Ihr erstes Stethoskop hat sie geschenkt bekommen, als sie gerade 15 Jahre alt war. Mit den Worten: „Das ist genau das richtige für dich.“ Herra Ahmad war damals in der neunten Klasse und Schülerpraktikantin an der Charité in Berlin. In einem weißen Kittel züchtete sie damals Tumorzellen im Forschungslabor für Transplantation. Einmal durfte sie bei einer Lebertransplantation dabei sein. Den Geruch von Eisen und Alkohol hat sie heute noch in der Nase. Sie zieht ihr Gesicht kraus beim Erzählen.
Abgeschreckt hat es sie dennoch nicht. Im Gegenteil. Der Wunsch, Ärztin zu werden, hatte sich nach diesen ersten Erfahrungen noch mehr verfestigt. Heute ist dieser Traum greifbar nah. Dafür hat Herra alles gegeben, vor allem viel gelernt. Für einige Fächer hätte sie sich richtig hinsetzen müssen, sagt das junge Mädchen. Belohnt wurde ihre Mühe mit einem Abi-Durchschnitt von 1,1. Damit steht dem Medizinstudium nichts mehr im Wege. Eines Tages will sie in der Kinderkardiologie arbeiten.
Herra kann es manchmal selbst noch nicht ganz glauben, dass alles so gut lief. Mit einer 1,3 habe sie gerechnet, dann wäre das Medizinstudium Glückssache gewesen. Jetzt aber hat sie in Gedanken schon den weißen Kittel an. Die 19-Jährige sitzt entspannt zu Hause auf dem breiten Sofa, ihre Mutter, ganz stolz, neben ihr. Herras Mutter kam mit acht Jahren aus Indien, ihr Vater als junger Mann aus Pakistan. Beide, so erzählt die Mutter, hätten in Berlin ganz klein mit einem Reishandel angefangen. Heute beschäftigen sie in ihrem Großhandel mit asiatischen und indischen Spezialitäten mehrere Angestellte. „Wir haben es von Indien nach Deutschland geschafft, ihr müsst es weiter bringen“, das haben die Eltern ihren sieben Kindern immer wieder gesagt.
Fehlende Motivation in der Grundschule
Anfangs sah es erst gar nicht so aus bei Herra. Die ersten Jahre habe sie in der Grundschule nicht so die richtige Motivation gehabt, erzählt sie. Der Wendepunkt kam, als sie einmal eine fünf in einer Englisch-Arbeit hatte. „Das war ein Schock und ich wusste, jetzt muss ich etwas machen“, sagt Herra. Obwohl sie im Nachhinein die schlechte Leistung erklären kann. Zu der Zeit war ihr Großvater gestorben, dem sie ganz nah stand, und sie erlebte zum ersten Mal einen Todesfall in der Familie. Das habe sie sehr mitgenommen. Für Herra stand schnell fest, dass sie aufs Gymnasium gehen wollte. Dafür begann sie sich anzustrengen.
Mit einer 1,7 wechselte sie von der Kronach-Grundschule ans Lilienthal-Gymnasium. In der siebten Klasse stand das Herz auf dem Stundenplan. Herra war fasziniert von dem „wichtigsten Organ, das die Lebensgrundlage für alle anderen ist.“ In ihrer riesigen Familie, so erzählt sie, habe es einige Verwandte mit Herzproblemen gegeben. Sie erinnert sich an Gespräche, ob eine Operation zu riskant sei, und ob ein Bypass gelegt werden sollte. Sie unterhielt sich mit befreundeten Ärzten der Familie und erfuhr, dass gerade in der Kinder-Herzchirurgie junger Ärztenachwuchs fehlte. Herra dachte darüber nach. Schon immer hat sie sich um ihre jüngeren Geschwister gekümmert, noch heute macht sie Hausaufgaben mit ihnen. Streng sei sie, erzählt die Mutter. Viele strenger als sie selbst. Auch wenn eins der Kinder krank sei, hörten sie besser auf ihre große Schwester, wenn es um das Einnehmen der Medizin geht.
Für Herra war es fortan beschlossene Sache. Nur kurz hatte sie den Beruf der Lehrerin in Erwägung gezogen. Doch sie wollte mehr aus ihre Begabung für die Naturwissenschaften machen. „In der Medizin kann ich allen Menschen helfen, egal wo sie herkommen, ob sie arm oder reich sind“, sagt die angehende Studentin. Es gebe keine Unterschiede im Krankenhaus.
Ihre Heimat heißt Berlin
Für die junge Frau ist Berlin ihre Heimat, obwohl sie oft in Pakistan und Indien bei Freunden und der Familie zu Besuch sein. Sie mag vor allem Indien, dennoch: Nach einigen Wochen seien alle froh, wieder zu Hause in Lichterfelde zu sein, erzählt sie. Sie spricht die Sprachen der Eltern, in Englisch hat sie mittlerweile das Cambridge Certificate, mit dem sie im Ausland studieren kann. Ihre Freundinnen stammen aus Somalia, Thailand, sie sind Deutsche und Türkinnen.
Auch die Familie ist ein Beispiel von gelebter multikultureller Gemeinschaft. Es gehören Christen, Moslems und Hindus zur Familie, sie sind Deutsche, Inder, Russen und meist durch Heirat dazugekommen. Man gehe in die Kirche, in die Moschee und indische Tempel. Herras Familie ist zum Islam konvertiert, im vergangenen Jahr waren sie in Mekka. Seitdem hat Herra eine Gebets-App. Fünf Mal am Tag ruft der Imam, dann unterbricht sie ihre Aufgaben, wäscht sich die Hände und breitet den Gebetsteppich aus. Auch die Fastenzeit macht sie mit. Ihre Eltern sind offen. Sie halten es mit Goethes Worten: Tiefe Wurzeln und weite Flügel wollen sie allen Kindern mitgeben.
Nach dem Abiball, für den sie schon ein dunkelrotes Kleid mit Goldapplikationen hat, fliegt sie mit ihrem Bruder nach New York. Die Reise haben ihnen die Eltern geschenkt. Dann beginnt das Studium. Bereits heute hat sie den nächsten Traum ins Auge gefasst: Von ihrem Großvater hat sie ein Grundstück in Indien geerbt. Dort möchte sie eines Tages ein Krankenhaus bauen. Sie hat die Zustände in den Krankenhäusern vor Ort auf Reisen erlebt und war erschüttert zu sehen, dass den Ärzten die nötigsten Dinge fehlen. Das will sie ändern: „Ich habe das Gehirn dazu“, sagt Herra. Sie wird auch das schaffen.





