Es sind die Riesenpudel Lubaba und Fira, die viel über die Zukunft der Stadt erzählen, sie toben auf einer Wiese am Spandauer Damm in Wilmersdorf, so unerschöpflich wie nur junge Hunde es können. Man muss stehen bleiben, am achten Kilometer der Wanderung quer durch Berlin. Die Pudel sind Zwillinge, doch Lubaba ist kleiner und ihr Fell glänzt nicht. Noch nicht.

Warum das so ist, erzählen Denis, der elfjährige Junge, und seine Großmutter Valentina. Sie sitzen auf einer Bank. Denis wurde in Berlin geboren. Seine Großmutter, eine elegante Dame mit Gucci-Sonnenbrille, stammt aus Odessa in der Ukraine. Der andere Teil der Familie des Jungen stammt aus New York. Da passt Berlin als neuer Mittelpunkt, es liegt gewissermaßen zwischen jenen Heimatpolen im Westen und Osten. Außerdem gibt es hier eine jüdische Traditionsschule, dort lernte Denis lesen und schreiben.

Aber zurück zu den Riesenpudeln. Die Großmutter kaufte Fira bei einer russischen Züchterin in St. Petersburg, Lubaba landete bei einer Familie in Hannover. Ein begehrter Wurf muss es gewesen sein. Großmutter Valentina ist noch immer empört, wenn sie erzählt, dass sich diese Familie aus Hannover wenig später bei ihr meldete und fragte, ob sie noch einen zweiten Riesenpudel wollten, sie wollten das Tier wieder loswerden. In welchem Zustand sie den Hund vorgefunden hätten. Übersät mit Zecken, abgemagert, nachts habe das Tier im Schlaf gewinselt, als träume es Fürchterliches.

Inzwischen, sagt die Großmutter, gehe es besser. Das liege auch am russischen Quark, den sie verfüttere. „Diese deutsche Familie hat das Tier gequält“, sagt sie. Ihr Enkel wirft dazwischen: „Wir sind doch auch eine deutsche Familie.“ Berlin ist ein Ort für sie, an dem alle ein gutes Leben führen. Denis und Valentina, die Hunde Lubaba und Fira. Sie sind angekommen. Ihr Wilmersdorf ist ein Ort, an dem es keine ungleichen Geschwister mehr geben soll.

Blick in die Vergangenheit

Berliner zu sein, das ist meist ein Ergebnis von etwas. Auf den rund 35 Kilometern von Spandau bis Grünau trifft man mehr Angekommene als Eingeborene. Der Schauspieler Hans Zischler, selber eigentlich Franke, aber Autor des Buches „Berlin ist zu groß für Berlin“, hat sein Berlinersein mit dem Ausspruch eines Freundes begründet: Er fühle sich hier eigentlich ganz wohl, habe er gesagt, weil alle fremd seien.

Begonnen hat die Wanderung mit einem Blick in die Vergangenheit. So wollte es der Zufall. Falkenhagener Feld, westliches Spandau. Großsiedlung der 60er-Jahre, Filterkaffee unterm Sonnenschirm. Memet Güler, 84, trägt Anzug und Hut. Er ist vor einem halben Jahrhundert hier angekommen, mit 3000 anderen Männern aus der Türkei. Als Kranfahrer hat er bei Siemens gearbeitet, in seinem Portemonnaie stecken Fotos von drei Enkelkindern. „Ich bin ein Berliner“ sei damals nicht sein Satz gewesen, er habe gedacht, er sei höchstens ein halber Berliner. Er schaut einem jungen Mann hinterher, der ein weißes Shirt mit der roten Aufschrift „Blutbad“ trägt. Eine Berliner Marke, die damit wirbt, direkt von der Straße zu kommen. Güler winkt ab, als wolle er wegwerfen, was er gesehen hat. „Heute“, sagt Güler, „bin ich vielleicht immer noch kein ganzer Berliner, aber ein halber und ein bisschen mehr.“

Spandauer Damm, Richtung Osten, die Zitadelle im Blick. Links, durch den Zaun, streckt sich plötzlich eine Hand. Man erschrickt, weil dahinter eine Frau steht mit schiefen Zähnen. Sie zeigt auf ihren Schal, rot gepunktet, sie entblößt ein Lächeln, ungeschönt, aber strahlend. „Schick?“ fragt sie. Ich berühre ihre Hand und wir freuen uns gemeinsam. Es ist der Garten einer Werkstatt für Behinderte und das einzige schöne Erlebnis, das diese Ausfallstraße bietet.

Berlin ist wie eine große Wohnung

Weiter über den Schifffahrtskanal. Warum riechen Gewässer hier immer nach Hundekot? Vielleicht gehen Menschen woanders gewissenhafter mit den Ausscheidungen ihrer Tiere um. Berlin ist wie eine große Wohnung: Komfortabel, aber man hat nicht den Zwang, regelmäßig aufzuräumen.

Die gute Seite davon ist eine gewisse Sorglosigkeit. Viele Schlachten der Vergangenheit sind geschlagen. Wie in der Kleingartenkolonie Ruhwald, hinter der Reichsstraße. Dort hängt ein Bild der Freiheitsglocke aus dem Rathaus Schöneberg, die seit 1950 ein Appell gegen Barbarei ist. Die Kleingärtner hatten dieses Symbol benutzt, als sie vor 30 Jahren gegen den Bau eines Schwimmbades protestierten. Auf dem Schild steht der Satz: „Wir versprechen, jedem Angriff Widerstand zu leisten.“

Ein älterer Herr kommt vorbei. Ein Veteran des Kleingartenkrieges? „Nee, ich bin seit zwei Jahren hier“, sagt er. Seine Frau habe die Lage dieser Gärten praktischer gefunden als ein Ferienhaus in Brandenburg. „Hier ist es aber auch schön“, sagt er.

Pause an einer Minigolf-Anlage, gegenüber vom Ikeamarkt. Pommes: ein Euro. Zwei Frauen mit Punkfrisuren und Handwerkerhosen bürsten ihre Hunde, die Haare fliegen in der Sonne. Die Pommes schmecken nach einem Sommer, wie man ihn fast vergessen hat. Lang und sorglos. Der Minigolfplatz ist Gegenwart, mehr will und muss er nicht sein.

„Nee, ich bin kein Berliner“

Nach zehn Kilometern, kurz vor der Brücke über die A100, passiert etwas Grundsätzliches. Die Straße macht eine kleine Kurve und man sieht den Fernsehturm am Alexanderplatz. Zum ersten Mal hat diese Wanderung so etwas wie eine Richtung. Erstmals hat man das Gefühl, dass es diese Stadt überhaupt gibt, die man durchquert. Bisher dachte man eher an einen schlampig genähten Flickenteppich. Wenn man später auf der Wiese vor dem Charlottenburger Schloss sitzt, findet man sogar, die Stadt gehöre einem. Man ist ja Bürger, man ist ja Berliner.

Otto-Suhr-Allee. Ein Bauarbeiter trinkt Malzbier vor einem Imbiss. „Nee, ich bin kein Berliner“, sagt er. Er komme nur zum Arbeiten hierher und sei abends froh, wenn er wieder zurück im Spreewald sei. „Viel zu stressig hier.“

Doch es ziehen mehr Menschen nach Berlin als weg. Im Foyer der Universität der Künste hängt ein Poster mit dem Aufruf: „Werde Teil der Start-up-Szene.“ Aber nicht alle möchten Teil dieser Szene sein: Im Innenhof sitzen Studenten auf dem Rasen. Einer sagt: „Der hat schon wieder gefragt, was die Zielsetzung des Filmprojektes ist.“ Ein Mädchen antwortet: „Das nervt total, diese Verwertungsmentalität, ich nehme mir die Zeit die ich brauche, echt jetzt.“

Umzug mit 70 Jahren

Doch wer glaubt, Berlin ziehe nur junge Menschen an, muss an der Kürfürstenstraße Sabina Roggendorf treffen. Sie ist gerade 70 Jahre alt geworden, nach ihrer Scheidung zog sie aus Mannheim her. Berlin sei ihre neue Liebe. Einen netten Nachbarn hat sie auch schon gefunden. Wolfgang Ochs, pensionierter Lehrer mit Sonnenbrille. Er steht neben ihr. Beide leben im selben Hochhaus. Ochs ist vor Jahrzehnten angekommen. Er wusste, dass er bleiben würde, als er damals im KaDeWe eine „schöne Scheibe Kalbsleber“ bestellte, und die Verkäuferin fragte: „Wat, wollen Se die essen oder fotografieren?“ Verbales Pingpong, deshalb lerne man sich in Berlin kennen. Man bleibe nicht allein.

Richtung Kreuzberg. Absurde Schlange vor dem Gemüse-Kebab am Mehrdingdamm. Ein Stück weiter, an der Gneisenaustraße, bietet Bedri, 38, ähnliches Essen an. Ohne Schlange. Er ist seit zehn Jahren im Geschäft, der Laden mit der Schlange seit drei Jahren. Er finde sein Essen besser. „Ich sag’ mal, seinen Döner verwechsele ich nicht mit meinem.“ Bedri ist der Mann für Stammkunden, der Laden mit der Schlange für die Touristen und Neu-Berliner, von denen es gerade in Kreuzberg besonders viele gibt. Die mögen es dort, wo es besonders voll ist.

Südstern, vorbei am Grab von Gustav Stresemann, nach Neukölln. In einem Laden für indischen Schnickschnack arbeitet Rupali Rahaman. Sie kommt aus Bangladesch, viele Landsleute hat sie hier nicht. Ihr Sohn ist Deutscher, er ist Soldat bei der Bundeswehr, stationiert in Brandenburg. Wir sprechen darüber, wie sehr wir hoffen, dass es keine weiteren Kriege gibt.

Diener bei Karstadt

Raus aus Berlin, die Sonnenallee runter. Vor einem Gitarrengeschäft sitzt Edgar Rietz („Richard, Ida, Erwin, Theodor, Zeppelin“). Er lebt seit 78 Jahren in derselben Wohnung . Früher hieß die Sonnenallee Kaiser-Friedrich-Allee, dann Braunauer Straße, nach dem Geburtsort Hitlers. Dort, wo heute Autos fahren, hat seine Mutter ihn mit dem Schlitten gezogen, bis zum Hermannplatz. Bei Karstadt gaben sie den Schlitten bei einem Diener ab. Zum Abschied gibt er mir einen Satz aus Psalm 90 mit auf den Weg über das Leben: „Wenns köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“

An der Stadtgrenze, hinter der Grenzallee, laufe ich an den Toren des Stadtkrematoriums vorbei. Es ist jetzt nicht mehr so weit bis nach Grünau, dem Örtchen im Grünen, das bekannt ist für seine Segelschulen. Dort schaut man auf viel Wasser. Ich denke an den Diener bei Karstadt, den es mal gab, und wiederhole die Worte zum Leben aus Psalm 90: „Denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“

>>>Interaktive Analyse der Berlin-Rede von John F. Kennedy<<

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