Jahrelang hatte Philip D. Murphy die Berliner immer wieder vertrösten müssen, wenn sie ihn danach fragten, wann Barack Obama wieder in die deutsche Hauptstadt komme. Da war es ein Labsal, dass dem scheidenden US-Botschafter kurz vor seiner Rückreise in die Staaten doch noch die Organisation des Staatsbesuchs des US-Präsidenten zufiel. Jetzt aber heißt es Kofferpacken. Denn wie es die Gepflogenheiten in Washington vorsehen, übernimmt in der zweiten Amtszeit des Demokraten ein anderer den US-Außenposten am Pariser Platz. Florian Kain sprach mit Philip Murphy über seine vier Jahre als Botschafter, seine Pläne für die Zukunft – und die Begeisterung der Amerikaner für Berlin.

Berliner Morgenpost: Herr Murphy, der Countdown läuft, in wenigen Tagen gehen Sie zurück in die USA. Können Sie John F. Kennedys Satz „Ich bin ein Berliner“ denn nach Ihren vier Jahren als Botschafter auch unterschreiben?

Philip Murphy: Absolut! Ich glaube, es ziemlich gut nachempfinden zu können, welche Gefühle den von mir so verehrten Präsidenten Kennedy damals aufgewühlt haben müssen, als er seine Rede an die Berliner richtete. Der Unterschied ist, dass ich immerhin ein paar Jahre in dieser wunderbaren Stadt verbringen konnte, während er nur auf Stippvisite hier war, für acht oder neun Stunden. Auch daran sieht man: Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, nach Berlin zu kommen, ohne selbst zum Berliner zu werden, egal, wie schnell man wieder weg muss. Aber dieser Auftritt vor dem Schöneberger Rathaus war wirklich eine absolute Großtat, und deshalb freut es mich sehr, dass wir hier in der amerikanischen Botschaft am Pariser Platz in einer Ausstellung diese wunderbaren Schwarz-Weiß-Fotografien seines Besuchs zeigen können, die uns das Kennedy-Museum zur Verfügung gestellt hat.

Was war – aus Ihrer Sicht – das besondere Geheimnis dieses Auftritts?

Der zentrale Satz „Ich bin ein Berliner“ ist eine Legende, an ihn werden sich auch die Amerikaner noch in hundert Jahren erinnern, wenn sie an Kennedy denken. Und das, obwohl er ihn damals gar nicht in seiner Muttersprache Englisch formuliert hat. Das ist doch eine Ironie der Geschichte! Auch Jacqueline Kennedy hat das übrigens so empfunden, was sie 1964, kurz nach der Ermordung ihres Mannes, auch in einem Brief an Willy Brandt schrieb. Diese Rede hat also nicht nur Deutschen oder den Berlinern viel bedeutet, sondern auch den Amerikanern selbst.

Hat es Sie nicht überrascht, wie präsent der Kennedy den Berlinern bis heute ist?

Nein, überhaupt nicht. Aber ich finde es grundsätzlich faszinierend, dass sein politisches Erbe die Menschen weltweit immer noch dazu inspiriert, darüber nachzudenken, was Freiheit und Demokratie bedeuten und sich dann für diese Werte einzusetzen. Man muss Kennedys Rede in Schöneberg im Zusammenhang sehen mit seinem Auftritt in der Frankfurter Paulskirche kurz davor. Kennedy machte hier klar, dass Amerika sich ein freies, vereinigtes und starkes Europa wünscht, ein Europa, das mit einer Sprache spricht und einen gemeinschaftlichen Willen vertritt. Krieg in Europa hätte auch Krieg für Amerika bedeutet. Wer heute über die Bedeutung der Beziehungen zwischen den USA und Europa sprechen will, kann darauf problemlos zurückgreifen. Die Kernaussagen sind auf gewisse Weise immer noch aktuell – und wahr. Daran ändern inhaltliche Diskussionen oder Meinungsverschiedenheiten, wie es sie zwischen Deutschland und Amerika etwa in der Finanzpolitik gibt, nichts.

Was bedeutet Berlin den Amerikanern?

Schauen Sie, Berlin wurde schon zu John F. Kennedys Zeiten als eine – wenn Sie so wollen – amerikanische Stadt gesehen, so eng fühlten die Menschen sich mit ihr verbunden. Kennedys Botschaft „Wir sind bei Euch, wir lassen Euch im Kampf um die Freiheit nicht alleine“ wurde von der überwiegenden Mehrzahl der Amerikaner auf sehr leidenschaftliche Weise geteilt, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Sympathie meiner Landsleute für Berlin ist unglaublich groß. Das zeigen ja auch die Touristenzahlen.

Wie schwer fällt Ihnen nun der Abschied?

Sie glauben gar nicht, wie hart das ist! Die Berliner Jahre haben nicht nur mein eigenes, sondern das Leben der ganzen Familie für immer verändert. Unser Sohn Sam hat fast 40 Prozent seines Lebens in Berlin verbracht, das prägt. Meine Frau Tammy und ich kannten Deutschland schon, weil wir in den 90er-Jahren in Frankfurt am Main gelebt hatten. Aber wir haben dann auch bald gemerkt, dass Frankfurt und Berlin zwei völlig verschiedene Städte sind. Sie sollten sich also nicht wundern, wenn wir bald in privater Mission wieder auftauchen. Wir wollen mindestens zwei Mal im Jahr nach Berlin kommen, allein, um die wunderbaren Freundschaften zu pflegen, die wir gefunden haben.

Eine Berliner Bleibe haben Sie dafür ja bereits gefunden.

Ja, wir haben ein Haus in Grunewald gekauft. Aber das ist weniger für uns gedacht, sondern perspektivisch für die nächsten zehn bis 20 Jahre. Wir haben bei diesem Haus nämlich nicht uns, sondern unsere Kinder im Blick gehabt, die Berlin als Teil ihres Lebens und ihrer Zukunft betrachten. Diesen Traum wollen wir ihnen nicht zerstören.

Welcher Moment hat Sie in Ihrer Amtszeit besonders bewegt?

Mich hat es immer unglaublich bewegt, wenn ich Berliner traf, die sich noch an die Zeit der Luftbrücke erinnern können. Wenn Menschen zu mir kamen, um sich persönlich für das zu bedanken, was meine Vorfahren damals für sie getan haben. Auch vor dem Hintergrund solcher Begegnungen war es mir dann besonders wichtig, mit der jungen Generation in Kontakt zu kommen. Vor 30 Jahren in West-Berlin kam ja kein Jugendlicher an uns vorbei, ob er wollte oder nicht. Ähnliche Erfahrungen können wir nicht mehr voraussetzen, dafür müssen wir jetzt mehr tun, zum Beispiel mit Austauschprogrammen an den Schulen.

Und was war Ihre schwierigste Situation?

Keine Frage, das war die Wikileaks-Affäre. Zweieinhalb Jahre später kann ich ja ganz offen sprechen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das eine der beschämendsten und schlimmsten Erfahrungen meines Lebens war, als diese internen Berichte an die Öffentlichkeit drangen und ich gar nichts dagegen tun konnte. Aber wie heißt es so schön? Was Dich nicht umbringt, macht Dich härter. Die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA sind mittlerweile besser als zuvor. Das ist der entscheidende Punkt.

Ihre letzte große Aufgabe war die Ko-Organisation von Barack Obamas Staatsbesuch in Berlin. Wie fällt Ihr Resümee aus?

Der Besuch von Präsident Barack Obama war der Höhepunkt unserer Zeit in Deutschland. Durch den Besuch wurde die Agenda, die wir als starke transatlantische Partner teilen, klar und prägnant beschrieben. Unsere gemeinsamen Werte haben ihre Wurzeln in unserer gemeinsamen Geschichte. Teil dieser Geschichte ist zweifelsohne der Besuch von John F. Kennedy. Präsident Obama hat diese Geschichte und die Ideale und Emotionen, die sie auslöste, aufgegriffen. Er hat aber auch den Kreis geschlossen und erklärt, warum sie damals wichtig waren, warum sie heute noch immer wichtig sind und was sie für die Zukunft bedeuten.

Welche Tipps können Sie Ihrem Nachfolger John Emerson mit auf dem Weg geben?

Es ist immer besonders schwierig, mit unerwarteten Nachrichten oder Entwicklungen umzugehen. Beispielsweise wurde ich, ebenso wie alle anderen, von Wikileaks überrascht. Auch die lange Diskussion über den Euro habe ich so nicht erwartet. Zweifelsohne wird irgendwann etwas passieren, das auch John Emerson überraschen wird. Ich würde mir wünschen, dass mein Nachfolger die Austauschprogramme fortführt, die meine Vorgänger und ich für wichtig gehalten haben. Es geht darum, jungen Menschen – insbesondere denen mit Migrationshintergrund – die Möglichkeit zu geben, die Vereinigten Staaten zu besuchen oder vorübergehend dort zu leben. Dies ist für die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen von unschätzbarer Bedeutung. Wenn John Emerson Freizeit haben sollte, empfehle ich ihm, Berlin und ganz Deutschland zu erkunden. Es gibt hier so viele schöne Orte und so viele wunderbare Menschen.

>>>Interaktive Analyse der Berlin-Rede von John F. Kennedy<<

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