Nils sitzt in einem Sessel vor dem Fernseher, die Hände im Schoß, die Füße auf einem Hocker, in seinem Rücken ein Kissen. Er schaut die
Simpsons. Dann, plötzlich, stockt der Dialog, das Bild ruckelt, es sieht aus, als ob der Empfang abreißen würde. Verantwortlich für diese Störung ist das Gehirn des Elfjährigen – offenbar ist es nicht richtig bei der Sache.

Was nach Science-Fiction klingt, nennt sich Neurofeedback-Training und soll Nils helfen, besser mit seiner Aufmerksamkeitsstörung ADHS umzugehen. Denn natürlich steuert er die Videosequenz nicht etwa mit der Kraft seiner Gedanken. Es sind seine Hirnstromwellen, die für Unterbrechung oder Fortlaufen des Videos sorgen.

Elektroden an Nils’ Kopf messen die elektrische Aktivität des Gehirns, auch Gehirnwellen genannt, und übertragen sie an den Computer. Der wertet sie aus und erzeugt den jeweiligen Effekt. Nils sieht auf seinem Monitor neben den Simpsons auch noch drei Balken, die ihm anzeigen, wie seine Hirnströme gerade arbeiten.

Dahinter steckt ein 100 Jahre altes Prinzip

Auf dem Bildschirm seines Therapeuten Thomas Schulz geht es wilder zu: eine gezackt verlaufende Kurve, darunter viele unterschiedlich gefärbte Balken, die sich auf und ab bewegen – ein bisschen wie die Equalizeranzeige bei einer Musikanlage. „Sie korrelieren mit verschiedenen Zuständen des Gehirns“, erklärt Schulz, Inhaber der Praxis für Neurofeedback in Mülheim an der Ruhr. Da gibt es etwa die Delta-Wellen, langsame Hirnströme, „auch Schlafwellen genannt“, oder die High-Beta-Wellen, die hohe Aktivierungszustände anzeigen wie Angst oder Panik.

Zwischen Schlaf- und Alarmzustand liegt ein abgestufter Wellenbereich, etwa die Alpha-Wellen, die für Nils eine große Rolle spielen: „Viel Alpha bedeutet, dass sich der Patient in einem Zustand entspannter Aufmerksamkeit befindet“, sagt Schulz. Theta-Wellen hingegen treten vermehrt bei Schläfrigkeit auf. „Ein Kind mit ADHS, das einen plötzlichen Schub an Theta-Wellen hat, träumt vor sich hin.“ Fragt dann der Lehrer: „Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?“, so lautet die Antwort natürlich „Nein“. „Und das Kind kann in diesem Moment auch gar nichts daran ändern“, weiß Schulz.

Vereinfacht gesagt, soll Nils’ Gehirn durch das Training lernen, das Auftreten sehr schneller und sehr langsamer Wellen herunterzufahren und den Mittelbereich anzuheben.

Hinter diesem komplexen Lernvorgang steckt ein einfaches Prinzip, das vor über 100 Jahren erstmals beschrieben wurde: die operante Konditionierung. Es besagt, dass sich ein beliebiges spontanes Verhalten verstärken lässt, wenn es etwa mit einem angenehmen Reiz gekoppelt wird. Der Computer im Training sorgt dafür, dass auf die erwünschten Hirnwellen (das spontane Verhalten) zum Beispiel der angenehme Reiz des ungestörten Videogenusses folgt. Weil das Gehirn an diesem Erfolg interessiert ist, findet es durch Ausprobieren heraus, wie es ihn erreichen kann – und passt sich diesen Erfordernisse an.

Nicht nur ADHS, sondern auch andere Krankheitsbilder zeigen bei der Hirnwellenmessung spezifische Muster. Zwar sei die Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen die „prototypische Anwendung“ des Neurofeedbacks, sagt der Psychologe Dr. Axel Kowalski, Inhaber der NeuroFit-Praxis in Krefeld und Dozent an der Akademie für Neurofeedback, doch es liefere auch bei anderen, vor allem stressbedingten oder chronischen Erkrankungen, gute Resultate. Meist haben die Patienten schon vergeblich alles mögliche ausprobiert. „Sie suchen nicht mehr nach möglichst schneller, sondern nach langfristiger Besserung“, so Kowalski. Das ist wichtig, weil Neurofeedback viel Zeit benötigt. Etwa fünf Sitzungen brauchen die meisten, um mit der Methode warm zu werden. Zwischen der sechsten und zehnten sei in der Regel mit „ersten Anzeichen in Richtung Besserung“ zu rechnen, sagt Kowalski. Die Formulierung wählt er bewusst unspezifisch – „denn die Wirkung kann sehr unterschiedlich sein“. Sei das geschafft, dauere es zum Beispiel im Fall einer Migräne noch etwa drei bis fünf Sitzungen, bis ein Patient sie einigermaßen in den Griff bekomme.

Das Neurofeedback-Training ist keine alternative Heilmethode sondern ein Lernprozess, der andere Verfahren begleiten oder auf sie folgen kann. „Wichtig ist dabei eine gute Zusammenarbeit mit den anderen Disziplinen“, sagt Schulz. Mit dem Allgemeinmediziner, dem jeweiligen Facharzt oder dem Psychotherapeuten.

Auch bei Nils verlangte die Therapie eine stete Rücksprache mit dem behandelnden Arzt, wie Schulz betont. Der Junge bekam Ritalin, das wirkte, aber es verursachte auch Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. „Unser Ziel war daher, den Zustand, den Nils mit Medikament erreichen konnte, ohne Medikament zu erreichen.“ Heute nimmt Nils kein Ritalin mehr.