Wir werden am 26. Juni ein Gala-Essen und ein Seminar abhalten, um diese Themen aktuell zu diskutieren.

Der Kennedy-Tag im historischen Liveticker via Twitter

>>>Interaktive Analyse der Berlin-Rede von John F. Kennedy<<

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von X, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.