1998, weniger als ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall, kam Arthur Miller als der erste Gastwissenschaftler der American Academy nach Berlin. Die Stadt befand sich mitten in ihrem ersten Rausch nach dem Kalten Krieg. In Soho und anderen Vierteln Lower Manhattans hatten wir manchmal unerkannt schlendern können, in Berlin war Miller ein Rockstar.

Das Land war informiert über jeden Trend in der amerikanischen Literatur. Kamerateams und die Literaturkritiker folgten ihm auf Schritt und Tritt, ob in die Oranienburger Straße oder am Savignyplatz. Beim Lunch setzten sie sich manchmal an die Nachbartische. Am bezeichnendsten aber war die Frage, die ihm immer und immer wieder gestellt wurde: „Glauben Sie, dass Berlin jetzt wie New York geworden ist?“

Es war eine seltsam realitätsfremde Frage. Aber sie verriet die verzweifelte Sehnsucht, den kosmopolitischen Geist der Vorkriegsjahre wiederzugewinnen, und sie zeugte von der Bewunderung New Yorks als der Inkarnation einer Weltstadt. Das Berlin von 1998 war natürlich alles, nur keine Weltstadt.

Die Verwandlung Berlins ist atemraubend

15 Jahre später allerdings ist die Verwandlung Berlins atemraubend. Amerikaner strömen nun in Rekordzahl hierher. Junge Amerikaner, auch wenn sie keinerlei Bindung an Deutschland haben, kommen und bleiben. Sie wollen Karriere als Künstler oder in Startup-Firmen machen, sie wollen Teil der Technoszene sein. Sie wollen studieren, oder einfach nur die neue Jugend-Subkultur kennenlernen.

In einer Umfrage unter Discjockeys zu den besten Technoklubs weltweit kam das Berghain auf Platz Eins. Fünf weitere Berliner Klubs schafften es in die Liste. Wie in den 20er-Jahren ist Berlin wieder ein Pflichtstopp für jede Europareise geworden, sogar der wichtigste. Und das nicht nur für Sprösslinge wohlhabender Familien. Amerikas Faszination mit Berlin ist allgegenwärtig. Erwähnt man in Texas oder New York, in Berlin zu leben, wird man mit Fragen und Anekdoten überschüttet.

Die kulturelle und intellektuelle Metropole Europas der 20er-Jahre hat Amerikas Berlinbild immer mitbestimmt. Zum Teil deswegen reisten Amerikaner erstmals dorthin. Um die großen modernen Künstler zu sehen, die Flechtheim und Walden ausstellten, und die Avantgarde zu erleben, die Explosion einer Kulturindustrie, die die gesamte internationale Kultur des 20. Jahrhunderts verwandelt hat. Das Berlin der 20er-Jahre war das perfekte Testfeld für Leute mit Zukunftswillen. Es wurde dazu, weil es Menschen anzog, die aus der Provinz und dem Provinziellen ausbrechen wollten.

Anziehungspunkt für Künstler

Berlin zog Künstler weitaus stärker als Paris oder London an, um hier ihre Provinzialität zugunsten der Sensibilität eines urbanen Kosmopolitismus abzustreifen. Intellektualität wurde ein bestimmender Faktor dieser Kunst, ebenso die kritische Aufnahme der fragilen sozialen und wirtschaftlichen Situation. Die Einwanderernation Amerika, stets dabei sich neu zu erfinden, hatte eine natürliche Affinität zu einer Stadt, die Ernst Bloch einmal mit dem Satz beschrieb: „Berlin ist nicht, Berlin wird immer nur.“

In der Nachkriegszeit war Berlins Stellenwert politisch – als Symbol, und als gefährliche Erdbebenspalte zwischen Ost und West. Berlin war eine Hochburg der Spione. Amerikas Bild war geprägt von Billy Wilder und John le Carré, von Filmen und Romanen wie „Eins, Zwei, Drei“ oder „Der Spion, der aus der Kälte kam“. Damals kamen vor allem amerikanischen Polittouristen nach Berlin. Präsident John F. Kennedy hat es verstanden, mit dem Symbol Berlin unseren Blick dafür zu schärfen, was auf dem Spiel stand: Berlin war unser letzter Vorposten der Freiheit.

In Berlin testete der Kreml täglich die westliche Allianz. Berlin zeigte die Entschlossenheit freier Völker, sich einer Diktatur zu widersetzen. Berlin zu verlieren würde heißen, Deutschland zu verlieren, und ohne Deutschland, so sagte eine amerikanische Diplomatin, wäre Europa nur noch „dünnes Schilf im Winde“.

„Die USA standen immer zu Berlin“

Seit Jahrzehnten bewahre ich ein Exemplar der Zeitschrift „Life“ vom 4. August 1961 auf. Der Titel zeigt Präsident Kennedy bei seiner Ansprache zur Berlin-Krise, unter der Überschrift: „Was die Präsidentenrede für Sie bedeutet.“ Was bedeutete die Freiheit Berlins für die Amerikaner? Die Diplomatin Ellen Dulles sagte: „In Berlin haben wir öfter als an jedem anderen Vorposten amerikanischer Außenpolitik den Krieg riskiert.“

Die USA standen immer zu Berlin, aber im Jahrzehnt vor dem Mauerfall war das Interesse an Deutschland abgeklungen und kaum einer hat die Wende vorausgesehen. Als Austauschstudenten absolvierten wir Mitte der 70er-Jahre den obligatorischen Berlinbesuch und ertrugen eine elende „Tosca“ in einer halb leeren Staatsoper Unter den Linden.

Als ich 1988 nach Berlin zog, war es für uns eine Insel, deren Subventionierung einem Doktoranden wie mir ein gutes Auskommen bot – Radiobeiträge, Ausstellungstexte, Philosophieseminare als Lehrbeauftragter. Mein Deutschlandbild erlebte einen Quantensprung am 9. November, als ich gerade ein Seminar vorbereitete und meine Frau mir eine dringende Nachricht beim Institut hinterließ. Die nächsten Wochen verbrachten wir an der Mauer in einer Art zeitlosem Rausch.

Plötzlich lebten wir in historischen Zeiten. Als ich meinen künftigen Schwiegervater Klaus Schütz kennenlernte, war mir zugegebenermaßen, nur Willy Brandt als Berliner Politiker ein Begriff. 1961 ist in unser Gedächtnis als ein Augenblick nuklearer Gefahr eingebrannt, der die wahre Dimension des Kalten Kriegs erkennen ließ.

Mit Blaulicht zur Wahlparty

Deshalb war es für mich sehr bewegend zu erleben, dass Klaus Schütz am Abend der ersten freien Volkskammerwahl darauf beharrte, ich müsse mit ihm zum Interconti fahren. Dort stellte er mich dann Willy Brandt vor. Wir brachen mit Blaulicht zur Wahlparty nach Ost-Berlin auf. Die wurde eine trübe Angelegenheit, in einer gewaltigen Halle mit ockerfarbenen Wänden, niedriger Decke und einem deplatziert wirkenden Ibrahim Böhme.

Präsident Obamas Berlin-Besuch ist historisch und kommt zu einer Zeit, in der die deutsche Öffentlichkeit sich über die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten unsicher ist. Das erstaunt etwas angesichts des Umstands, dass Obama Berlin den Vorzug vor Brüssel, London oder Paris gibt. Amerika erkennt seit langem die Begrenztheit seiner Ressourcen und Gestaltungsmacht in einer Welt voller globaler Probleme an.

Die Herausforderung, mit Mächten wie Russland und China und ihrem ganz anderen historisch gewachsenen Denken eine neue Weltordnung zu schaffen, ist gewaltig. Jede Nation muss seine besonderen Beziehungen hierfür zum Einsatz bringen. Wir sollten keinesfalls Obamas Rede zum Gradmesser des Besuchserfolgs nehmen, sondern das zukünftige Engagement Deutschlands und der USA dafür, gemeinsam in der Welt für Vertrauen und Stabilität zu sorgen. In diesem Geist sind wir alle Berliner.

>>>Interaktive Analyse der Berlin-Rede von John F. Kennedy<<

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