Natürlich kann man auch dieses Myfest fürchterlich finden. Zigtausende Feiernde vor der Haustür, Grillschwaden auf den Straßen, laute Musik bis in den Abend, Müll und Dreck. Aber insgesamt hat die Schrumpfkur des Jahres 2016 der Veranstaltung gutgetan. Weniger Stände, weniger Bühnen, weniger Kommerz, weniger Stress. Dafür mehr Platz, mehr Auslauf, mehr Sicherheitsgefühl – und auch mehr Politik.
Wer dem Fest den politischen Charakter abspricht, war noch nie auf dem Mariannenplatz, wo fast jede linke Gruppierung vertreten ist und um Aufmerksamkeit wirbt. Und wenn eine Muslima mit Kopftuch selbstbewusst rappt und sprachlich elaboriert darlegt, warum sie das umstrittene Textil aus freiem Willen trägt und dass man sie deshalb nicht herabwürdigen sollte, dann ist das gerade in den Zeiten erregter Islamkritik eine überaus politische Aktion.
1. Mai in Berlin
Wohl nur in Kreuzberg wird das Mädchen mit Kopftuch von einer gepiercten Punkerin gegen Anwürfe verteidigt. Tatsächlich kann man den ganzen Kreuzberger 1. Mai als ein politisches Statement betrachten, wenn fast zeitgleich die AfD den „links-rot-grünen Siff“ zum Feindbild erklärt. Gar nicht zu reden davon, wie viele Menschen aus aller Welt sich friedlich amüsiert haben.
Der eingeschlagene Weg ist also richtig. Deswegen sollten es Bezirksamt, Innensenator, Polizei und Veranstalter nicht wieder so weit kommen lassen, dass die Veranstaltung monatelang auf der Kippe steht. Es wäre absurd, ein derart erfolgreiches Fest abzusagen. Sicher ist einiges am Konzept zu feilen. Mehr Raum für politische Diskussionen jenseits von Statements wäre schön. Ladeninhaber besser in das Geschehen einzubeziehen, würde die Stimmung heben bei denjenigen, die sowieso nur das Gewinninteresse einer überschaubaren Clique hinter dem Myfest wittern.
Aber das Myfest steht exemplarisch für die Entwicklung in Berlin. Eigentlich finden wir solche Straßenfeste, gerne auch politische, gut und gehen hin. Aber irgendwie kommen inzwischen immer so viele Menschen, Touristen gar oder Brandenburger, dass wir uns auch wieder nicht wohlfühlen. Es hilft aber nichts: Das muss man aushalten.




































