Wenn die Steine fliegen, ist es in den Mannschaftswagen laut. Sehr laut sogar. Wirklich gefährlich ist es aber nicht. Denn das Blech der Karosserie und die Gitter an den Fenstern schützen die Beamten vor dem Wurfgeschoss-Regen. Brenzlig, sogar im Wortsinne, wird es dagegen, wenn sich ein lodernder „Molotowcocktail“ am Außenspiegel verhakt. Dann sollten die Einsatzkräfte an sich selbst denken – und die Flucht ergreifen.

Einer, der mehrfach in dieses Unwetter steuerte, ist Michael Gassen. Zum ersten Mal mit 21 Jahren als junger Polizist am 1. Mai 1987 – dem ersten Jahr, in dem das Gebiet des früheren Kreuzberger Postzustellbezirks SO36 am „Tag der Arbeit“ zur Kampfzone wurde. „Wir waren damals völlig unvorbereitet und wurden von der Gewaltwelle überrascht“, erinnert sich Gassen.

Der junge Polizist kam damals aus Schöneberg. In Kreuzberg sollte er festgenommene Randalierer einsammeln. Als er an der Skalitzer, Ecke Wiener Straße eintraf, zeigte sich das ganze Ausmaß der Krawalle. Umgestürzte Autos, geplünderte Geschäfte, die Straßen übersät mit Pflastersteinen und überall brennende Barrikaden. Kollegen suchten unter der U-Bahntrasse Schutz. Die Festgenommen, die Michael Gassen mitnehmen sollte, passten nicht alle in die „Wanne“, wie der Polizeiwagen umgangssprachlich heißt. Kurz: Es herrschte Anarchie. Der Staat hatte kapituliert.

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Das Kreuzberg, in dem Michael Gassen und seine Kollegen an jenem 1. Mai 1987 um ihre körperliche Unversehrtheit, einige sogar um ihr Leben fürchten mussten, war ein anderes als der angesagte Innenstadtkiez heutiger Tage. Es war die Heimat der Künstler und Kreativen, der Wehrdienstverweigerer aus Westdeutschland, vor allem aber der Zufluchtsort alle jener, deren Geld für eine Wohnung in einem besser situierten Stadtteil nicht ausreichte. SO36, das war der Stadtteil der Arbeiter und Arbeitslosen, der „Gastarbeiter“ – aber auch ein Rückzugsort für Linke und Linksradikale, die die materielle Not nicht durch Transferleistungen und Sozialarbeiter gelindert sehen wollten, sondern durch einen radikalen Systemwechsel: die Revolution.

Die lange Nacht, in der „Bolle“ brannte

Zum Symbol jener Nacht, die eine lange und oft mystifizierte, vor allem aber äußerst gewalttätige Tradition begründen sollte, wurden die Bilder eines ausgebrannten „Bolle“-Marktes an der Skalitzer, Ecke Wiener Straße. Die Ironie, die sich erst Jahre später herausstellte: Der Laden wurde nicht von „Autonomen“ angezündet – sondern von einem gänzlich unpolitischen Feuerteufel.

Auslöser für den Gewaltexzess an jenem 1. Mai 1987 war eine morgendliche Hausdurchsuchung im Mehringhof an der Gneisenaustraße. In dem linken Zentrum wurde der Protest gegen die Volkszählung organisiert. Dass die Polizei hier eindrang, machte in der linken Szene schnell die Runde – und wurde als Provokation gewertet. Als die Polizei nach Scharmützeln mit Demonstranten ein Straßenfest in Kreuzberg auflöste, begannen die Ausschreitungen.

Auch Feuerwehrmann Dirk Podzuweit hat den 1. Mai 1987 noch gut in Erinnerung. Für den damals 19-Jährigen war es das erste Jahr auf der Wache in Kreuzberg. Er und sein Trupp wurden damals zu einem brennenden Bagger gerufen. „Als wir vor Ort ankamen, sahen wir die Demonstranten. Die Polizei musste uns den Weg freiräumen. Als wir den Bagger löschen wollten, wurden wir sofort mit Steinen attackiert“, erinnert sich der Berliner. Die Feuerwehrmänner suchten hinter einem Glascontainer Schutz. „Das muss man sich wie im Western vorstellen“, sagt Podzuweit. Polizei und Feuerwehr mussten schließlich den Rückzug antreten. Der zurückgelassene Wagen wurde von den Randalierern später angezündet.

So war der 1. Mai 2016 in Bildern:

1. Mai in Berlin

Zehntausende Berliner sind bei Frühlingssonne am Sonntag zum „Myfest“ in Kreuzberg gekommen.
Zehntausende Berliner sind bei Frühlingssonne am Sonntag zum „Myfest“ in Kreuzberg gekommen. © Jörg Krauthöfer
Auf den Straßen und Plätzen sind viele Familien unterwegs.
Auf den Straßen und Plätzen sind viele Familien unterwegs. © Getty Images | Carsten Koall
In den Parks haben es sich viele junge Leute gemütlich gemacht.
In den Parks haben es sich viele junge Leute gemütlich gemacht. © Getty Images | Carsten Koall
Wer etwas anderes als Zuckerwatte essen möchte, findet reichlich Gegrilltes am Straßenrand.
Wer etwas anderes als Zuckerwatte essen möchte, findet reichlich Gegrilltes am Straßenrand. © Getty Images | Carsten Koall
Der 1. Mai hat auch viele Künstler nach draußen gelockt.
Der 1. Mai hat auch viele Künstler nach draußen gelockt. © Getty Images | Carsten Koall
Den Feuerkünstlern wird es bei dem sonnigen Wetter besonders warm.
Den Feuerkünstlern wird es bei dem sonnigen Wetter besonders warm. © Getty Images | Carsten Koall
Am Nachmittag ist die Stimmung munter und friedlich.
Am Nachmittag ist die Stimmung munter und friedlich. © Getty Images | Carsten Koall
Die Auslastung des Versammlungsgeländes liege bei bis zu 100 Prozent, sagte ein Sprecher der Polizei am Sonntagnachmittag.
Die Auslastung des Versammlungsgeländes liege bei bis zu 100 Prozent, sagte ein Sprecher der Polizei am Sonntagnachmittag.© dpa | Kay Nietfeld
Die absolute Zahl an Besuchern könne nicht beziffert werden, es seien aber mehrere Zehntausend, so ein Sprecher der Polizei.
Die absolute Zahl an Besuchern könne nicht beziffert werden, es seien aber mehrere Zehntausend, so ein Sprecher der Polizei. © Getty Images | Carsten Koall
Überall in Kreuzberg wird getanzt und musiziert.
Überall in Kreuzberg wird getanzt und musiziert. © Jörg Krauthöfer
Zwischen den Musikern wird immer wieder Bier und Sekt verkauft.
Zwischen den Musikern wird immer wieder Bier und Sekt verkauft. © Jörg Krauthöfer
Auch ohne Instrumente kann man auffallen. Zum Beispiel mit Kostüm und Einrad.
Auch ohne Instrumente kann man auffallen. Zum Beispiel mit Kostüm und Einrad. © dpa | Kay Nietfeld
Als Jongleur auf einem Einrad hat man eine gute Sicht über die Massen.
Als Jongleur auf einem Einrad hat man eine gute Sicht über die Massen. © dpa | Kay Nietfeld
Bei zehntausenden von Menschen reichen die wenigen Mülleimer nicht aus.
Bei zehntausenden von Menschen reichen die wenigen Mülleimer nicht aus. © Jörg Krauthöfer
Bei 18 Grad lässt es sich besonders entspannt feiern.
Bei 18 Grad lässt es sich besonders entspannt feiern. © dpa | Kay Nietfeld
Da zieht mancher Mayfest-Gast auch sein Oberteil aus.
Da zieht mancher Mayfest-Gast auch sein Oberteil aus. © dpa | Kay Nietfeld
Andere Besucher schieben zwischen Bier und Tanz ein kleines Schläfchen ein.
Andere Besucher schieben zwischen Bier und Tanz ein kleines Schläfchen ein. © dpa | Kay Nietfeld
Ramona Pop, die Vorsitzende der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus in Berlin, spricht mit Polizisten.
Ramona Pop, die Vorsitzende der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus in Berlin, spricht mit Polizisten. © dpa | Maurizio Gambarini
Auch die kleinsten Besucher lassen sich von lauter Musik nicht am Schlafen stören.
Auch die kleinsten Besucher lassen sich von lauter Musik nicht am Schlafen stören. © dpa | Kay Nietfeld
Weniger entspannt geht es auf den Demonstrationen zu, die traditionell die Maifeierlichkeiten begleiten.
Weniger entspannt geht es auf den Demonstrationen zu, die traditionell die Maifeierlichkeiten begleiten. © Ulrich Kraetzer
Die Teilnehmer haben ihre Forderungen auf große Plakate und Banner geschrieben.
Die Teilnehmer haben ihre Forderungen auf große Plakate und Banner geschrieben. © Jörg Krauthöfer
Andere Demonstranten tragen Schilder.
Andere Demonstranten tragen Schilder. © dpa | Maurizio Gambarini
Trotz Verbots laufen die Demonstranten die Oranienstraße entlang.
Trotz Verbots laufen die Demonstranten die Oranienstraße entlang. © REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Linke Gruppen demonstrieren  unter dem Motto "Grenzenloser Widerstand - gegen Krieg und Kapital - für die soziale Revolution weltweit".
Linke Gruppen demonstrieren unter dem Motto "Grenzenloser Widerstand - gegen Krieg und Kapital - für die soziale Revolution weltweit". © dpa | Kay Nietfeld
Vermummte Teilnehmer haben Bengalisches Feuer gezündet.
Vermummte Teilnehmer haben Bengalisches Feuer gezündet.© dpa | Maurizio Gambarini
Die Luft über den Demonstranten ist voller Rauch.
Die Luft über den Demonstranten ist voller Rauch. © dpa | Maurizio Gambarini
Ein Vermummter wirft bei der Demonstration mit Steinen.
Ein Vermummter wirft bei der Demonstration mit Steinen. © dpa | Kay Nietfeld
Es kommt zu Flaschen- und Steinwürfen.
Es kommt zu Flaschen- und Steinwürfen. © dpa | Kay Nietfeld
Die Polizisten versuchen die Flaschenwerfer zu erreichen. Dabei fällt eine Frau zu Boden.
Die Polizisten versuchen die Flaschenwerfer zu erreichen. Dabei fällt eine Frau zu Boden. © dpa | Kay Nietfeld
Vermummte sind auf ein Dach geklettert.
Vermummte sind auf ein Dach geklettert.© dpa | Maurizio Gambarini
Mehrere Menschen werden verletzt.
Mehrere Menschen werden verletzt. © dpa | Kay Nietfeld
Nach den Flaschen- und Steinwürfen hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen.
Nach den Flaschen- und Steinwürfen hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen.© dpa | Kay Nietfeld
Am Rande der Demonstration feiern die Menschen weiter.
Am Rande der Demonstration feiern die Menschen weiter. © Jörg Krauthöfer
Nach den vereinzelten Flaschen- und Steinewürfen ist es wieder friedlich.
Nach den vereinzelten Flaschen- und Steinewürfen ist es wieder friedlich. © Jörg Krauthöfer

Ein Jahr später, 1988, wurde die „Revolution“ institutionalisiert. Die autonome Szene, entstanden aus der Hausbesetzerbewegung der frühen 80er-Jahre, organisierte die erste „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“. Das erklärte Ziel, an die anarchischen Zustände des Vorjahres anzuknüpfen, erreichten die Militanten ohne Probleme. Michael Gassen und seine Kollegen konnten sich, anders als 1987, zwar auf den Tag vorbereiten. Doch in diesem wie auch in folgenden Jahren fehlte ein schlüssiges Konzept für den Einsatz – und die Anwohner, die Arbeiter und Arbeitslosen, die „einfachen Leute“, die von der herbeigesehnten Revolution doch angeblich profitieren sollten, mussten von nun an mit ansehen, wie die selbst ernannten Befreier der Arbeiterklasse, in ihrem Stadtteil randalierten.

„Am 1. Mai 1989 wurde es noch schlimmer“, erinnert sich Michael Gassen. Damals wollte der neue Senat aus SPD und dem Grünen-Vorgänger „Alternative Liste“ auf die Demonstranten zugehen und setzte auf Deeskalation. Doch die folgenden Krawalle überstiegen das Ausmaß von 1987 bei weitem. Die Bilanz: Mehr als 340 verletzte Polizisten, ein Millionenschaden – und die Erkenntnis, dass die Deeskalationsstrategie krachend gescheitert war.

In den folgenden Jahren und sogar Jahrzehnten gehörten die Krawalle am 1. Mai zu Berlin – wie die Siegessäule, das Brandenburger Tor oder der Alexanderplatz. „Aufgestaute Wut, die einfach raus muss“, erschallte es von den Lautsprecherwagen der linksmilitanten Szene. „Fuck the police! Dies ist ein Arbeitsauftrag für den heutigen Abend“, schrien die Einpeitscher in die Mikrofone. Nach dem Mauerfall weitete sich die Kampfzone vorübergehend auch in den Osten der Stadt aus. Am Mauerpark krachte es nun regelmäßig schon in der Walpurgisnacht. Am 1. Mai gerieten Polizei und Autonome auch am Boxhagener Platz in Friedrichshain oder am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg aneinander.

Mit dem „Myfest“ nahmen die Krawalle in Kreuzberg ab

Die Gewalt am 1. Mai, sie wurde zum Ritual, sie wurde berechenbar. Umso unverständlicher erscheint es im Rückblick, dass die Beamten die Ausschreitungen nicht in den Griff bekam. In den 90er-Jahren versuchte es die Polizei unter der politischen Führung der CDU-Senatoren Jörg Schönbohm und Eckart Werthebach mit Härte. Wer sich die Fernsehbilder aus der damaligen Zeit anschaut, bekommt es mit der Angst zu tun. Denn nicht nur die Autonomen waren wenig zimperlich. Auch die Beamten prügelten mitunter auf bereits am Boden liegende Demonstranten ein, die sich offenkundig längst nicht mehr wehren konnten.

Gastronomen berichten, dass in ihre Kneipen in dieser Zeit erst mit Blut verschmierte Vermummte eindrangen – und Polizisten mit Schlagstöcken dem Mobiliar anschließend den Rest gaben. Einsatztaktisch war das martialische Auftreten der Beamten genauso sinnlos wie die aggressive Rhetorik der verantwortlichen Politiker. Schlimmer noch: Die Linksmilitanten fühlten sich dadurch herausgefordert – und die Leidtragenden waren wieder die Anwohner.

Am kommenden Wochenende jähren sich die Mai-Krawalle nun zum 30. Mal. Aber kann man überhaupt noch von Krawallen sprechen? Nein, im Vergleich zu früher ist es ruhig geworden am 1. Mai in Kreuzberg. Viel ruhiger sogar – und zugleich deutlich lauter. Denn von den Bühnen des „Myfest“ – die deutsch-englische Wortschöpfung lässt sich wahlweise als „Mein Fest“ oder als „Mai-Fest“ interpretieren – dröhnen nun schon seit 2003 ohrenbetäubende Punk- oder Hip-Hop-Sounds, türkische Volksmusik oder, etwas seltener, melodiöser Pop.

Und die Revolution? Die brennenden Autos und das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Krawallos und Polizei? Die wurde von der Pogo tanzenden Menge, den Köfte verkaufenden Familienvätern und den Caipirinha-beseelten Touristen mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt.

So war der 1. Mai 2016 im Video:

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Partys und Demos - der 1. Mai im Video

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    Der Mann, der entscheidend dazu beigetragen hat, dass die Kreuzberger am 1. Mai nicht mehr ihre Fenster verrammeln und in andere Stadtteile oder ins Umland flüchten müssen, sondern am Tag der Arbeit das für Kreuzberg trotz aller Probleme so typische Miteinander zelebrieren können, heißt Halis Sönmez, ist von kräftiger Statur, und wirkt so, als könnte er Probleme jeglicher Art mit seiner einnehmenden Art und seinem Charme einfach weglachen.

    In Kreuzberg lebt Halis Sönmez schon seit 1970 und als hier, in seinem Kiez rund um den Heinrichplatz, am 1. Mai 1987 zum ersten Mal Steine auf Polizisten flogen, saß er im ausgebrannten Bolle-Supermarkt und trank Cola. „Ich bin Jahre lang bei der Revolutionären 1.-Mai-Demo mitgelaufen“, sagt Sönmez. Die sozialen Probleme im Kiez, die Immobilienbesitzer, die ihre Häuser in den 80er-Jahren trotz Wohnungsnot leer stehen ließen, weil sie auf höhere Grundstückspreise spekulierten, die Verdrängung alteingesessener Bewohner: All das habe ihn geärgert, es ärgere ihn immer noch. Deswegen ist er damals auf die Straße gegangen, deswegen hat er Häuser besetzt, deswegen kann er viele Anliegen, die die Organisatoren der „Revolutionären 1.-Mai-Demo“ vertreten, bis heute teilen.

    Früh schon, eigentlich schon 1987, hat Halis Sönmez aber auch bemerkt, dass viele, die sich im Schutz der Dunkelheit mit der Staatsmacht anlegen wollten, kein Interesse an Politik, wohl aber an Nervenkitzel, Revolutionsromantik und Krawall hatten. Gegen Ende der 90er-Jahre hätten Demonstranten der ersten Stunde, die das Getöse um den „Kampf um die Straße“ längst satt hatten, erlebt, dass auch ihre Kinder Jagd auf Polizisten machten. Einige hätten womöglich Beamte verletzt, andere seien selbst mit blutenden Köpfen nach Hause gekommen. „Das war der Moment, in dem mir und vielen anderen klar wurde, dass es so nicht weitergehen konnte“, sagt Sönmez.

    In seiner Wohnung am Heinrichplatz habe er dann, damals vor dem 1. Mai 2003, die Idee für das Myfest entwickelt. Die Kreuzberger sollten nicht mehr kapitulieren und vor dem Krawallritual in andere Stadtteile flüchten, sondern sich ihren Kiez zurückholen. Über Politik reden, aber auch feiern, zeigen, dass sich Solidarität nicht mit Steinwürfen ausdrücken lässt, sondern auch mit Musik und Kultur, und dass einem Arbeitslosen mehr damit gedient ist, wenn er beim Köfte-Verkauf Geld verdienen kann, als wenn in seinem Hausflur die Mülltonnen brennen. Das war die Idee des Myfestes.

    Als Sönmez und seine Crew das Myfest im Jahr 2003 zum ersten Mal veranstalteten, traute sich kaum ein Anwohner auf die Straße. Kuchen und Tee verkaufen, wenn schwarz vermummte Gestalten mit Brandsätzen um die Häuser ziehen? „Beim ersten Fest musste ich sogar meine eigene Familie zwingen, einen Stand aufzubauen,“ sagt Halis Sönmez.

    Verkauft mal was, habe er gesagt. Tagsüber habe das gut funktioniert. Als die Dämmerung einbrach, hätten seine Frau und die Kinder dann aber doch vor den Krawallen fliehen müssen. Aber der Anfang war gemacht. Im nächsten Jahr hätten schon deutlich mehr Anwohner mitgemacht, sagt Halis Sönmez. Und ab 2005 hätten die meisten, mindestens bis zum späteren Abend, auch keine Angst mehr gehabt. „Die Leute hatten von den Krawallen die Schnauze voll und haben beim Myfest dann auch Spaß gehabt.“

    An diesem Nachmittag, rund eine Woche bevor das Myfest den Kiez rund um die Oranienstraße zum mittlerweile 15. Mal in eine Musik-, Kultur- und, ja, auch in eine Partymeile verwandelt, steht Halis Sönmez in einem Zimmer im ersten Stock des Kreuzberger Rathauses in der Yorckstraße und weist die Anwohner, die das Glück hatten, eine der begehrten Standgenehmigungen für das Myfest zu erhalten, in letzte Details ein. Nur, wer auch im Gebiet des Myfestes wohne, dürfe beim Myfest etwas verkaufen, sagt Sönmez. Zwölf Euro müssten die Standbetreiber bezahlen, eine Art Bearbeitungsgebühr, die der Bezirk erhebt.

    Es gibt auch öffentliche finanzielle Unterstützung: In diesem Jahr sind es 185.000 Euro. Davon zahlt die Crew den Sicherheitsdienst, die Sanitäter, die Reinigung, den Brandschutz und die Technik für die Musikbühnen. Und was bekommen Halis Sönmez und seine Leute für die ganze Arbeit? „Wir machen das ehrenamtlich“ sagt Sönmez und lacht wieder einmal. Wenn man ihm so zuhört und wenn man sich dabei vergegenwärtigt, wie das Myfest die gewalttätige Historie des 1. Mai verändert hat – dann fragt man sich, warum eigentlich noch niemand diesen Mann für das Bundesverdienstkreuz oder zumindest eine förmliche Ehrung des Landes Berlin vorgeschlagen hat.

    Linksautonome lehnen Gespräche mit der Polizei ab

    Marko Lorenz würde Sönmez wohl nicht für eine solche Ehrung vorschlagen. Denn das Myfest ist für ihn nicht viel mehr als eine Fress- und Saufmeile, nichts anderes als der Versuch des „Systems“, den Tag der Arbeit zu entpolitisieren und aus den legitimen Aufruf zur Revolution in einem konsumistischen Brei aus Mojito, Bockwurst und Volksbelustigungsmusik zu ersticken.

    Marko Lorenz heißt eigentlich anders, aber seinen wahren Namen – das gehört zur Folklore in der linksautonomen Szene – will er nicht verraten. Er fungiert in diesem Jahr als Sprecher des Bündnisses, das die Revolutionäre 1.-Mai-Demo organisiert. Auf eine offizielle Anmeldung haben die Initiatoren verzichtet. „Das bringt nichts“, sagt Lorenz. Und: „Wir hatten auf die Kooperationsgespräche mit der Polizei einfach keine Lust“.

    Ob die Route der Demo, sie startet um 18 Uhr auf dem Oranienplatz, auch in diesem Jahr über das Myfest führen soll, wollen Lorenz und die anderen Demo-Initiatoren in der nächsten Wochen sagen. Schlimm wäre das nicht. Denn auch im letzten Jahr zogen einige hundert meist junge „Revolutionäre“, viele in schwarzen Kapuzenpullis, einige Hundert Meter über das Myfest. Böller knallten und „Anticapitalista“-Rufe ertönten, vielleicht sollte das aufrührerisch wirken. Doch die Myfest-Besucher machten Platz oder schlossen sich dem Demozug an.

    Halis Sönmez stört es ohnehin nicht, wenn die „Revolutionäre“ durch das Myfest laufen. Er findet es sogar ganz gut, überlässt den Organisatoren des Bündnisses zum Start ihrer Demo um 18 Uhr sogar für einige Minuten eine der Myfest-Bühnen. Er hat ja nichts gegen die Demonstranten, unterstützt einige ihrer politischen Botschaften sogar, will aber eben nicht, dass sich aus dem Demo-Zug oder im Anschluss daran, Krawalle entwickeln.

    Dass die Ausschreitungen in den vergangenen Jahren, im Vergleich zu früher jedenfalls, meist kaum noch der Rede wert waren, ist auch einem Erkenntnisgewinn der Polizei und der Politik zu verdanken. Statt sich auf das Katz-und-Maus-Spiel mit Steineschmeißern einzulassen, setzen Innenverwaltung und Polizeiführung mittlerweile auf eine Doppelstrategie. Straftaten werden gezielt mit der Videokamera festgehalten und Übeltäter beweissicher aus dem Verkehr gezogen, so dass sie vor Gericht auch mit empfindlichen Strafen rechnen müssen. Provokationen lassen die Beamten aber an sich abperlen. Solange es nicht kracht, halten sie sich im Hintergrund.

    „Wir stecken sehr viel Arbeit in die Prävention“, sagt auch Michael Gassen, der mittlerweile in der Pressestelle der Behörde arbeitet und auch dieses Jahr wieder im Einsatz ist. Heute reicht die Palette von Ständen auf Straßenfesten über Anti-Gewalt-Projekte bis zur Einbindung von Anwohnern und Gewerbetreibenden. „Über die Jahre haben wir eine deutliche Veränderung festgestellt. Die Gewaltspirale wurde durchbrochen.“ Einziger Unsicherheitsfaktor: der G-20-Gipfel im Juli in Hamburg, für den die linke Szene bereits mobilisiert. In den Sicherheitsbehörden ist man sich uneins darüber, was das für Auswirkungen für den 1. Mai hat: Entweder bleibt es besonders ruhig, weil sich alles auf Hamburg konzentriert – oder Berlin wird zum Probelauf für radikale Linke. Sofern die Kreuzberger, die am 1. Mai lieber Punkmusik hören oder zu türkischer Volksmusik tanzen wollen, das nicht zu verhindern wissen.

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