Natürlich kann man auch dieses Myfest fürchterlich finden. Zigtausende Feiernde vor der Haustür, Grillschwaden auf den Straßen, laute Musik bis in den Abend, Müll und Dreck. Aber insgesamt hat die Schrumpfkur des Jahres 2016 der Veranstaltung gutgetan. Weniger Stände, weniger Bühnen, weniger Kommerz, weniger Stress. Dafür mehr Platz, mehr Auslauf, mehr Sicherheitsgefühl – und auch mehr Politik.

Wer dem Fest den politischen Charakter abspricht, war noch nie auf dem Mariannenplatz, wo fast jede linke Gruppierung vertreten ist und um Aufmerksamkeit wirbt. Und wenn eine Muslima mit Kopftuch selbstbewusst rappt und sprachlich elaboriert darlegt, warum sie das umstrittene Textil aus freiem Willen trägt und dass man sie deshalb nicht herabwürdigen sollte, dann ist das gerade in den Zeiten erregter Islamkritik eine überaus politische Aktion.

1. Mai in Berlin

Zehntausende Berliner sind bei Frühlingssonne am Sonntag zum „Myfest“ in Kreuzberg gekommen.
Zehntausende Berliner sind bei Frühlingssonne am Sonntag zum „Myfest“ in Kreuzberg gekommen. © Jörg Krauthöfer
Auf den Straßen und Plätzen sind viele Familien unterwegs.
Auf den Straßen und Plätzen sind viele Familien unterwegs. © Getty Images | Carsten Koall
In den Parks haben es sich viele junge Leute gemütlich gemacht.
In den Parks haben es sich viele junge Leute gemütlich gemacht. © Getty Images | Carsten Koall
Wer etwas anderes als Zuckerwatte essen möchte, findet reichlich Gegrilltes am Straßenrand.
Wer etwas anderes als Zuckerwatte essen möchte, findet reichlich Gegrilltes am Straßenrand. © Getty Images | Carsten Koall
Der 1. Mai hat auch viele Künstler nach draußen gelockt.
Der 1. Mai hat auch viele Künstler nach draußen gelockt. © Getty Images | Carsten Koall
Den Feuerkünstlern wird es bei dem sonnigen Wetter besonders warm.
Den Feuerkünstlern wird es bei dem sonnigen Wetter besonders warm. © Getty Images | Carsten Koall
Am Nachmittag ist die Stimmung munter und friedlich.
Am Nachmittag ist die Stimmung munter und friedlich. © Getty Images | Carsten Koall
Die Auslastung des Versammlungsgeländes liege bei bis zu 100 Prozent, sagte ein Sprecher der Polizei am Sonntagnachmittag.
Die Auslastung des Versammlungsgeländes liege bei bis zu 100 Prozent, sagte ein Sprecher der Polizei am Sonntagnachmittag.© dpa | Kay Nietfeld
Die absolute Zahl an Besuchern könne nicht beziffert werden, es seien aber mehrere Zehntausend, so ein Sprecher der Polizei.
Die absolute Zahl an Besuchern könne nicht beziffert werden, es seien aber mehrere Zehntausend, so ein Sprecher der Polizei. © Getty Images | Carsten Koall
Überall in Kreuzberg wird getanzt und musiziert.
Überall in Kreuzberg wird getanzt und musiziert. © Jörg Krauthöfer
Zwischen den Musikern wird immer wieder Bier und Sekt verkauft.
Zwischen den Musikern wird immer wieder Bier und Sekt verkauft. © Jörg Krauthöfer
Auch ohne Instrumente kann man auffallen. Zum Beispiel mit Kostüm und Einrad.
Auch ohne Instrumente kann man auffallen. Zum Beispiel mit Kostüm und Einrad. © dpa | Kay Nietfeld
Als Jongleur auf einem Einrad hat man eine gute Sicht über die Massen.
Als Jongleur auf einem Einrad hat man eine gute Sicht über die Massen. © dpa | Kay Nietfeld
Bei zehntausenden von Menschen reichen die wenigen Mülleimer nicht aus.
Bei zehntausenden von Menschen reichen die wenigen Mülleimer nicht aus. © Jörg Krauthöfer
Bei 18 Grad lässt es sich besonders entspannt feiern.
Bei 18 Grad lässt es sich besonders entspannt feiern. © dpa | Kay Nietfeld
Da zieht mancher Mayfest-Gast auch sein Oberteil aus.
Da zieht mancher Mayfest-Gast auch sein Oberteil aus. © dpa | Kay Nietfeld
Andere Besucher schieben zwischen Bier und Tanz ein kleines Schläfchen ein.
Andere Besucher schieben zwischen Bier und Tanz ein kleines Schläfchen ein. © dpa | Kay Nietfeld
Ramona Pop, die Vorsitzende der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus in Berlin, spricht mit Polizisten.
Ramona Pop, die Vorsitzende der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus in Berlin, spricht mit Polizisten. © dpa | Maurizio Gambarini
Auch die kleinsten Besucher lassen sich von lauter Musik nicht am Schlafen stören.
Auch die kleinsten Besucher lassen sich von lauter Musik nicht am Schlafen stören. © dpa | Kay Nietfeld
Weniger entspannt geht es auf den Demonstrationen zu, die traditionell die Maifeierlichkeiten begleiten.
Weniger entspannt geht es auf den Demonstrationen zu, die traditionell die Maifeierlichkeiten begleiten. © Ulrich Kraetzer
Die Teilnehmer haben ihre Forderungen auf große Plakate und Banner geschrieben.
Die Teilnehmer haben ihre Forderungen auf große Plakate und Banner geschrieben. © Jörg Krauthöfer
Andere Demonstranten tragen Schilder.
Andere Demonstranten tragen Schilder. © dpa | Maurizio Gambarini
Trotz Verbots laufen die Demonstranten die Oranienstraße entlang.
Trotz Verbots laufen die Demonstranten die Oranienstraße entlang. © REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Linke Gruppen demonstrieren  unter dem Motto "Grenzenloser Widerstand - gegen Krieg und Kapital - für die soziale Revolution weltweit".
Linke Gruppen demonstrieren unter dem Motto "Grenzenloser Widerstand - gegen Krieg und Kapital - für die soziale Revolution weltweit". © dpa | Kay Nietfeld
Vermummte Teilnehmer haben Bengalisches Feuer gezündet.
Vermummte Teilnehmer haben Bengalisches Feuer gezündet.© dpa | Maurizio Gambarini
Die Luft über den Demonstranten ist voller Rauch.
Die Luft über den Demonstranten ist voller Rauch. © dpa | Maurizio Gambarini
Ein Vermummter wirft bei der Demonstration mit Steinen.
Ein Vermummter wirft bei der Demonstration mit Steinen. © dpa | Kay Nietfeld
Es kommt zu Flaschen- und Steinwürfen.
Es kommt zu Flaschen- und Steinwürfen. © dpa | Kay Nietfeld
Die Polizisten versuchen die Flaschenwerfer zu erreichen. Dabei fällt eine Frau zu Boden.
Die Polizisten versuchen die Flaschenwerfer zu erreichen. Dabei fällt eine Frau zu Boden. © dpa | Kay Nietfeld
Vermummte sind auf ein Dach geklettert.
Vermummte sind auf ein Dach geklettert.© dpa | Maurizio Gambarini
Mehrere Menschen werden verletzt.
Mehrere Menschen werden verletzt. © dpa | Kay Nietfeld
Nach den Flaschen- und Steinwürfen hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen.
Nach den Flaschen- und Steinwürfen hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen.© dpa | Kay Nietfeld
Am Rande der Demonstration feiern die Menschen weiter.
Am Rande der Demonstration feiern die Menschen weiter. © Jörg Krauthöfer
Nach den vereinzelten Flaschen- und Steinewürfen ist es wieder friedlich.
Nach den vereinzelten Flaschen- und Steinewürfen ist es wieder friedlich. © Jörg Krauthöfer

Wohl nur in Kreuzberg wird das Mädchen mit Kopftuch von einer gepiercten Punkerin gegen Anwürfe verteidigt. Tatsächlich kann man den ganzen Kreuzberger 1. Mai als ein politisches Statement betrachten, wenn fast zeitgleich die AfD den „links-rot-grünen Siff“ zum Feindbild erklärt. Gar nicht zu reden davon, wie viele Menschen aus aller Welt sich friedlich amüsiert haben.

Der eingeschlagene Weg ist also richtig. Deswegen sollten es Bezirksamt, Innensenator, Polizei und Veranstalter nicht wieder so weit kommen lassen, dass die Veranstaltung monatelang auf der Kippe steht. Es wäre absurd, ein derart erfolgreiches Fest abzusagen. Sicher ist einiges am Konzept zu feilen. Mehr Raum für politische Diskussionen jenseits von Statements wäre schön. Ladeninhaber besser in das Geschehen einzubeziehen, würde die Stimmung heben bei denjenigen, die sowieso nur das Gewinninteresse einer überschaubaren Clique hinter dem Myfest wittern.

Aber das Myfest steht exemplarisch für die Entwicklung in Berlin. Eigentlich finden wir solche Straßenfeste, gerne auch politische, gut und gehen hin. Aber irgendwie kommen inzwischen immer so viele Menschen, Touristen gar oder Brandenburger, dass wir uns auch wieder nicht wohlfühlen. Es hilft aber nichts: Das muss man aushalten.