Wer in Berlin die Vereinten Nationen sucht, muss sich nach Wilmersdorf begeben und die Nelson-Mandela-Schule in der Pfalzburger Straße betreten. Mehr als 60 verschiedene Nationen lernen und lehren hier, und so es ist ganz normal, in einem einzigen Klassenraum Schüler und Lehrer aus Australien, Kanada, Ghana, Deutschland, Indien, Frankreich, Brasilien, Kenia, Bulgarien, den USA, Südafrika oder Großbritannien anzutreffen – um nur eine kleine Länderauswahl zu nennen. Im Jahr 2000 wurde die NMS vom Senat als internationale Schule mit Grundstufe und gymnasialer Oberstufe vor allem für Kinder von Diplomaten gegründet, heute ist sie Unesco-Projektschule, Mitglied des European Council of International Schools sowie der International Baccalaureate Organisation. Als einzige staatliche Schule Berlins bietet sie das Internationale Baccalaureat (IB) an, die internationale Version des deutschen Abiturs, bei dem die Prüfungen ausschließlich schriftlich und in Englisch abgenommen werden.

Englisch und Deutsch sind die „Amtssprachen“, doch aufgrund der Internationalität wird zumindest auf dem Schulhof und untereinander fast ausschließlich Englisch gesprochen. Cordelia Premkumar und Charles Spiller sind „Mom“ and „Dad“ des IB-Bereiches, den das indisch-amerikanische Duo ebenso liebevoll aufgebaut hat und wie es ihn als Koordinatoren-Team betreut. „Wir sehen und fühlen uns als eine große Familie“, sagt die in Madras geborene Biologie-Professorin. Die Freude an ihrer Arbeit mit einer globalen Schülerschar schwingt in jedem ihrer Worte mit. Rund 60 durchlaufen das IB derzeit, darunter Renzo Jacobson. Seit vier Jahren ist er in Berlin, 2014 will der 17-Jährige an der Nelson-Mandela-Schule seinen Abschluss machen. Sein Ziel hat er schon klar definiert: „Marketing“. „Geboren wurde ich in Südafrika. Meine Mutter hat für dpa gearbeitet, deswegen sind wir viel herumgekommen – Irland, Israel und jetzt Berlin.“

Weltoffenheit als hohes Gut

Jonas Ivinstzis ist halb Deutscher und halb Litauer, seine ersten Lebensjahre aber verbrachte er in den USA. „Im Alter von sechs oder sieben Jahren sind meine Eltern mit mir zurück nach Berlin gezogen, weil ich überhaupt kein Deutsch konnte, es aber lernen sollte. Für das IB habe ich mich entschieden, um später im Ausland studieren zu können.“ Auch der 18-Jährige hat feste Vorstellungen von seiner beruflichen Zukunft, die er in der Wirtschaft, vor allem im Businessmanagement sieht.

Frederick Woll dagegen wurde in Brüssel geboren, ist aber Deutscher. „Ich bin immer zwischen London und Berlin gependelt“, erzählt er. „Bis zum fünften Lebensjahr war ich London, dann einige Jahre in Berlin, zwischen elf und 15 wieder in London und seitdem wieder in Berlin. Mein Vater ist Journalist“, erklärt der 17-Jährige das Hauptstadt-Hopping. Das IB legt er ab, weil er den hohen Anforderungen gewachsen ist. Zur Erfüllung seines Berufswunsches bräuchte er es nicht – auch nicht das deutsche Abitur: „Ich möchte Elektriker werden.“

Dem als Sohn eines Deutschen in Sri Lanka geborenen Chirantha Busch dagegen kann das IB schon zum Traumjob verhelfen. Der 15-Jährige will unbedingt in den Bereich der Luft- und Raumfahrt: In Berlin ist er erst seit einem Jahr, aber über die Schule sei es leicht, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen. „Die Menschen sind hier wirklich sehr freundlich.“

Die Weltoffenheit der NMS und das vermittelte Toleranz- und Völkerverständigungsdenken sind Werte, die Raoul Du Preez hervorhebt. „Ich war zuvor an einer anderen Schule in Berlin, hatte dort Integrationsschwierigkeiten und bin gemobbt worden“, erzählt der 18jährige gebürtige Kapstädter. Das Familien-Gefühl an der NMS schätzt er ebenso wie die vermittelte Sozialkompetenz, den Wertekanon von Toleranz, Völkerverständigung und Umweltbewusstsein sowie die globale Betrachtungsweise von Zusammenhängen.

Die Schüler sollen überall zurechtkommen können

Sie soll die Schülern befähigen, später als verantwortungsvolle Menschen „überall auf der Erde zurechtzukommen und diese positiv zu verändern“, wie die Schule ihren Anspruch an sich selbst formuliert. Es sei schon manchmal schwierig, wenn der beste Freund plötzlich die Schule verlässt und in ein anderes Land ziehe, so Raoul Du Preez, der Medizin studieren möchte. „Aber wir lernen hier, ’International People‘ zu werden, und es gibt ja Internet, Skype und all das, um in Kontakt zu bleiben.“

Zum Beispiel mit Cordelia Premkumar, die unter anderem über Facebook mit vielen ihrer ehemaligen Schützlinge in Verbindung bleibt. „Sie erzählen, was sie machen oder fragen auch mal um Rat. Das ist wunderbar, ich bin wirklich sehr, sehr stolz auf alle meine Schüler“, sagt sie.