Gesellschaft

Mit 50 stehen Frauen in der Blüte ihres Lebens

Mit 50 sind Frauen heute noch lange nicht alt. Sie sehen jung aus, fühlen sich auch so – und werden jedes Jahr ein bisschen glücklicher.

Frauen haben mit dem früheren Muttchen-Image der Altersgruppe über 50 nicht mehr viel zu tun. Sich jung und attraktiv zu fühlen, wird für viele Frauen zur Regel

Frauen haben mit dem früheren Muttchen-Image der Altersgruppe über 50 nicht mehr viel zu tun. Sich jung und attraktiv zu fühlen, wird für viele Frauen zur Regel

Foto: Getty Images

Klagenfurt.  Sich zu alt für etwas fühlen? Madonna kann darüber nur lachen. 57 Jahre alt wurde die Sängerin am Sonntag, und sie wird auch künftig in hohen Stiefeln und knappen Outfits über rote Teppiche laufen. So wie im Februar bei den Grammy Awards, als sie im Vorbeilaufen noch ihr kurzes Röckchen hob. "So sieht ein 56-jähriger Hintern aus!", verkündete sie dazu im "Rolling Stone". Sie verstehe nicht, warum gemeinhin akzeptiert werde, dass Frauen ab einem bestimmten Alter sich nur in einer bestimmten Weise verhalten dürften. "Aber ich halte mich nicht an die Regeln. Das habe ich nie, und ich werde damit auch nicht anfangen."

Das bestimmte Alter, damit ist die Menopause gemeint. Früher läutete das Ende der Fruchtbarkeit um den 50. Geburtstag herum die Zeit als alte Frau ein, als Oma. Es bedeutete das Ende der kurzen Röcke, des Ausgehens und Flirtens, und mit dem Sex war es dann oft auch vorbei. Das Leben schien vorüber zu sein. Zumindest dessen spannender Teil. Doch das hat sich völlig verändert. Frauen mit 50 sehen aus wie 40, die Zahl der gelebten Jahre ist nicht länger der einzige Maßstab für das Alter. Frauen fühlen sich nicht nur viel jünger, als sie sind, sie sehen auch jünger aus, und sie werden eine ganze Zeit lang sogar glücklicher, je älter sie werden.

Ein Drittel des Lebens vor sich

Frauen in den Wechseljahren haben heute weit mehr Lebenszeit vor sich als in allen Generationen zuvor. Noch weitere 34 Jahre beträgt die geschätzte Lebenserwartung, wenn eine Frau in Deutschland 50 Jahre alt wird. Frauen befinden sich zum Zeitpunkt der Menopause also gewissermaßen in ihrem mittleren Alter – fast ein Drittel ihres Lebens liegt noch vor ihnen.

Um durchschnittlich elf Jahre jünger empfinden sich Frauen nach den Wechseljahren, zeigt eine Studie der Universität Klagenfurt. Die Psychologinnen Alexandra Grillitsch und Brigitte Jenull hatten 99 Teilnehmerinnen zwischen 50 und 85 Jahren befragt, das Durchschnittsalter lag bei 58 Jahren. "Der Mittelwert des gefühlten Alters lag jedoch bei 47 Jahren", berichten sie im "Journal für Psychologie". "Das bedeutet, dass sich Frauen im Schnitt elf Jahre jünger fühlen, als sie es tatsächlich sind."

Nur eine einzige der befragten Frauen gab an, sich älter zu fühlen, als sie tatsächlich war. Zwar weiß man nicht, ob sich nicht auch früher schon ältere Frauen jünger fühlten, als es ihre Lebensjahre anzeigten, doch es gibt Hinweise darauf, dass die Frauen auch objektiv gesehen jünger erscheinen.

Denn sie sähen tatsächlich jünger aus, sagt Renate Huch. Die Ärztin hat bis zu ihrer Emeritierung die Universitätsfrauenklinik in Zürich geleitet. Wer sich alte Familienfotos ansehe und die Großmütter von früher mit den heutigen vergleiche, der werde sehr große Unterschiede erkennen. Die damaligen Omas und Uromas sähen um eine ganze Generation älter aus als die von heute – und das, obwohl sie im Schnitt in einem früheren Alter zur Großmutter und Urgroßmutter geworden seien.

Die Ursachen für diesen augenfälligen Wandel sind vielfältig: Der heute weitaus höhere Wohlstand und die sichere Umwelt helfen dabei, ohne massive existenzielle Ängste aufzuwachsen und seinen Weg zu gehen. Die moderne Medizin hilft in allen Lebenslagen, sich möglichst gesund und fit zu fühlen, etwa in den Wechseljahren mithilfe der Hormonersatztherapie. Dazu kommen eine gesündere Lebensweise, mehr Bewegung und eine ausgewogene Ernährung bis ins hohe Alter. So rauchten etwa heute nicht mehr so viele Frauen wie noch vor 50 Jahren, sagt Huch. Das entlaste den Hormonhaushalt und senke das Risiko für viele Erkrankungen. Auch die Gleichstellung im Berufsleben spiele eine Rolle. "Frauen haben heute einen größeren Spielraum. Sie können Aufgaben erfüllen, die im Vergleich zu denen in früheren Generationen von größerer Bedeutung sind", sagt Renate Huch.

So kommt es, dass Frauen mit dem früheren Muttchen-Image der Altersgruppe über 50 nicht mehr viel zu tun haben. Dass die Frauen sich jünger fühlen und jünger aussehen, macht sie auch zufriedener mit ihrem Leben, wie die US-Psychologin Susan Nolen-Hoeksema herausfand. Frauen geht es, wie sie in einer Studie mit mehr als 1300 Männern und Frauen zeigen konnte, sogar besser, je älter sie werden. Im Alter zwischen 45 und 75 Jahren werden Frauen den Studienergebnissen zufolge seltener depressiv und erkranken seltener an einer Angststörung. Auch fühlten sie sich weniger einsam als jüngere Frauen.

Bei Männern ist der Trend eher gegenläufig: Sie werden im Alter tendenziell einsamer, ängstlicher und depressiver. Dass Frauen in der Mitte ihres Lebens aufblühen, begründet Nolen-Hoeksema damit, dass sie ihre Stärken und Ressourcen besser zu nutzen wissen als Männer. Sie holen sich eher Unterstützung in ihrem Umfeld, gehen schneller zum Arzt, suchen sich Aufgaben, die ihrem Leben einen Sinn geben. Das macht Frauen anpassungsfähiger, flexibler und glücklicher. Auch eine englische Langzeitstudie des University College in London mit mehr als 10.000 Teilnehmern zeigt, dass Frauen ab 50 Jahren glücklicher und optimistischer sind als Männer der gleichen Altersgruppe.

Positiver Blick auf eigenen Körper

Neben der sozialen Kompetenz von Frauen gibt es dafür noch einen anderen Grund. Untersuchungen zufolge verändert sich mit dem Alter der Frauen auch ihr Blick auf den eigenen Körper – und zwar zum Positiven. So fanden Alexandra Grillitsch und Brigitte Jenull nicht nur heraus, dass Frauen sich jünger fühlen, sondern auch, dass sie nicht allzu sehr unter der Gewichtszunahme leiden, die die Wechseljahre oft mit sich bringen.

In der Klagenfurter Studie waren die übergewichtigen Frauen sogar zufriedener mit ihrem Körper als die normalgewichtigen, wie die Psychologinnen berichten. Sie fühlten sich attraktiver und hatten mehr Selbstvertrauen. "Der Druck, dünn zu sein, könnte sich mit zunehmendem Alter verringern", vermuten die Forscherinnen. Fünf Kilo mehr oder weniger spielen mit über 50 einfach keine so große Rolle mehr.

Das glaubt auch Renate Huch. Einer gängigen Volksweisheit zufolge wandle sich die Figur der Frauen nach der Menopause entweder in Richtung "Typ Ziege" oder in Richtung "Typ Kuh", sagt sie. Frauen sind nach der Menopause also eher recht dünn oder eher dick. Frauen würden damit inzwischen gelassener umgehen. "Außerdem sind bei fülligeren Frauen auch die Falten weniger zu sehen", sagt die Medizinerin.

Und noch etwas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert: die Einstellung zur Sexualität von Frauen jenseits der 50. Heutzutage müssen sie die Zeit danach keineswegs als geschlechtslose Wesen verbringen. "In den westlichen Gesellschaften können Frauen ihre Sexualität bewusst und ohne Angst ausleben. Sie können sich auch jüngeren Männern zuwenden, ohne dafür gesellschaftlich geächtet zu werden", sagt die Züricher Wissenschaftlerin.

Und Lust haben Frauen durchaus. Das ergab eine Befragung von 94 Frauen zwischen 50 und 82 Jahren durch die Münchner Gynäkologin Gerlinde Debus. 53,2 Prozent dieser Frauen waren noch sexuell aktiv, 53,8 Prozent von ihnen mehrmals pro Monat, 13,5 Prozent von ihnen sogar mehrmals pro Woche. 68,3 Prozent der Frauen erlebten einen Orgasmus beim Geschlechtsverkehr und 86,2 Prozent bei der Masturbation.

Das Fazit der Münchner Ärztegruppe: "Die meisten Frauen im Klimakterium und kurz danach genießen ihre Sexualität im gleichen Maße, wie sie es während ihrer ganzen fruchtbaren Lebenszeit getan haben." Zwar gab es unter den älteren Teilnehmerinnen eine Tendenz zu geringerer Frequenz und geringerem Interesse, doch das liegt vermutlich auch an ihren Partnern. Während bei Frauen das Maximum sexueller Aktivität um 30 liegt und nach leichtem Absinken auf einem sich kaum ändernden Niveau bleibt, nimmt bei den Männern die sexuelle Aktivität ab 30 stetig ab.

Sich mit über 50 selbstbewusst, jung und attraktiv zu fühlen, werde für Frauen zur Regel, ist Renate Huch überzeugt. Frauen wie Madonna, so überzogen ihre Art manchem erscheinen mag, haben dabei geholfen. Natürlich gibt es Kritik, dass der durchschnittliche 56-jährige Hintern nicht so aussehe wie ihrer. Da sagt die Sängerin: "Ja und? Eines Tages könnten den aber alle Frauen haben."

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.