Treffpunkt Kulturbrauerei: Professor Christian Drosten, Virologe an der Berliner Charité und eines der bekanntesten Gesichter der Corona-Pandemie, hat ihn selbst vorgeschlagen, denn er wohnt um die Ecke in Prenzlauer Berg – und hier soll das Foto zum „Berliner des Jahres“ entstehen. Denn das ist Drosten, gekürt von den Leserinnen und Lesern der Berliner Morgenpost und der Jury. „Ich freue mich über die Auszeichnung zum ,Berliner des Jahres‘“, sagt der 48-Jährige und lächelt, trotz der Kälte, trotz des Fototermins am eigentlich arbeitsfreien Sonnabend. „Dass die Auszeichnung von den Leserinnen und Lesern verliehen wird, macht sie für mich besonders bedeutungsvoll.“
Mit Preisen ist der Wissenschaftler in den vergangenen Monaten schon häufig bedacht worden, aber jeder sei ihm wichtig. „Richtig, ich habe in diesem Jahr viele Preise bekommen, aber die sind von ganz unterschiedlicher Bedeutung“, sagt Drosten. „Es waren nicht nur reine Wissenschaftspreise, sondern eine Anerkennung meiner Arbeit in diesem Jahr. Vor allem der Einordnung der Corona-Pandemie.“ Er habe es als sehr positiv empfunden, dass sich die verschiedenen Organisationen mit den jeweiligen Auszeichnungen auch positioniert hätten. So seien die Medienpreise auch „ein Symbol für die Bedeutung der Wissenschaft“. Auch der der Berliner Morgenpost.
Leben von Christian Drosten hat sich verändert
Das Leben von Christian Drosten hat sich im vergangenen Jahr sehr verändert. Vor einem Jahr war er nur in der medizinischen Fachwelt bekannt, zwölf Monate später ist der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité einer der bekanntesten Wissenschaftler in der Corona-Krise.
Drosten, der 2017 aus Bonn nach Berlin kam, wird von vielen geschätzt, weil er die komplizierten Zusammenhänge in der Pandemie so gut erklären kann, sich als Wissenschaftler früh und öffentlich einmischte und auch Auftritte in Talkshows nicht scheute. Dass er zu einem der wichtigsten Politikberater wurde, liegt an seiner Qualifikation, der Reputation seines Arbeitgebers Charité und seinen Forschungen über frühere Corona-Viren. „Es war schon mein anstrengendstes Jahr in meiner beruflichen Zeit“, sagt Drosten.
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Corona-Leugner feinden Christian Drosten an
Aber er wird auch angefeindet – von den Corona-Leugnern, von Menschen, die die Einschränkungen oder den Lockdown für übertrieben halten. Wie geht es ihm damit? „Das trifft einen dann auch persönlich“, gibt Drosten zu. Zum Fototermin in der Kulturbrauerei kommt er in schwarzer Kleidung – und mit Wollmütze. Aber das war auch ein Wunsch des Fotografen.
Und wie beurteilt Drosten die aktuelle Lage, den Streit um die Impfdosen? Hat die Bundesregierung zu wenig bestellt? „Das ist eine Frage, die ich so gar nicht beantworten kann und auch nicht will“, sagt der Virologe. „Das ist so eine komplexe Angelegenheit. Man musste den Impfstoff mit Monaten Vorlauf bestellen – und wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob der betreffende Impfstoff auch funktionieren würde. Es ist jetzt praktisch unmöglich, das im Nachhinein zu bewerten.“
"Ich schaue schon optimistisch auf das neue Jahr"
Und was erwartet er für das neue Jahr? „Ich schaue schon optimistisch auf das neue Jahr, aber ich glaube, dass die erste Jahreshälfte sehr kompliziert werden wird. Es wird sehr viele Diskussionen beispielsweise um Lockerungen oder die Impfung geben“, sagt der 48-Jährige. „Ich glaube, dass es ab der zweiten Jahreshälfte eine Entspannung eintreten könnte, aber nur, wenn man es schafft, ganz viele Personen in den ersten sechs Monaten zu impfen.“
Doch das wird nicht einfach, ist Drosten überzeugt. „Die Herausforderung ist, zwei Dinge, die eigentlich gegeneinander laufen, zu steuern. Wir müssen die Inzidenz nach unten bekommen – und gleichzeitig impfen. Wir werden in eine Situation kommen, wo wir große Teile der Risikogruppen geimpft haben und es dann Kräfte geben wird, die sagen, dass es jetzt keinen Grund mehr gibt für Einschränkungen. Letzteres wird allerdings eine Fehleinschätzung sein, denn wir dürfen grundsätzlich keine sehr hohe Inzidenzen zulassen. Auch nicht bei den Jüngeren.“
Mit Prognosen ist der Wissenschaftler vorsichtig
Mit den Prognosen ist der Wissenschaftler vorsichtig, das neue Jahr hat gerade erst begonnen. „Wir haben zurzeit keine validen Zahlen, weil die Labore über die Feiertage weniger getestet haben, aber auch weil viele Menschen, die krank geworden sind, nicht zum Arzt gegangen sind.“ Man sehe aber am Anteil der positiven Tests, dass die Zahlen derzeit nicht nach unten gingen. „Das ist nicht gut“, so Drosten. „Ob der Lockdown bis in den Februar verlängert werden muss, das kann man heute nicht vorhersagen.“ Vielleicht erlebe man ja eine positive Überraschung. „Wir müssen bis Mitte Januar warten, erst dann kann man die Zahlen bewerten.“
Ein „Pandemie-Erklärer“ mit großer Reichweite
Die ausführliche Begründung der Morgenpost–Jury zur Entscheidung zum Berliner des Jahres Die Leserinnen und Leser der Berliner Morgenpost und die Jury haben entschieden: Christian Drosten ist der „Berliner des Jahres 2020“. Wie kein zweiter habe er zum Wissen über das Coronavirus in Deutschland beigetragen, hieß es zur Begründung. Das gelinge ihm zum einen mit seiner Forschungsarbeit als Leiter des Instituts für Virologie an der Charité, zum anderen als Regierungsberater sowie mit der Vermittlung von Forschungsergebnissen an breite Bevölkerungsschichten.
Sein Podcast im NDR erreicht ein Millionenpublikum. „Professor Drosten hat die Rolle des ,Pandemie-Erklärers’ übernommen, obwohl er nicht gern im Scheinwerferlicht steht und vielen Anfeindungen ausgesetzt war und ist. Er informiert faktenreich und komplex, aber nie schulmeisterlich oder überheblich“, so die Jury weiter. Damit trage er auch wesentlich dazu bei, dass die große Mehrheit der Menschen in diesem Land die Hygieneregeln in der Pandemie einhält und Beschränkungen der persönlichen Freiheit als unumgänglich akzeptiert.
Mit dieser Auszeichnung bekennt sich die Berliner Morgenpost zudem ausdrücklich zum wissenschaftlichen Prinzip. Dieses schließt auch die Revision von Urteilen ein, wenn Forschungsergebnisse dies erfordern sowie das Recht auf Irrtum. Nicht zuletzt verkörpert der Preisträger die Wissenschaftsmetropole Berlin. Die Ehrung ist auch eine Anerkennung, wie sich Wissenschaft in Berlin in den vergangenen Jahren entwickelt hat.
Professor Drosten setzte sich gegen andere Favoriten als Berliner des Jahres 2020 durch. Viele Leser votierten auch für Albrecht Broemme für den Aufbau der Berliner Impfzentren und der Corona-Notfallklinik, für Emmanuelle Charpentier, diesjährige Nobelpreisträgerin für Chemie, für Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des „Fördervereins Berliner Schloss“ sowie für Christiane Feldmann, Intensivmedizinerin im Kreuzberger Vivantes-Klinikum am Urban. Sie wurde stellvertretend für die vielen Berliner und Berlinerinnen nominiert, die derzeit im Gesundheitswesen Großes leisten. (ab)


