Krankenhaus-Studie

Der mühsame Kampf gegen die kleinen und großen Klinikfehler

Eine Studie bescheinigt Kliniken Fortschritte bei der Vermeidung von Behandlungfehlern. Doch eine echte Sicherheitskultur fehlt meist.

Zehntausende Behandlungsfehler passieren jedes Jahr in deutschen Kliniken. Jeder zweite wäre vermeidbar.

Zehntausende Behandlungsfehler passieren jedes Jahr in deutschen Kliniken. Jeder zweite wäre vermeidbar.

Foto: Istockphoto/Necip Yanmaz

Klinikkeime, Falschdiagnosen, OP-Besteck im Bauchraum: Was tun die deutschen Krankenhäuser, um die Sicherheit ihrer Patienten zu verbessern? Wie steht es um Hygienestandards und Behandlungsrisiken? Das Institut für Patientensicherheit an der Universität Bonn (IfPS) hat für eine Studie bei den Kliniken nachgefragt.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Die deutschen Krankenhäuser haben in den vergangenen fünf Jahren viel getan, um die Patientensicherheit zu verbessern und eine neue Sicherheitskultur zu pflegen. Aber gut ist die Lage noch längst nicht überall.

Neun von zehn Kliniken testen Risikopatienten mittlerweile auf multiresistente Klinikkeime – vor fünf Jahren waren viele noch weit von diesem Standard entfernt. Fast alle Häuser nutzen zudem Patientenbefragungen, um nach Risiken zu forschen.

Beim Umgang mit Behandlungsfehlern dagegen gibt es weiter Defizite: Viele Kliniken haben zwar mittlerweile Systeme eingeführt, bei denen Ärzte und Pfleger anonym Fehler melden können, mögliche Risiken von Klinikbehandlungen werden aber nur selten systematisch und vorausschauend in Angriff genommen. Laut Studie tauschen sich Ärzte und Pflegekräfte zu wenig aus, viele Häuser haben noch kein systematisches klinisches Risikomanagement eingeführt.

Die größten Sicherheitsrisiken im Klinikalltag

In etlichen Krankenhäusern wird zudem über Fehler nicht gerne geredet – schlechte Voraussetzungen für eine offene Sicherheitskultur. "Wir sind in Deutschland noch oft geneigt, nach den Schuldigen zu suchen – und nicht nach den Ursachen", kritisiert Hedwig Francois-Kettner vom Aktionsbündnis Patientensicherheit.

Internationale Studien zeigen, dass etwa die Hälfte aller unerwünschten Ereignisse bei der Patientenversorgung durch besseres Risikomanagement verhindert werden könnte. Das wissen auch die Kliniken: "Die Häuser sagen uns, dass sie gerade mal 50 Prozent dessen erreicht haben, was sie eigentlich wollen."

IfPS-Direktorin Tanja Manser hat die Selbstauskünfte von 572 Krankenhäusern, Rehakliniken und Psychiatrien ausgewertet und mit den Daten von 2010 verglichen. In Auftrag gegeben hatte die Studie das Aktionsbündnis Patientensicherheit mit der Techniker Krankenkasse (TK) und dem AOK-Bundesverband. Am Donnerstag wurden die Ergebnisse in Berlin vorgestellt.

In der Umfrage sollten die Kliniken angeben, wo sie die größten Sicherheitsrisiken sehen. Auf Platz eins landeten die Schnittstellen im Klinikalltag: Fehler bei der Patientenaufnahme, Missverständnisse bei der Übergabe von einer Abteilung in die andere, Versäumnisse bei der Entlassung. Mal gehen Informationen verloren, mal werden Anwendungen vergessen oder Diagnosen missachtet.

Angst vor Behandlungsfehlern

Gravierende Fehler drohen auch bei der Arzneimittelvergabe (Platz zwei). Mal sind es die falschen Medikamente, mal die falsche Dosierung oder sogar die falsche Verabreichungsform. Ein harmloses Präparat wie die Trinklösung zur Vorbereitung einer Darmspiegelung kann lebensbedrohlich wirken, wenn sie aus Versehen dem Patienten nicht zum Trinken gereicht, sondern in großer Menge ins Blut gespritzt wird.

Bemerkenswert ist die Einschätzung des Infektionsrisikos: Über die Klinikhygiene und die Ausbreitung von Krankenhauskeimen machen sich die befragten Häuser nicht mehr so große Sorgen wie noch vor fünf Jahren. In der Bevölkerung dagegen ist genau das die allergrößte Angst: Fast zwei Drittel der Deutschen haben einer Umfrage zufolge Furcht, sich bei einem Krankenhausaufenthalt mit einem multiresistenten Keim anzustecken.

Demgegenüber hat nur knapp die Hälfte der Befragten Angst vor Behandlungsfehlern, ein gutes Drittel hält es für möglich, dass das Operationsbesteck verunreinigt ist, ähnlich viele haben Angst vor Komplikationen bei einem Eingriff. Aus Kassensicht ein nachvollziehbares Bild: Über das Thema Klinikkeime wird breit berichtet – Experten schätzen die Zahl der Krankenhausinfektionen in Deutschland auf 400.000 bis 600.000 Fälle pro Jahr. In 10.000 bis 15.000 Fällen führen die Klinikkeime zum Tod.

Im Gegensatz zum öffentlichen Eindruck sei die Zahl der Patienten, die an einer Krankenhausinfektion litten, in den vergangenen fünf Jahren aber nicht deutlich angestiegen, sagte TK-Chef Jens Baas. Zudem sei das Risikomanagement in diesem Bereich heute deutlich besser. Was erklärt, warum die Kliniken das Thema nur auf Platz fünf der größten Risiken sehen.

Fehlendes Personal ist Risikofaktor

Alarmierender finden sie die Lage in den Notaufnahmen (Platz vier): Das Personal ist oft überlastet, die Entscheidungen müssen sehr schnell getroffen werden. "Wenn dort Fehler gemacht werden, können sie sich in der ganzen Behandlungskette weiterentwickeln", warnt IfPS-Direktorin Manser. Weitere Risikoschwerpunkte sehen die Kliniken bei der Fachkompetenz des Personals, bei Stürzen im Krankenhaus, bei der Verwechslung von Patienten, Proben und Befunden, sowie bei den medizintechnischen Geräten und bei der Versorgung von Patienten mit Demenz.

Grundsätzlich aber bleibt das größte Risiko der menschliche Faktor – Stress, Hektik und Überforderung bestimmen vielerorts den Klinikalltag: "Fehlendes Personal ist ein Risikofaktor, der uns zunehmend große Sorgen macht", sagt TK-Chef Baas. Die Regierung sollte die geplante Klinikreform in diesem Sinne anschärfen und "die Kliniken zwingen, mehr Pflegekräfte vorzuhalten".

Auch Martin Litsch, kommissarischer Vorstand des AOK-Bundesverbands, sieht Nachbesserungsbedarf beim Gesetzentwurf der Bundesregierung: Beim Pflegepersonal müssten Standards festgelegt werden. "Das steht so nicht im Gesetz, das würden wir uns aber wünschen."

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