Angst-Studie

Die Deutschen sehen für die Zukunft schwarz

Foto: picture alliance

In Zeiten von Euro- und Schuldenkrise glaubt nur noch jeder Zehnte daran, dass es seine Kinder einmal besser haben werden.

Für das, was da auf Europas Verbraucher zukommt, ist Ivan Bascles Bild beinahe zu idyllisch: "Kennen Sie das, wenn Sie an einem wunderschönen, sonnigen Tag am Strand sind, aber die ersten Wolken auftauchen und Sie wissen: Gleich kommt das Unwetter? In genau dieser Situation fühlen sich Europas Verbraucher derzeit", sagt der Konsumexperte der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group. Wie seit annähernd zehn Jahren hat BCG auch jetzt wieder Verbraucher überall auf der Welt nach ihren Erwartungen für die Zukunft gefragt. So negativ wie dieses Mal waren die Antworten noch nie.

Angesichts von Euro- und Schuldenkrise hängen zwar dunkle Wolken über Europa und den USA – immerhin am Himmel über Deutschland gibt es noch die hellsten Flecken. Und dennoch glaubt gerade noch jeder zehnte Deutsche, dass seine Kinder es einmal besser haben werden als er. Der Leitmotiv-Satz der Wirtschaftswunder-Generation ist damit vom Aussterben bedroht. Die Studie liegt Morgenpost Online exklusiv für Deutschland vor.

"Nach der Lehman-Krise und deren Folgen hatten die Regierungen umfassende Konjunkturpakete gestartet. Das lässt sich in der Euro-Krise nun nicht mehr ohne weiteres wiederholen, weil kein Geld mehr da ist. Die Verbraucher spüren, dass jetzt die Gegenmittel fehlen", so Bascle. Das trübt die Konjunkturstimmung ein.

"Europas Verbraucher haben Angst vor der Zukunft", sagt der Konsumexperte. Schließlich habe es laut Umfrage keine der europäischen Regierungen geschafft, bei ihren Bürgern den Eindruck zu erwecken, sie könne der aktuellen Krise wirksam begegnen. Dass in Griechenland 93 Prozent der Befragten der Regierung die Schuld an der Krise geben, kann kaum verwundern. Doch auch in Deutschland sind immerhin 59 Prozent der Ansicht, die Regierung trage die Verantwortung.

Job-Angst im Euro-Land

Das schlägt sich auch in den Werten bei der Angst vor Arbeitslosigkeit nieder: 25 Prozent der befragten Deutschen sind sich unsicher oder gar sehr unsicher, ob sie im kommenden Jahr ihren Job noch haben werden. In Italien und Spanien dagegen zittert fast jeder Dritte um seinen Arbeitsplatz – im Boomland China dagegen ist es gerade einer von zehn Befragten.

Die große Job-Angst in Euro-Land könnte unter anderem damit zu tun haben, dass die meisten Unternehmen ihr Pulver gegen die Krise bereits verschossen haben. Wenn es noch schlimmer kommt, bleibt kaum eine Alternative, als über Entlassungen Kosten zu senken: "Irgendwann kann man nicht mehr sparen", weiß der Konsumexperte, "dieser Hebel greift dann nicht mehr". Immerhin halfen die Effektivitätsmaßnahmen gerade den deutschen Unternehmen, ihre Marktstellung zu stärken und einigermaßen unbeschadet aus der Krise zu kommen.

"Ich glaube nicht, dass die Wirtschaft besser wird, schon gar nicht in den nächsten Jahren": 39 Prozent der Deutschen unterschreiben diesen Satz – sie sind damit die Optimisten unter den Pessimisten in Europa. Denn 52 Prozent der Franzosen befürchten, dass es genau so kommen wird mit der Ökonomie, 51 Prozent der Spanier und 46 Prozent der Italiener. Benchmark des Optimismus ist auch hier China, wo nur 13 Prozent der Konsumenten nicht an einen Aufschwung glauben.

Weit entfernt von wirtschaftlicher Einheit

Generationenübergreifend sieht es ähnlich aus. 83 Prozent der befragten Chinesen erwarten, dass es ihre Kinder einmal besser haben werden als sie selber. In Spanien und Großbritannien glaubt das nicht einmal jeder Dritte – in Deutschland sind es gar nur 13 Prozent. Was auch daran liegen dürfte, dass es den meisten Deutschen aktuell nicht gerade schlecht geht.

Dennoch sind auch sie sicher, dass die öffentliche Schuldenkrise sie persönlich treffen wird. "Erstmals hat das in jedem Land mindestens jeder Zweite gesagt", erklärt Bascle. Im Europa-Durchschnitt sehen sich 58 Prozent der Befragten betroffen – die Spanne liegt zwischen 53 Prozent in Deutschland und 93 Prozent in Griechenland. Selbst, wer nicht mit dem Euro bezahlt, entkommt den Folgen der Schuldenkrise nicht: Die Briten, die ihr Pfund behalten haben, liegen auch bei dieser Antwort genau im Schnitt jener Länder mit der Euro-Währung.

"So große Unterschiede gab es zwischen den europäischen Staaten bei unserer Umfrage zuvor noch nie. Vor zehn Jahren waren die Ergebnisse noch in allen Staaten ähnlich", sagt Bascle. "Diese dramatische Veränderung in der ersten großen Euro-Krise spricht eindeutig dafür, dass wir von der wirtschaftlichen Einheit, wie wir sie im Maastricht-Vertrag im Sinn hatten, noch weit entfernt sind."

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